Kaiserslautern Dramatisch und mit Anmut
Große Töne und viel Gefühl: Bei der Hauptversammlung des Deutschen Bühnenvereins, der in diesem Jahr in Kaiserslautern stattfindet (wir berichteten), veranstaltete die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit am Freitag im Pfalztheater ein Nachwuchsvorsingen.
Auf durchweg hohem gesangstechnischen und teilweise auch gestalterischen Niveau in punkto Bühnenpräsenz und Ausstrahlung bewegte sich die leider trotz freiem Eintritt nur schwach besuchte Veranstaltung, bei der neun Kandidaten verschiedener Stimmfächer und Genres ihre klingende Visitenkarte abgaben. Die Künstler wählten dabei Klangbeispiele aus, mit denen fast alle ihr stimmliches Potenzial ins beste Licht rücken und sich nachdrücklich für weitere Aufführungen empfehlen konnten. Eine solche Chance zur Profilierung nahm schon beim furiosen Auftakt die russische Mezzosopranistin Sofiya Almazova entschlossen wahr, als sie die Seguidilla aus Bizets Oper „Carmen“ in entwaffnender Lockerheit und Leichtigkeit der Stimmansprache meisterte. Einziger Wermutstropfen waren die manchmal am Ende einer melodischen Phrase dynamisch nachgedrückten und nicht verklingenden Endungen. Mit großer Strahlkraft und langem gestalterischem Atem, bei dem sie ohne Ermüdungserscheinungen die Spannungsbögen souverän bewältigte, nahm auch die griechische Sopranistin Panagiota Sofroniadou in der Koloraturpartie aus Mozarts „Idomeneo“ das Publikum für sich ein. Mit dieser „Tragédie lyrique“ zog ein dramatisches Moment auf die Bühne ein. In der gelegentlichen Übertreibung dramatischer Effekte und der immensen inneren Anspannung war zugleich die Frage nach stimmlicher Ästhetik zu stellen. Mit den Genres, Gattungen und Stimmfächern wechselten auch deren Charakteristika: So ist der folgende Spieltenor oder Tenorbuffo für die heitere Note entsprechender Opera Buffa und Operetten gesetzt; er soll so beweglich sein wie ein lyrischer Tenor, weniger strahlend und voluminös wie ein Heldentenor und nicht so gedankenschwer wie ein Tenor des Charakterfachs. Eine Gratwanderung, die der Amerikaner Ian José Ramirez bei Partien von Offenbach und Leoncavallo durchaus angemessen verkörpert und vor allem mit pulsierendem Leben füllt und dabei auch noch mit ausgeglichener Stimmgebung punktet. Eine ökonomische und nicht wie bisweilen bei manchen Damen überreizte Stimmführung sorgte hier zusammen mit einem ausdrucksstarken Habitus für Momente vokalistischer Faszination. Dass nicht nur Stimmfächer wechseln, sondern auch die Interpretationsansätze, zeigte sich beim nächsten Vortragsblock mit der israelischen Sopranistin Anat Edri: Bei Mozarts Partie aus „Hochzeit des Figaro“ sang sie nicht primär mit einer – oft verbreiteten – nach außen wirkenden und zur Schau gestellten stimmlichen Bravour; sondern verinnerlicht, mit melodischer Grazie und Anmut. Sie gestaltete in kleinsten Nuancen mit dennoch größter seelischer Schwingung. Und ihre in Melismen und Verzierungen (Manieren) gestochen klaren Ausführungen einer Händel-Arie gehörten zum Besten des Nachmittags. Das „Drame Lyrique“ zu Goethes Briefroman von Massenet zeigt als Kontrast zu dem vorhergehenden Programmpunkt bei der deutschen Mezzosopranistin Alexandra Ionis dramatische Intensität bei einem ungewöhnlich interessanten und sonoren Timbre. Der folgende Bariton Dominic Große aus Deutschland war einer der wenigen Interpreten bis dato, der die Feinheiten melodischer Finessen nicht plakativ und eruptiv, sondern aus verhaltenen Pianissimo-Klangfarben heraus gestaltet. So gehört etwa bei einer Partie aus Donizettis „Don Pasquale“, eine Opera buffa, die ohnehin nicht die auftrumpfende Gebärde verlangt. Wie dieser Interpret in geschmeidiger Eleganz seine Stimme über alle Koloraturketten hinweg sehr locker führte und sicher stützte war eine Klasse für sich. Zu diesem Eindruck passte sehr gut die Vortragsreihe der russischen Sopranistin Anastasia Zaytseva, die eine Partie aus Mozarts „Don Giovanni“ in entwaffnender Natürlichkeit sang. Bei der Veranstaltung am Freitag war Mozart der am häufigsten gewählte Komponist. Mit Blick auf seine Tonsprache, die höchste stimmliche Ästhetik und Klarheit verlangt, gelang es der Sopranistin, zu gefallen. Lediglich der chinesische Tenor Liu Chang schien noch auf der Suche nach seiner musikalischen Identität. Die beiden Arien von Mozart und Donizetti wirkten in der Stimmgebung angespannt, verkrampft und hatten nicht den Glanz der anderen Vortragsfolgen. Eine Hypothek für die den Abschluss bildende deutsche Mezzosopranistin Jessica Véronique Miller? Oft ist am Ende eines solchen Mammutprogramms die sprichwörtliche Luft raus. Nicht aber bei diesem temperamentvollen Energiebündel, das ebenfalls – wie könnte es anders sein – eine Mozart-Partie mit großer Überzeugungskraft verkörperte. Ein Sonderlob gebührt dem alles begleitenden Pianisten Ulrich Pakusch, der diesen Marathonlauf technisch einwandfrei, mit großem Einfühlungsvermögen und als wertvolle Stütze souverän meisterte. Chapeau!