Kaiserslautern
Die „Strahlkraft“ des Transferzentrums „42kaiserslautern“ schon vorab nutzen
Fahles Baustellenlicht taucht die nackten Wände und Decken in eine leicht gespenstische Atmosphäre. Knapp 40 Füße tasten sich über den unebenen Beton mit allerlei Hindernissen, über den Köpfen winden sich dicke und dünne Rohre wie metallbeschuppte Schlangen an der Decke entlang. „Bitte die erhöhten Leisten auf dem Fußboden, die Kabelkanäle, nicht betreten!“, mahnt Antje Boerner das Besuchergrüppchen an. Die Sprecherin des Transferzentrums ruft die Menschen zu den angestrahlten Aushängen an der rechten Wand zusammen.
„Im Februar nächsten Jahres haben wir die Eröffnung geplant“, sagt sie. Um sich in diesem Rohbau in der Eisenbahnstraße 42 eine Wohlfühloase vorzustellen, bedarf es noch einiger Fantasie. Citymanager Constantin Weidlich, der zusammen mit 42kaiserslautern Interessierte zu einer Besichtigung dieser Räume und von Leerständen in der Umgehung eingeladen hatte, richtet den Blick aufs Positive. „Eigentlich sollte schon der Estrich auf dem Boden sein, dann wären auch die Kabelkanäle bereits verschwunden. Die Arbeiten haben sich jedoch verzögert – nur deswegen können wir hier überhaupt noch die Begehung machen, denn sonst hätte die Zeit fürs Aushärten nicht gereicht.“
„Niederschwellige“ Angebote für alle Bevölkerungsgruppen
Seit dem 1. August ist das Projekt mit dem Namen „42kaiserslautern“ eine gemeinnützige GmbH und Tochter des Wissenschaftsnetzwerks „Science and Innovation Alliance Kaiserslautern“ (SIAK), das den Anstoß dazu gab. In dem ehemaligen C&A-Komplex sollen Wissenschaft und Wirtschaft mit der Stadtgesellschaft zusammenkommen: durch Ausstellungen, Veranstaltungen oder schlicht beim Treffen im angegliederten Café. Alles soll „niederschwellig“ sein, wie Boerner betont, „damit es jeder versteht und nicht nur Forscher“. Unterstützt wird das Projekt finanziell vom Wissenschaftsministerium des Landes sowie von lokalen Partnern: von der RPTU, Hochschule, Instituten und von der Handwerkskammer, der Firma Wipotec, der Sparkasse und den Stadtwerken.
Kernstück des „42“ wird das Erdgeschoss sein; darüber finden sich Büro- und Wohnflächen, auf dem Dach „ein Dachgarten mit großen Bäumen, der tagsüber den Mietern zur Verfügung steht, abends bis 22 Uhr als Eventlocation buchbar ist“, informiert Geschäftsführer Johannes Korz.
Wer ins Café geht, muss an den Ausstellungen vorbei
„Wir wollen Ausstellungen zu verschiedenen Themenwelten machen, beginnend mit Gesundheit und Ernährung beziehungsweise digitale Landwirtschaft“, stellt Boerner das Konzept vor. „Hier, wo ich stehe, wird eine Sitztribüne sein, und diesen Flexspace können verschiedene Gruppen für Ausstellungen und Events nutzen; zum Beispiel Jugend forscht, Kultur, Bürgerveranstaltungen...“, listet sie auf. Maximal 100 Personen wird der Veranstaltungsraum fassen, der ebenso wie der „Flexspace“ und zwei Meetingräume zu mieten sein wird. Der Empfangstresen soll montags bis samstags von 9 bis 19 Uhr besetzt sein. Die Bürger anlocken soll vor allem ein Café mit direktem Zugang zum Spielplatz im Innenhof, „in Kaiserslautern das einzige so gelegene, soweit ich weiß!“. Wer sich dort auf einen Kaffee trifft, muss an den Ausstellungen vorbei, betont sie das Konzept.
Diese sollen „zu 99 Prozent kostenlos“ sein, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Ebenso sollen Bürger durch Interaktion mitgenommen werden. Als erste Beispiele nennt Boerner KI-gestütztes Vokabel Lernen mit Eye-Tracking oder ein Modellhaus der Handwerkskammer mit Smart-Home-Funktionen. „Nach sechs bis acht Monaten wird es einen Themenwechsel geben“, kündigt Boerner an. Als weitere Themenfelder sind Mobilität, Energie und Industrie 4.0 geplant. Die Bürger sind zur Partizipation aufgefordert, analog wie digital; auf der Plattform „KLmitWirkung“ gab es bereits eine Bürgerbeteiligung. Das Team von „42“ und dem Citymanagement wolle demnächst auch mit einer Marketingkampagne starten, „um die Eisenbahnstraße zu beleben“.
Denn darum geht es schwerpunktmäßig an diesem Abend. Start-ups, Gründer, Kreative, soziale Einrichtungen, innovative Einzelhändler hatte Boerner eingeladen, damit diese sich umliegende Leerstände ansehen können – oder „Potenzialflächen“, wie Weidlich sie nennt. Eine ist in dem Gebäude im Erdgeschoss, gehört jedoch nicht zum Transferzentrum, sondern wird von der PRE – die den Gesamtkomplex entwickelt hat – vermietet. „300 Quadratmeter, mit Schaufensterfläche und Innenhof“, preist Korz die Räumlichkeiten an. „Etwas Kreatives würde uns hier gefallen.“
Künstlerwerkgemeinschaft auf der Suche nach neuen Räumen
Ein paar Häuser weiter, an der Ecke zur Maurerstraße, stehen die Flächen der vormaligen Santander-Bank zur Verfügung. „Der Handelsbesatz, wie wir es nennen, ändert sich ständig“, erläutert Weidlich. „Die Innenstadtlagen sind nicht mehr so beliebt wie in den 80er Jahren, in den 90ern ging der Trend dann auf die grüne Wiese.“ Das Citymanagement versuche, sich dem geänderten „Consumerverhalten“ anzupassen und wieder „mehr Traffic in die Eisenbahnstraße zu bringen“. Das „42“ werde „eine gewisse Strahlkraft“ haben, sodass die umliegenden Häuser laut Weidlich attraktiver werden. Rainer Mährlein, Silvia Rudolf und Wolfgang Löster von der Künstlerwerkgemeinschaft (KWG) „würden die Räume hier natürlich nehmen“, sagt Rudolf, es komme immer auf die Konditionen an. Die KWG war fast drei Jahre im gegenüberliegenden „Fuchsbau“, der vormaligen Drogerie Müller, und habe der Familie Fuchs dort nur Nebenkosten zahlen müssen, wie Mährlein betont.
Er hat auch beim nächsten Objekt, dem über alle Etagen leerstehenden Haus in der Eisenbahnstraße 33, das die Gruppe nur von außen zu sehen bekommt, eine gezielte Frage der Künstler: „Ist eine temporäre Zwischennutzung im Rohzustand möglich?“ Das könne man auf jeden Fall erfragen, erwidert Weidlich.
„Zwar stimmt es, dass gar nicht so viele Leerstände in der Eisenbahnstraße sind: Aber es kommt auch auf die Art der Geschäfte an“, kommentiert Klaus Dorsch beim Marsch zum oberen Ende der Straße. „Ich kenne sie noch als Schulweg: Da war hier eine ganz andere Qualität drin.“ Dorsch sei einerseits als RPTU-Vertreter beruflich dabei, „andererseits habe ich als Raum- und Umweltplaner ein Interesse an der Stadtentwicklung“. Eine höhere Qualität bekomme man nur „Stück für Stück“ rein.
Den Abschluss des Rundgangs machen die Räume des ehemaligen Printservices Kerker an der Ecke zur Barbarossastraße. 500 Quadratmeter stehen dort zur Verfügung, mit Rampe zur Belieferung aus Transportern. Zurückgebliebene kleine Druckmaschinen und rohe Wände versprühen den Charme einer Werkstatt, und tatsächlich war hier mal ein Kfz-Mechaniker beheimatet. Wegen der wenig potenten Heizung seien die Räume eher als Lager- oder Produktionsstätten denn als Büroräume geeignet, stimmt Weidlich zu.