Kaiserslautern „Die roten Teufel von der Erde entfernen“

Versuchten Totschlag an zwei Menschen, begangen am hellichten Vormittag in der Kaiserslauterer Innenstadt, wirft die Staatsanwaltschaft einem jungen Asylbewerber aus Eritrea vor. Am ersten Verhandlungstag gestern vor dem Landgericht gab der Angeklagte zwar seine Taten weitgehend zu, verhedderte sich aber in zahlreichen Widersprüchen über Ablauf und seine Motive.
Es ist Freitag, 18. Mai, vormittags gegen 11.40 Uhr. In der Fußgängerzone in der Fackelstraße haben sich zwei rumänische Straßenkünstler aufgebaut. In knallroten Trikots und mit ebenso geschminkten Gesichtern geben sie eine artistische Übung zum Besten: Getarnt durch einen blickdichten Vorhang erweckt der Untermann den Eindruck, dass er seine Partnerin nur auf einem Arm gestützt viele Minuten bewegungslos in der Luft halten kann. Passanten bleiben neugierig stehen, der eine oder andere wirft eine Münze in den Hut. „Ich war gerade auf meiner morgendlichen Runde durch die Innenstadt, als ich plötzlich ein lautes Geschrei hörte,“ gibt wenig später ein Augen- und Ohrenzeuge der Polizei zu Protokoll. „Und als ich näher kam, sah ich, wie ein junger Mann von hinten auf die beiden Straßenkünstler einschlug. Sie waren völlig überrascht und fielen sofort zu Boden.“ Doch damit nicht genug: „Ich wollte mir den Mann schnappen, doch der war schneller. Er lief auf das gegenüberliegende Papiergeschäft zu und griff sich einen Postkarten-Ständer, der da auf dem Bürgersteig stand. Davon entfernte er die obere Hälfte und ging mit dem eisernen Unterteil auf die beiden Straßenkünstler los“, fügt der 78-jährige Pensionär auch gestern während seiner Vernehmung vor dem Landgericht hinzu. Was dann geschah, schildert der rüstige Rentner mit nüchternen Worten: „Der junge Mann, der nicht mal besonders groß und stark war, wollte mit dieser Eisenstange auf die beiden Straßenkünstler einschlagen. Einmal ist ihm das auch gelungen, doch beim zweiten Schlag habe ich meinen Arm dazwischen gehalten. Und gemeinsam mit einem anderen Passanten ist es mir dann gelungen, den Täter festzuhalten und auf dem Boden zu fixieren.“ Andere Augenzeugen telefonieren sofort nach der Polizei, wenige Minuten später trifft ein erster Streifenwagen ein. Vorläufige Bilanz der Beamten: Deutliche Schlagverletzungen bei den beiden Künstlern, eine blutende Hand beim mutigen Ersthelfer, keine erkennbaren Blessuren beim mutmaßlichen Angreifer. „Ja, ich wollte diese beiden Menschen töten – eine innere Stimme hat es mir befohlen.“ Diese Aussage hat der junge Mann, ein Asylbewerber aus Eritrea, nach übereinstimmender Aussage mehrerer Polizisten unmittelbar nach seiner Festnahme gemacht. Als weitere Begründung fügt er hinzu, dass die Straßenkünstler „solche roten Kleider getragen“ hätten, und dieses Rot sei für ihn „die Farbe des Teufels“. Allah habe ihm mit jener Stimme befohlen, „diese roten Teufel von der Erde zu entfernen.“ Doch der junge Mann ist überhaupt kein Moslem, sondern stammt aus einer Familie koptischer Christen. So schildert es jedenfalls ein Onkel, der aktuell in der Schweiz lebt und seinen Neffen nach eigenen Angaben „seit seiner Geburt gut kennt.“ Die Verteidigung hat den 34-Jährigen als Zeugen nach Kaiserslautern geladen, um Näheres über das Vorleben ihres Mandanten zu erfahren. Doch was sie vom Onkel hört, spricht nicht durchweg für den Angeklagten. Bereits im Jahr 2014 sei der junge Mann, der aus einer Bauernfamilie mit sechs Geschwistern stammt, über Italien in die Schweiz gekommen. Dort habe man sein Asylgesuch jedoch abgelehnt, weshalb er nach Deutschland weiter gezogen und schließlich in Kaiserslautern gelandet sei. Schon in der Schweiz, erst recht in Deutschland sei der junge Mann mit Alkohol und Drogen in Kontakt gekommen, berichtet der Onkel. Was der Angeklagte auch bestätigt. So habe er am Abend vor der Tat Marihuana geraucht und am Morgen darauf so genanntes Spice, eine Mischung meist künstlicher Drogen. „Deshalb war ich eigentlich ganz gut drauf,“ bekennt der Angeklagte. Im übrigen boten seine Aussagen am ersten Verhandlungstag gleich mehrere Varianten über den Ablauf und die Motive der Tat: Mal wollte er mit der Eisenstange zugeschlagen, dann wieder mit ihr nach seinen Opfern geworfen haben. Und selbst zu seinem Geburtsdatum lieferte er bislang drei Varianten, die ihn mal zum Heranwachsenden, dann wieder volljährig machen. Der Prozess wird heute fortgesetzt.