Wochenend-Kolumne Deutsches Jammern und wahres Leid

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Drei Wochen und zwei Tage: So lange herrscht in der Ukraine nun schon Krieg. Auch wenn wir noch immer ungläubig die menschenverachtende Kaltblütigkeit des Kreml-Herrschers betrachten und bestürzt sind über die Bilder von zerstörten Städten, fallenden Bomben – mitten in Europa – und flüchtenden Menschen: Irgendwie ist der Krieg trotzdem noch weit weg von uns.

Schließlich sitzen wir im Warmen am gedeckten Tisch und sehr viele haben noch genug Energie, sich über hohe Spritpreise zu empören. Von „Frieren für den Frieden“ sind wir in Deutschland jedenfalls weit entfernt.

So beschäftigt viele ein anderes Thema immer noch viel mehr: Corona. Sicher, mit Lockerungen und Impfpflicht müssen wir uns beschäftigen. Aber angesichts des Leids so vieler Menschen und der Fragilität von Demokratie und Freiheit, die uns durch Putins Angriff deutlich wie nie vor Augen geführt werden, ist unsere Egozentrik doch eher beschämend. Selbst der Bundestag hat seine Probleme damit: Dass das Gremium nach dem eindringlichen Video-Appell des ukrainischen Präsidenten Selenskyi am Donnerstag sofort zur Tagesordnung schritt, zeugte nicht gerade von Takt- und Mitgefühl, sondern wirkte eher ignorant.

Doch jegliche Diskussion darüber, wie uns womöglich eine Maske einschränkt oder zwei Euro für den Liter Sprit belasten, bleibt einem im Hals stecken, wenn man mit den Menschen, die gerade aus dem Krieg geflohen sind, spricht. Da reicht schon eine kurze, mutmaßlich oberflächliche Unterhaltung und man bekommt eine Ahnung davon, was die Menschen mitgemacht haben. Oder glaubt, zumindest die Spitze des Eisbergs davon zu sehen. Dies sollte uns Beschämung genug sein, wenn wir von Problemen sprechen.

Hoffnungsvoll stimmt hingegen die Hilfsbereitschaft vor Ort. Sachspenden fließen sogar in solchem Ausmaß, dass die Stadt wiederholt die Bevölkerung bremsen musste, weil sie der Güter nicht Herr wird. Bei der Zuteilung der Spenden und Verteilung der Menschen auf die Unterkünfte ist eine Koordination zwingend, ohne Planung und gewisse Disziplin geht es nicht. Die Stadtverwaltung ist dabei sehr gewissenhaft. Manchmal sogar zu gewissenhaft.

Als die ersten Menschen in die Unterkunft im ehemaligen Zoar-Altenheim einzogen, war sie so übervorsichtig und darauf bedacht, dass bloß kein schlechtes Bild entstehen könnte, dass es schon verwunderlich wirkte. Dabei war die Sorge, irgendetwas könnte chaotisch wirken, völlig unberechtigt. Dass es bei der Ankunft von Flüchtlingen nicht wie beim Besuch in einem königlichen Palast aussieht, sondern Tüten am Empfang stehen und eine Sammlung von Möbeln auf die passenden Benutzer wartet, liegt in der Natur der Sache. Dort wie auch in der Erstaufnahmeeinrichtung Burgherrenhalle lief alles nach Plan. Und so gibt es überhaupt keinen Grund, Berichterstattern – sogar nach Anmeldung an höchster Stelle – mit derartiger Skepsis zu begegnen, dass sie vor Ort keinen selbstständigen Schritt machen dürfen oder dass niemand sich traut, eine Auskunft zu geben.

Selbstverständlich steht das Wohl der Menschen bei der Arbeit in unserer Redaktion an oberster Stelle. Kein gewissenhafter Berichterstatter wird jemanden in irgendeiner Weise bedrängen. Doch wenn es per se nicht einmal die Möglichkeit gibt, Menschen von ihrem Schicksal erzählen zu lassen, sofern sie dazu bereit sind, dann erfährt auch die hiesige Bevölkerung nicht, was es heißt, aus der Heimat vertrieben zu werden. Denn das können nur die Betroffenen selbst wirklich schildern. Wenn dabei die Stimme versagt, drückt dies viel mehr aus, als jemand aus zweiter Hand jemals wortreich erläutern könnte. Die Bereitschaft für ein Gespräch ist den Betroffenen nicht hoch genug anzurechnen und zu danken! Sie helfen damit, über die Situation in ihrem Land aufzuklären.

Auch das Christophorusheim hat auf die Krise reagiert und die Türen für Flüchtlinge aus der Ukraine sofort geöffnet. Die Einrichtungsleitung und Mitarbeiter überlegten nicht lange und nahmen die Menschen unbürokratisch auf, auch für die vorhandenen Bewohner scheint dies eine Selbstverständlichkeit. Innerhalb weniger Stunden flossen so viele Spenden aus allen Richtungen, dass der Platz kaum ausreicht; Überschüsse kommen dem Sozialkaufhaus zugute.

Etliche Frauen, die dort eine Zuflucht gefunden hatten, berichteten von ihrer Flucht aus der Ukraine. Und machten damit das Leid durch den Krieg sowie dessen Sinnlosigkeit sichtbar. Einen eindringlicheren Appell für Frieden kann es kaum geben.

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