Kaiserslautern Auf den Wellen der Energie

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Den schönsten ersten Eindruck von San Sebastián (auf Baskisch: Donostia) bekommt man von oben: Wer mit der ächzenden Zahnradbahn auf den 200 Meter hohen Stadtberg Igeldo fährt, kann die ganze Pracht dieser alten baskischen Küstenstadt und neuen Kulturhauptstadt Europas bewundern. Und weit auf das zum Atlantik gehörende Kantabrische Meer hinausschauen, das wegen seiner starken Stürme und seiner hohen Wellen bei Seemännern gefürchtet ist.

Im Vordergrund streckt sich auf über zwei Kilometern die attraktive muschelförmige Bucht San Sebastiáns. Mit ihren Sandstränden, dem Hafen, der verwunschenen Insel Santa Clara und der langen Promenade, an der die teuersten Bürgerhäuser liegen. Dahinter befindet sich die verwinkelte Altstadt mit ihrer weltberühmten Gastronomie, welche die Stadt mit ihren 16 Michelin-Sternen zur heimlichen Gourmet-Metropole Europas machte. Viel Charme, hoher Genuss – deswegen wird San Sebastián auch „die Perle des Kantabrischen Meeres“ genannt. Am Fuß des Igeldo-Berges, gleich an den Klippen, liegt ein weiterer Anziehungspunkt: die faszinierende Skulpturengruppe „Windkamm“ des Bildhauers Eduardo Chillida (1924-2002), der seine Heimatstadt mit zahlreichen grandiosen Werken schmückte, in Kathedralen, am Pico del Loro, auf dem Berg Urgull. Der stählerne „Windkamm“ aber ist das bekannteste Kunstwerk und Wahrzeichen der Stadt und eine der meistbesuchten Sehenswürdigkeiten. Es gibt keinen schöneren Ort, um das Meer zu beobachten, dessen Wellen an stürmischen Tagen Chillidas Meisterwerk zu verschlingen drohen. Der Atlantik vor der Tür inspirierte auch den Leitspruch des Kulturjahrs: „Wellen der Energie“, heißt das Motto. Diese sollen in den nächsten Monaten die Stadt mit den knapp 200.000 Einwohnern vibrieren lassen. Eine Stadt, die Jahrzehnte unter Anschlägen der baskischen Terrorgruppe ETA litt und sich nach Frieden sehnt. Und die nun die geballte Macht der Kultur als Waffe benutzt, „um die Gewalt zu überwinden“. Die Chancen dafür stehen gut. Denn auch die ETA, die mit Bombenterror die baskische Unabhängigkeit erzwingen wollte, hat einen ermutigenden Schritt gemacht und „das Ende der bewaffneten Aktivität“ verkündet. Deswegen gibt es begründete Hoffnung, dass die Zeiten des Horrors und der Unsicherheit vorbei sind, auch wenn das Misstrauen noch spürbar ist. Die Hoffnung, die Angst zu überwinden, war eines der Motive, die San Sebastián zur Bewerbung als Kulturhauptstadt bewogen. „Die Stadt brauchte etwas, um das Trauma zu überwinden“, sagt Pablo Berástegui, Direktor dieses einjährigen Kulturmarathons. 2016 wird diese Stadt, die sich mit ihren internationalen Festivals ohnehin schon zum urbanen Kulturzentrum mauserte, mit noch mehr künstlerischen Angeboten aufwarten. Mehr als 100 Ausstellungen, Konzerte, Theateraufführungen und Musicals sollen als kulturelle Friedenswerkzeuge zum Wandel der Gesellschaft beitragen. Damit die Besucher nicht die Übersicht verlieren, wurde das Programm, das auf der Internetseite www.dss2016.eu abrufbar ist, in drei „Themenleuchttürme“ eingeteilt. Diese Leuchttürme heißen „Frieden“, „Leben“ und „Stimmen“. Das Feiern beginnt am 20. Januar: Zum Tag des Heiligen Sebastián, des Namensgebers der Stadt, treffen sich traditionsgemäß Tausende von Trommlern in der Altstadt. Das Fest hat seine Wurzeln in drei Kriegen um die Erbfolge Spaniens im 19. Jahrhundert, an denen sich die Basken beteiligten. Zum 23. Januar ist die offizielle Eröffnung des Kulturjahrs geplant: ein Bühnenspektakel auf der barocken María-Cristina-Brücke über dem Urumea-Strom, organisiert vom katalanischen Bühnenkünstler Hansel Cereza, einem der Gründer der Theatergruppe Fura dels Baus. Von April bis Juni fragt eine Zeltinstallation nach der Rolle der Sahara, zuvor gibt es eine „Zeitmaschinen-Suppe“, gefolgt von einem Puppenspielfestival. Ein Höhepunkt soll im Mai die Ausstellung „1516-2016. Friedensverträge“ mit Werken Goyas, Zurbaráns und Murillos sein. Das Kulturprogramm ist rund 50 Millionen teuer. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch das Kino: Das Internationale Filmfestival von San Sebastián findet im September zum 64. Mal statt. Es gilt als bedeutendstes Festival in der spanischsprachigen Welt. Zu den Kulturschätzen San Sebastiáns gehört auch die hier gepflegte Kochkultur. Gleich drei Restaurants im Einzugsgebiet haben sich jeweils drei Michelin-Sterne erkocht. Die Künste der Küchenchefs Juan Mari Arzak, Martín Berasategui und Pedro Subijana locken Feinschmecker aus der ganzen Welt in die baskische Stadt. Diese darf sich zu Recht Spaniens Gourmet-Hochburg nennen, gibt es doch insgesamt nur acht spanische Drei-Sterne-Tempel. Die baskische Küche gilt daher als die beste des Königreichs. Viel fangfrischer Fisch, viel Marktgemüse und viel Kreativität: Das sind die wichtigsten Zutaten. Austernomelette, Seehecht mit Schinkenpulver oder Ananas mit Algen – einige der berühmten Kreationen aus der Zauberküche von Arzak, der so etwas wie Spaniens Kochpapst ist und bei dem man monatelang im voraus einen Tisch reservieren muss. Aber auch wer nicht gleich 200 Euro für ein Mahl bei Arzak hinlegen will, kann in San Sebastián königlich speisen. Zum Beispiel in einer der vielen erschwinglichen „Pintxo“-Bars in der Altstadt. Das baskische Wort „Pintxos“ bezeichnet kleine Leckereien, wie etwa Garnelen, Tintenfisch, Pasteten, die auf einem Stückchen Weißbrot serviert werden. „Haute Cuisine im Mini-Format“, nennt Arzak diese baskische Esskultur. Zu den „Pintxos“ wird gerne der baskische Sidra, ein Apfelwein, getrunken. Und vielleicht schafft man es nach einem großen Schluck Sidra dann auch, ein paar dieser schwierigen baskischen Wörter zu lernen. Zum Beispiel „Kaixo!“ (Hallo) oder „Eskerrik asko!“ (Danke). Und natürlich „Donostia“: So heißt San Sebastián auf Baskisch. Die baskische Küchenzauberei zog übrigens vor allem in früheren Jahrhunderten Spaniens Könige und andere edle Bürger an, die vorzugsweise im Sommer in die Küstenstadt kamen. Auch weil die dortige Seeluft den Ruf hatte, nicht nur der Seele, sondern auch der erkrankten Haut gut zu tun. Die vielen Paläste zeugen davon, dass man auf großem Fuß lebte. Heute kommen im Sommer hunderttausende Touristen, um sich an einem der schönsten Stadtstrände Europas zu erholen. Im Herbst folgt eine Heerschar von Surfern. Weil sich weltweit herumgesprochen hat, das die Wellen des Meeres und die kulturelle Energie der Stadt ganz besondere Wohlgefühle vermitteln. Programm Details im Internet unter www.dss2016.eu. Die Seite ist auf Spanisch, Englisch und Französisch verfügbar.

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