Grünstadt
Wegen Werbekampagne: Glasfaser-Firma und Bürgermeister in der Kritik
Warum läuft in Grünstadt gerade eine Werbekampagne für Glasfaser-Anschlüsse?
Bislang werden Glasfaser-Kabel für besonders schnelles Internet nur an einigen wenigen Ecken Grünstadts verlegt. Der Ausbau dort gilt als unwirtschaftlich, deshalb wird er staatlich gefördert. Nun aber hat sich die Firma NGN Telecom aus Schwäbisch Gmünd gemeldet, die auf eigene Rechnung die ganze Stadt samt Asselheim, Sausenheim und Gewerbegebiet versorgen will. Aufbauen will sie ihr Netz unter der Marke DBN aber nur, wenn 30 Prozent der Haushalte einen Anschluss ordern. Diese Quote möchte sie mit einer Werbekampagne erreichen, die bis zum Jahresende laufen soll.
Wieso gibt’s jetzt Kritik?
Bei einer städtischen Ausschusssitzung haben vor allem Sozialdemokraten drei Punkte angesprochen. Erstens: Die Firma setzt auf Haustürwerbung, obwohl das anders angekündigt war. Zweitens: Bürger seien bei diesen Vertreterbesuchen unter Druck gesetzt worden. Und drittens: Mit einem an alle Haushalte verschickten Schreiben der Stadtverwaltung sei der Eindruck entstanden, dass Bürgermeister Klaus Wagner (CDU) für DBN Werbung macht.
Hatte DBN tatsächlich einen Verzicht auf Haustürwerbung versprochen?
Bürgermeister Wagner hatte zunächst angekündigt, dass keine DBN-Werber von Haus zu Haus ziehen würden. Damit gab er wieder, was sich die Stadt aus schlechter Erfahrung heraus gewünscht hätte. Mittlerweile räumt die Verwaltung ein: Das war ein Missverständnis. Das Glasfaser-Unternehmen hat zwar eine Anlaufstelle in der Bahnhofsstraße eröffnet und lädt zu Informationsveranstaltungen ein, lässt seine Leute aber auch Straßenzüge abklappern. Die Firma beteuert allerdings: Sie schicke keine Drückerkolonnen los, sondern setzte auf den seriösen Auftritt mit geschultem Personal.
Kann es sein, dass die DBN-Vertreter an den Haustüren potenzielle Kunden trotzdem unter Druck setzen?
Ein in der Ausschusssitzung vorgebrachter Vorwurf lautet: Menschen sei erzählt worden, dass ihre Immobilie ohne Glasfaser-Anschluss nichts mehr wert sei. Der für Grünstadt zuständige DBN-Gebietsleiter Thomas Plümacher beteuert: Er lehnt derartige Methoden ab. „Wir haben so etwas auch gar nicht nötig. Glasfaser ist so attraktiv. Da muss man keinen Druck machen, um Verträge abzuschließen.“ Trotzdem könne er nie mit letzter Sicherheit ausschließen, dass Werber zu aggressiv auftreten. Wer diesen Eindruck habe, solle ihm den Vorfall samt exakter Adresse melden: „Ich kann genau nachvollziehen, welcher Vertriebler wo war.“
Die Stadtverwaltung signalisiert derweil: Die Firma badet in manchen Fällen wohl auch aus, was andere verbockt haben. Offenbar hätten manche Bürger noch nicht verstanden, dass dieses Glasfaser-Vorhaben nichts mit dem subventionierten Ausbau zu tun habe. Nun wollten sie mit DBN-Werbern Probleme klären, die das staatlich geförderte Projekt betreffen – und seien damit an der falschen Adresse.
Und was ist mit dem umstrittenen Schreiben des Bürgermeisters?
Ende September gingen an alle Grünstadter Haushalte Post in DBN-Umschlägen. Sie enthielten Muster-Vertragsunterlagen – und ein Schreiben des Bürgermeisters. Unterm Stadtwappen und amtlichen Briefkopf empfahl er den Einwohnern, zu den DBN-Informationsveranstaltungen zu gehen. Kritiker bemängeln: Da entstand der Eindruck, dass Wagner in offizieller Mission Werbung für ein Unternehmen macht. Ergebnis laut Verwaltung: „Verwirrung in der Bürgerschaft“ sowie „unzählige Nachfragen“ im Rathaus.
Wagner erklärt das Schlamassel so: Er wollte den Grünstadtern erklären, dass die DBN-Pläne mit der Stadt abgestimmt sind und das Auftreten der Firma auf einen möglichst reibungslosen und schnellen Ausbau hoffen lässt. Allerdings sei er davon ausgegangen, dass sein Schreiben gemeinsam mit einem eigenen Brief des Unternehmens verteilt wird. Dass er nun stattdessen wie der eigentliche Absender wirkt, sei „in der Tat unglücklich“. Die Firma gibt sich daher zerknirscht und nimmt die Panne auf ihre Kappe.
Warum mischt sich der Bürgermeister überhaupt ein, wenn eine Firma die Grünstadter von ihrem Angebot überzeugen will?
Wagner sagt: „Es ist ohne Zweifel ein Standortvorteil für Grünstadt, wenn das Stadtgebiet und vor allem das Gewerbegebiet flächendeckend mit Glasfaser versorgt ist. Das sollte bei der zunehmenden Digitalisierung unseres Daseins zum Standard werden – je früher, desto besser.“ DBN sei der erste Anbieter, der das flächendeckend fürs gesamte Stadtgebiet angehen will. „Als Verwaltung unterstützen wir dieses Vorhaben, soweit das in unsererseits möglich ist.“