Grünstadt
Vor hunderten Menschen: Grünstadt verabschiedet seinen Bürgermeister (mit Bildergalerie)
Klaus Wagner wird als Grünstadts Bürgermeister verabschiedet, sein Nachfolger Mimmo Scarmato ins Amt eingeführt: Wie viele Menschen wollten da live dabei sein?
Nach Schätzung der Stadtverwaltung waren am Donnerstagabend etwa 400 Menschen im Weinstraßen-Center. Prominentester Gast: der CDU-Landeschef Gordon Schnieder. Außerdem dabei: Landtagsabgeordnete und Kommunalpolitiker aus der Umgebung sowie aus den Partnerstädten, Freunde und Verwandte der beiden Hauptpersonen, die Grünstadter Pfarrer, Delegationen der Feuerwehr und der Siedler-Narren, weitere Vereinsvertreter – und auch viele Bürger ohne besondere Ämter.
Wie formell ging es beim Amtswechsel zu?
Neue Bürgermeister werden während einer Ratssitzung vereidigt, so schreiben es die Regeln vor. Die allerdings nahm von der mehr als dreistündigen Zeremonie nur vier Minuten in Anspruch. Amtsinhaber Klaus Wagner eröffnete sie um 17.49 Uhr und verkündete, dass die Ratsmitglieder form- und fristgerecht eingeladen worden seien. Dann nahm er seinem Nachfolger den Amtseid ab, überreichte ihm die Ernennungsurkunde und die Amtskette. Um 17.53 Uhr beendete er den amtlichen Teil und bedankte sich grinsend „für die engagierte Diskussion“.
Hat den scheidenden Bürgermeister wieder die Abschieds-Wehmut übermannt?
Schon bei seinem letzten Neujahrsempfang vor knapp einem Jahr kämpfte Klaus Wagner mit den Tränen. Nun gestand er: „Ich hab’ heute Nachmittag auf dem Sofa gelegen und war fertig.“ Schließlich sei er seit Wochen mit Abschiednehmen beschäftigt, das sei emotional anstrengend. Im Verlauf des Abends gab es dann zwei Momente, in denen er erkennbar besonders bewegt war: als er seine Amtskette abnahm, um sie seinem Nachfolger umzulegen. Und als die Musikschullehrerin Lena Maria Schafar zum Schluss „Time to Say Goodbye“ sang.
Hat Wagner noch einmal seine Entertainer-Qualitäten gezeigt?
Bei derartigen Veranstaltungen läuft Grünstadts scheidender Bürgermeister mit flotten Sprüchen zu großer Form auf. Gelächter gab’s zum Beispiel, als er von Bürgerbeschwerden über zu großen Andrang an diesem Abend berichtete und sagte: „Wir konnten nicht extra bauen, das hätte zu lang gedauert.“ Außerdem verriet er zur allgemeinen Erheiterung, wer in den vergangenen 16 Jahren dafür gesorgt hat, dass er anständig angezogen war: Seine Schwiegermutter habe für ihn Tausende Hemden gebügelt. Dafür verleihe er ihr nun „das goldene Bügeleisen“.
Gab’s auch bei anderen Rednern etwas zu lachen?
Bei insgesamt 15 Grußworten versuchten fast alle Redner, sich kurz zu fassen und kurzweilig zu sein. Zwei stachen mit besonders hohem Unterhaltungswert heraus: Der rheinland-pfälzische Städtetagsdirektor Michael Mätzig rühmte Wagner als coolen Typ und lobte seine Gesichtsbräune. Und über Scarmato sagte er: Als bisheriger Bereichsleiter Finanzen in der größten Metropole der Pfalz „hat er beruflich Dinge gesehen, die niemanden sehen müssen sollte – die Haushaltspläne der Stadt Ludwigshafen“. Außerdem empfahl er der Familie des künftigen Rathaus-Chefs, nun von ihm Abschied zu nehmen: „Sie werden ihn in 16 Jahren wiedersehen. Aber vielleicht ja mit guter Gesichtsbräune.“
Einen spektakulären Auftritt legte auch der bisherige direkte Vorgesetzte des neuen Stadtchefs hin. Der Ludwigshafener Beigeordnete Andreas Schwarz übergab ihm seine Entlassungsurkunde und ließ ihn deren Empfang am Rednerpult quittieren. Außerdem sagte er: Die Stadt Ludwigshafen habe seine Kandidatur unterstützt – „als Beitrag zur Haushaltskonsolidierung“, denn für seine Pension werde nun Grünstadt aufkommen müssen. Anschließend hielt der Sozialdemokrat eine Rede im Trump-Stil: „Ludwigshafen: große Stadt, üble Probleme.“ Und: „Mimmo Scarmato: bester Mann, Siegertyp.“ Außerdem überreichte er dem künftigen Bürgermeister eine Kappe mit der Aufschrift „Make Grünstadt Great Again“.
Sind zu Wagners Abschied Scherze auf dessen Kosten gemacht worden?
Grünstadts scheidender Bürgermeister frotzelt gerne, ein bisschen freundlichen Spott hat er nun auch seinerseits abbekommen. Der Wachenheimer Stadt- und Verbandsbürgermeister Torsten Bechtel (CDU) führte in seinem Grußwort auf, was ihm alles an Grünstadt gefällt. Zum Beispiel: „Klaus Wagner hört auf, Bürgermeister zu sein.“ Und wie ihn der katholische Pfarrer Martin Tiator noch vor Veranstaltungsbeginn aufgezogen hatte, verriet der Noch-Stadtchef dann selbst am Rednerpult. Er berichtete: Er habe dem Geistlichen für sein Erscheinen gedankt. Woraufhin der geantwortet habe: „Zu Beerdigungen kommen wir doch immer ...“
Worüber hat Mimmo Scarmato in seiner Rede gesprochen?
Er hatte schon vorab gesagt, dass er keine Regierungserklärung vortragen wolle. Also dankte er nun vor allem seiner Familie, Freunden und Weggefährten, den Wählern sowie den Beschäftigten der Stadtverwaltung. Er listete anstehende Projekte wie den Kita-Neubau und die Sanierung des Rudolf-Harbig-Stadions auf. Er erwähnte den schwebenden Streit um die Fahrradstraße im Kreuzerweg, ohne sich dabei auf eine der Positionen festzulegen. Applaus bekam er, als er sagte: Weil er im Stadt-Norden aufgewachsen ist, wisse er nur zu gut, wie wichtig günstiger Wohnraum ist. Außerdem versprach er, dass er ansprechbar und „de Mimmo“ bleiben werde.
Hat Mimmo Scarmato sein Rededauer-Versprechen eingehalten?
Der künftige Bürgermeister hatte vorab gesagt: Seine Rede werde höchstens 25 Minuten dauern. Dieses Versprechen hat er gebrochen: Er redete von 17.54 bis 18.25 Uhr, brachte es also auf 31 Minuten.
Welche persönliche Bilanz hat Wagner gezogen?
Der scheidende Bürgermeister hielt die letzte Rede des Abends. Also konnte er an all das Lob für seine 16 Jahre im Amt anknüpfen, das sich in den 15 Grußworten angesammelt hatte. Er sagte: „Wenn ich das alles so höre ... Ich hab’ das Gefühl, ich war doch gar nicht so schlecht.“ Allerdings räumte er auch ein, dass Kritik bei derartigen Anlässen immer ausgeklammert wird. Er selbst habe es jedenfalls nie bereut, Bürgermeister Grünstadts zu sein.
Hat er seinerseits zum Abschied Kritik geübt?
In einem Punkt hat sich Wagner noch einmal in Rage geredet. Es ging ihm darum, wie vor allem das Land mit Städten und Gemeinden umgeht. Das Problem dahinter: Die Kommunen haben kaum noch finanzielle Mittel, um übers absolute Pflichtprogramm hinaus Vorhaben anzugehen. Sie können aber Geld ergattern, wenn ihr jeweiliges Projekt zu den Kriterien eines Förderprogramms passt. Doch die Bewerbungen dafür seien unfassbar aufwendig: „Es gab Anträge mit Anhängen, da musste ich 37-mal unterschreiben.“ Derweil verstreiche die Zeit und die Kosten stiegen immer weiter. Am Ende stehe die Erkenntnis: „Wenn wir es ohne Förderung gemacht hätten, wäre es viel schneller gegangen und für uns trotzdem noch billiger gewesen.“
Waren sich Wagner und Scarmato an diesem Abend in allen Punkten einig?
In seiner Ansprache hatte Scarmato gesagt: Zumindest in gedruckter Form werde die Zeitung immer seltener gelesen. Es sei daher kein Wunder, wenn viele Bürger Entwicklungen in der Stadt gar nicht mehr mitbekämen. Also müsse die Verwaltung selbst verstärkt die sozialen Medien bedienen. Wagner meldete da Widerspruch an: Im Netz kursiere zu viel Falschinformation, „die sozialen Medien sind unser kommunikativer Untergang“. Zugleich signalisierte er Unbehagen über die inhaltlichen Veränderungen der RHEINPFALZ: Früher sei die Kommunalpolitik in der Berichterstattung viel umfassender abgebildet worden. Allerdings gestand er der Redaktion auch zu, dass sie mittlerweile in erster Linie ein Online-Medium produziere und sich an veränderte Erwartungen ihrer Leser anpassen müsse. Eine Gefahr für die Demokratie sei diese Entwicklung trotzdem.