Bockenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Slapstick trifft Segen: Was Charlie Chaplin mit der Kirche zu tun hat

Timo Benß übt bereits fleißig für den Stummfilmgottesdienst am Sonntag.
Timo Benß übt bereits fleißig für den Stummfilmgottesdienst am Sonntag.

Ein Klassiker des Stummfilms, eine historische Walcker-Orgel und viel Improvisation: Bockenheim lädt zum Kino-Gottesdienst – für den Organisten eine Herausforderung.

Orgel spielen und dabei einen Film gucken? Timo Benß macht genau das. Der Bildschirm steht da, wo normalerweise die Noten liegen, während er in die Tasten haut. Noch ist es bloß eine Übung, aber am Sonntag wird es ernst: Die protestantische Kirchengemeinde plant für Sonntag ab 18 Uhr in der Lambertskirche einen Stummfilmgottesdienst. Während die Besucher den Film „The Gold Rush“ von Charlie Chaplin auf der großen Leinwand schauen, verfolgt Benß die einzelnen Szenen auf einem Bildschirm und begleitet sie auf der Walcker-Orgel. Die feiert in diesem Jahr – wie der Film – ihren 100. Geburtstag.

Mischung aus Slapstick und Tiefgang

Schon seit Längerem setzt die Kirchengemeinde auf ungewöhnliche Gottesdienst-Formate im Herbst. So war beispielsweise auch schon Harry Potter ein Motto, das sich in der Liturgie der vergangenen Jahre wiederfand. Die Idee, diesmal auf Chaplin zu setzen, hänge eben mit dem Orgel-Jubiläum zusammen – und mit Benß’ Leidenschaft für den Komiker.

„Ich liebe die Mischung aus Slapstick und Tiefgang“, sagt er über die Filme des bekannten Komikers. In diesem Streifen geht es um eine Reise Chaplins nach Alaska mit dem Ziel, nach Gold zu suchen – wobei er weniger Schätze als Liebe und Freundschaft findet. Entsprechend abwechslungsreich sei die Geschichte, so Benß.

Spannungsbogen und Happy End

Eine Stunde des Films wird während des Gottesdienstes zu sehen sein. Das heißt, der Organist musste den Streifen stückeln und etwas kürzen. Zwischen den einzelnen Szenen hält Pfarrerin Ute Metzger den Gottesdienst ab, der sich thematisch am Film orientiert. „Er passt gut zur Liturgie, denn es gibt einen sehr schönen Spannungsbogen zur Fürbitte und ein Happy End zum Segen hin“, sagt Benß und grinst. Er hat den anspruchsvollsten Job während des Gottesdiensts, denn er improvisiert.

Die Grundlagen für die Begleitung von Stummfilmen habe er beim früheren Bad Dürkheimer Kantor Johannes Fiedler gelernt und Gefallen daran gefunden. Obwohl vieles spontan passieren muss, brauche es trotzdem einiges an Übung – denn es sei wichtig, den Film gut zu kennen, um richtig musikalisch reagieren zu können. Dafür möchte er das Instrument in seiner gesamten Bandbreite nutzen.

Besonderer Klang macht Orgel aus

Den Vorteil der Orgel sieht Benß in ihrem Klang. Obwohl sie seit 1925 bespielt wird, klinge sie, als sei sie älter. Ein Instrument dieses Typs sei heutzutage sehr selten, weil die Orgeln häufiger noch älter seien oder nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurden. Aus dieser Zeit sei wenig erhalten, erläutert Benß. Darüber hinaus gebe es eine weitere Parallele zum Stummfilm, die über das Entstehungsjahr hinausgeht. „Früher vor 100 Jahren gehörte die Orgel zu den Kinos. Die Walcker-Orgel hat dazu charakterlich eine große Ähnlichkeit.“ Aufgrund ihres Facettenreichtums höre sie sich je nach Handhabung an, wie es für Kino-Orgeln typisch sei. Entsprechend originalgetreu werde die Stummfilmbegleitung am Sonntag klingen.

Damit will die Kirchengemeinde nicht nur den üblichen Gottesdienstbesuchern etwas Besonderes bieten, sondern auch den Musik- und Filmbegeisterten einen Zugang zur Kirche ermöglichen, erklärt Benß. Es soll nicht das letzte Projekt dieser Art bleiben: Ein Taylor-Swift-Gottesdienst, der sich rund um das Pop-Sternchen und seine Hits dreht, ist laut Organist schon in der Mache.

Termin

Der Stummfilmgottesdienst in der Lambertskirche findet am Sonntag, 2. November, ab 18 Uhr statt.

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