Grünstadt und Leiningerland
Neuleininger Goldschmiedemeister Tobias Ueberschaer erhält Design-Preis Red Dot
Eigentlich habe er keinen Wettbewerb im Blick gehabt, als er sich vor rund zwei Jahren daran gemacht habe, ganz besondere Ringe zu entwerfen, sagt Ueberschaer. Und schon gar nicht habe er an den renommierten Red Dot gedacht. Dass er sich als „kleiner Dorf-Handwerker“, wie er augenzwinkernd meint, in der Liga behaupten konnte, in der Samsung und Ferrari mit ihren Designer-Teams spielen, macht den 48-Jährigen ein wenig stolz. „Die Auszeichnung ist eher für Industrieunternehmen und wie ein Michelin-Stern für ein Restaurant“, erklärt er.
Unterstützung vom Computer
Am Werkbrett sei er nicht in der Lage, eine Kollektion zu produzieren. Dazu bräuchte man Maschinen. Selbst für die Anfertigung nur eines Stückes aus der Serie „Fraktaloid“ würde er auf die klassische Art und Weise rund 80 Stunden benötigen. „Es hat mich aber gereizt, scheinbar unmögliche Ringe herzustellen“, erzählt Ueberschaer, der Goldschmiedekunst mit Architektur zusammenbringen wollte. Das Ziel: „Leichtigkeit durch Statik, Volumen durch Luftigkeit und Sinnlichkeit durch Technik“.
Um das zu erreichen, bediente er sich eines Computers. Rechner würden in seiner Branche schon länger eingesetzt, aber vor allem, um auf herkömmliche Weise hergestellte Dinge aus der Werkstatt zu imitieren. „Mir schwebte jedoch vor, die Technik so zu nutzen, dass ich Schmuck machen kann, der mir sonst nicht gelingen würde“, so Ueberschaer. Seine Entwürfe entwickelte er am PC. Anschließend wurden sie im 3D-Drucker schichtweise aus Metallpulver aufgebaut. „Sie werden aus Platin, 750er Gelb- oder Rotgold mit einem Laser gesintert.“ Bei dieser relativ neuen Methode werden die Edelmetallpartikel fast bis zum Schmelzpunkt erhitzt und dadurch miteinander „verbacken“. Ein Ring dauert etwa zwei Stunden.
Offene Grundstruktur
Ueberschaer hat bislang fünf Modellvarianten auf diese Weise erzeugt, darunter auch eine quadratische. Was sie alle eint, ist eine offene Grundstruktur aus rund, diagonal oder gerade verlaufenden Streben, ähnlich wie man es von Hochspannungsmasten oder Baukränen kennt. „Die Idee entstand tatsächlich durch das Bild einer Eisenbahnbrücke nach der Lektüre des Buchs ,Der Streik’ von Ayn Rand“, blickt der Neuleininger zurück. Der ebenso leichte wie stabile Fingerschmuck, der eine „einfach so entstandene, eismatte Oberfläche“ hat, lässt sich je nach Kundenwunsch in verschiedenen Breiten und Höhen sowie in jeder Größe herstellen. Die Ringe können teilweise auch in unterschiedlicher Art mit Steinen verziert werden.
Die Kollektion „Fraktaloid“ hat die international besetzte, 40-köpfige Expertenjury des Red Dot Design Award überzeugt. „Zu den Bewertungskriterien zählen unter anderem Innovationsgrad, Ergonomie, Funktionalität, Qualität, symbolischer und emotionaler Gehalt sowie ökologische Verträglichkeit“, erläutert PR-Managerin Julia Hesse. In diesem Jahr seien mehr als 6500 Produkte aus 60 Ländern eingereicht worden (2019 waren es über 5500 Stücke aus 55 Nationen). Die Stücke verteilten sich beim seit 1955 in Nordrhein-Westfalen vergebenen Preis auf 49 Kategorien.
Ehefrau gibt Anstoß für Bewerbung
Der Anstoß, sich in der Sparte „Schmuck“ und damit erstmals überhaupt für einen Wettbewerb zu bewerben, kam von Ueberschaers Ehefrau Renate Pukis, die Diplom-Designerin ist. Um teilnehmen zu können, sind zunächst einige Hundert Euro zu entrichten. Wer die begehrte Auszeichnung gewinnt, ist darüber hinaus verpflichtet, ein Winner Package ab 3950 Euro zu buchen. Lohnt sich das? Der Goldschmied nickt: „Das ist Geld, das ich gern ausgebe. Dafür bekomme ich eine ganze Menge.“ Beispielsweise werden seine Ringe ins Red-Dot-Yearbook aufgenommen und sind ein Jahr lang im Design-Museum in Essen zu sehen.
Vor allem aber kann Ueberschaer das Qualitätssiegel führen, nach seiner Überzeugung „der einzige ernst zu nehmende Design-Preis“. Überreicht wird er ihm am 22. Juni. Damit sei er dann Teil eines erlesenen Kreises und eines guten Netzwerks. „Das eröffnet mir andere Marketingwege“, so Ueberschaer, der bereits eine Erweiterung der Serie „Fraktaloid“ im Kopf hat – Entwürfe für Ohrringe und Manschettenknöpfe.