Eisenberg
Neues Medizinisches Versorgungszentrum ist eröffnet
Hans-Jörg Glückert hat keine Lust mehr, selbstständig zu sein. Der Orthopäde aus Eisenberg ist – wie nach einem Bericht der Ärztezeitung etwa 70 Prozent seiner Fachkollegen – unglücklich als niedergelassener Mediziner. Steigende Kosten bei unzureichender Gegenfinanzierung durch die Krankenkassen und zunehmende Belastung durch Bürokratie-Irrsinn haben ihn dazu bewogen, nach Auswegen zu suchen, ohne seinen Beruf aufgeben zu müssen. „Die Überlegungen, welche Optionen es gibt, haben sich über rund anderthalb Jahre hingezogen“, berichtet Glückert.
Bei einer Fortbildung habe er Frank Ehmann kennengelernt. Der Chefarzt der Chirurgie des Kreiskrankenhauses Grünstadt führt auch das dortige Medizinische Versorgungszentrum (MVZ). Einer der Vorteile einer solchen Einrichtung für ambulante Behandlungen ist die organisatorische Trennung von Administration und Patientenversorgung. Während Ehmann der ärztliche Leiter ist, untersteht dem Verwaltungsdirektor der Grünstadter Klinik, Markus Kieser, der kaufmännische Bereich. Dieses Konstrukt, das auch flexible Arbeitszeitmodelle ermöglicht, sah für Glückert nach einer Lösung aus. Er konnte sich vorstellen, etwas Ähnliches in seinen Praxisräumen umzusetzen. Also begannen die Verhandlungen über den Aufbau eines weiteren MVZ als Eigenbetrieb des Landkreises Bad Dürkheim. „Wir waren uns schnell einig“, bilanziert der Orthopäde, der fortan als Angestellter tätig ist.
Kapazitätsgrenzen in Grünstadt erreicht
Nachdem im März der Antrag auf Übernahme des Arztsitzes von der Kassenärztlichen Vereinigung positiv beschieden worden war, konnte das Versorgungszentrum in Betrieb genommen werden. Es wird zunächst mit zwei (bald drei) Medizinischen Fachangestellten sowie einer Auszubildenden und zwei Fachärzten besetzt sein: neben Glückert ist Philip-Benjamin Gerwien regelmäßig vor Ort. Der Oberarzt der Chirurgie aus dem Kreiskrankenhaus hat bislang mittwochs seine Sprechstunden in Grünstadt abgehalten. Jetzt ist er immer freitags in Eisenberg. Ehmann erklärt: „Wir sind im MVZ mit den Terminen an unsere Kapazitätsgrenzen gestoßen, es waren stets mehr Anfragen da als wir abarbeiten konnten.“
Er habe einige Patienten aus Grünstadt mitgenommen, aber auch schon etliche neue Gesichter zu sehen bekommen, sagt Gerwien. Wer sich an ihn wende, habe den Vorteil, dass die komplette Behandlung – von der Anamnese über eine eventuelle Operation bis zur Nachsorge – in einer Hand liege. Der 43-Jährige trägt mehrere Facharzt-Titel: den für Viszeralchirurgie sowie den für Orthopädie und Unfallchirurgie. Der gebürtige Berliner, der in Szeged (Ungarn) und in Heidelberg studiert hat, ist seit dreieinhalb Jahren am Kreiskrankenhaus, an dem er aber auch schon von April 2010 bis Dezember 2017 tätig war. Er ist Spezialist für alle großen Gelenke, also Hüfte, Knie und Schulter. Darüber hinaus verfügt Gerwien über viel Erfahrung hinsichtlich laparoskopischen Eingriffen bei gut- und bösartigen Tumoren im Bauchraum.
Qualifikation für die Unfallversorgung
Glückert, der aus Frankfurt stammt und in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen ist, operiert nicht. Vielmehr deckt der Notfallmediziner den konservativen Bereich und die akute Unfallversorgung ab. Dafür hat er eine Zulassung zur berufsgenossenschaftlichen Heilbehandlung. „Da gibt es weit und breit keinen Kollegen mit dieser Qualifikation“, erläutert der 57-Jährige, der einst in Mainz Humanmedizin studiert hat. Seine Steckenpferde sind die Stoßwellentherapie und die Hyaluronsäurebehandlung bei Arthrose. Nach Stationen in Worms, Ludwigshafen, Erfurt und Trier hatte sich der Facharzt für Orthopädie 2009 in der Kinderdorfstraße in Eisenberg niedergelassen. 2016 zog er in einen Neubau in der Bahnhofstraße.
Nun ist seine Praxis der zweite Standort des am 1. April 2021 ins Leben gerufenen Medizinischen Versorgungszentrums Grünstadt-Leiningerland (MVZGL), das die Schwerpunkte Chirurgie, Orthopädie und Gynäkologie hat. „Für die Patienten ändert sich nichts – außer, dass ihnen ein weiterer Arzt als Ansprechpartner zur Verfügung steht“, betont Verwaltungschef Kieser. Und dass sie eine Unterschrift leisten müssen, um dem Datenaustausch zwischen beiden MVZ zuzustimmen. Die zwei Einrichtungen sind über dasselbe Computersystem untereinander vernetzt. Solche Versorgungszentren können seit 2004 gegründet werden. Während es im Startjahr bundesweit 70 waren, existieren heute rund 5000, davon etwa 180 in Rheinland-Pfalz.
Öffnungszeiten
Sprechstunde von Hans-Jörg Glückert ist montags, dienstags, donnerstags, 8 bis 12 Uhr und 13 bis 18 Uhr, sowie mittwochs von 8 bis 13 Uhr;
Sprechstunde von Philip-Benjamin Gerwien ist freitags, 8 bis 16 Uhr;
Terminvereinbarungen per Telefon unter 06351 42737 und per E-Mail über die Website mvzgl.de.