Leininger Nachlese
Kolumne: Von Regenbögen, LGBTQ+-Rechten und Renaturierungen
Regenbogen: Was kommt nach der großen Geste?
Es war ein ikonischer Augenblick: Als der deutsche Fußball-Nationalspieler Leon Goretzka am Mittwoch bei der EM gegen Ungarn das entscheidende Tor schoss, gab es einen Moment der Transzendenz. Einen Moment, in dem es um mehr ging als um das Sportliche, um Gewinnen oder Verlieren, um Weiterkommen oder Ausscheiden. Was war passiert? Goretzka rannte bei seinem Jubel an den schwarz gekleideten ungarischen Fans vorbei und formte mit seinen Händen ein Herz.
Das war natürlich kein Liebesbeweis für die Mitglieder der rechtsextremen, homophoben „Carpathian Brigade“, einer Ultragruppe, die sich da auf der Tribüne aufgebaut hatte. Ganz im Gegenteil: Während des Spiels waren „Deutschland, Deutschland, homosexuell“-Gesänge zu hören. Auch homophobe Plakate waren im Block zu sehen. Goretzka setzte mit seinem „Herz“ einen Kontrapunkt. „Spread Love“, kommentierte er ein Bild seines Jubels bei Instagram und garnierte den Post mit einer Regenbogenflagge – jenem Symbol also, um das in den vergangenen Tagen so heftig gestritten wurde.
Die Stadt München hätte die Allianz-Arena, in der die Deutschen die Ungarn empfingen, gern in Regenbogenfarben ausgeleuchtet; wollte so ein Zeichen der Unterstützung für die LGBTQ+-Gemeinschaft setzen, deren Rechte in Ungarn durch ein neues Gesetz schwer beschnitten werden. Der europäische Fußballverband UEFA sprach jedoch ein Verbot für die Aktion aus, wollte das Sportliche nicht mit dem Politischen vermischen – und setzte damit natürlich trotzdem ein politisches Zeichen. Schade.
In Deutschland gefiel man sich dieser Tage in der Rolle des Streiters für Toleranz, für Menschenrechte und Weltoffenheit. Und das ist auch prinzipiell richtig so. Es bedarf dieser Gesten, dieser Symbole, um die Anliegen diskriminierter Bevölkerungsgruppe ans Licht und ins Gespräch zu bringen. Nur sollte man nicht den Fehler begehen, sich Sand in die Augen zu streuen und sich bei derlei Themen nur an den Ungarn abzuarbeiten. Denn auch hierzulande wartet am Ende des Regenbogens nicht unbedingt ein Topf voller Gold für die LGBTQ+-Gemeinschaft.
Mehr Gewalt gegen LGTBQ+-Mitglieder regisitriert
So ergab eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und der Uni Bielefeld, dass in Deutschland rund ein Drittel der Homosexuellen und 40 Prozent der Trans-Menschen im Arbeitsleben diskriminiert werden. Eine Kleine Anfrage der Linken zeigte 2019, dass sich die Zahlen der Gewaltstraftaten gegen LGBTQ+-Mitglieder bundesweit seit 2013 mehr als verdoppelt hat. Fakt ist: Die Liebe der vermeintlich „anderen“, sie erzeugt bei vielen Menschen auch hierzulande immer noch Hass.
Noch immer fällt vielen daher das Outing schwer. Und so mag die LGBTQ+-Gemeinschaft hierzulande zwar mehr politischen Schutz genießen als in Ungarn. Gesellschaftlich haben wir hier aber noch einen langen Weg vor uns. Und der muss über die Geste hinausgehen. Brücken baut man nicht nur durch Symbole, sondern durch Taten.
Hochwasser: Was bringt die Renaturierung?
Die Gebete, dass Ebertsheim ganz vom Hochwasser verschont bleiben möge, wurden zwar nicht erhört, aber Bürgermeister, Zweiter Beigeordneter und einige Bürger sind überzeugt: Es hätte viel schlimmer kommen können. In der Nacht auf Donnerstag blieb die Gemeinde verschont, während andernorts schon kräftig gepumpt werden musste – unter anderem in Eisenberg, was Bürgermeister Bernd Findt zufolge meist ein übles Vorzeichen für Ebertsheim ist: „Von da und aus Ramsen kommt das alles irgendwann zu uns und der Eisbach steigt und steigt.“ Ein super Gradmesser dafür sei die Brücke in der Hauptstraße, bei der das Wasser dann gern bis zur Oberkante stehe.
Das war – am Donnerstagvormittag jedenfalls noch – nicht so, wie Fotos belegen. Nicht wenige Ebertsheimer führen diese rundum gute Nachricht auf ihr Renaturierungsgebiet zurück, das Findt zufolge bis zu 17.000 Kubikmeter Wasser fassen kann. Zwar wurden am Donnerstagnachmittag und in der Nacht auf Freitag Keller in Ebertsheim ausgepumpt, so schlimm wie Eisenberg oder Mertesheim sei der Ort aber nicht betroffen gewesen. Ein Blick auf das Renaturierungsgebiet, das bis zum Anschlag gefüllt war, ließ erahnen, wo viel überschüssiges Wasser gelandet ist. Der Bürgermeister jedenfalls ist sicher: „Für uns lohnt sich diese Maßnahme, sie hat die Situation entschärft.“
wünschen B. Fiege und N. Schellhas