Grünstadt
Geschichtsverein mit wechselvoller Geschichte
Dass der Grünstadter Altertumsverein am 22. April 1903 in der „legendären Jakobslust“ aus der Taufe gehoben wurde, sei typisch und doch ein Glücksfall für die damalige Epoche gewesen, sagte der evangelische Pfarrer Andreas Funke in seiner Jubiläumsansprache. Diese hielt er am Samstag bei einer kleinen Feierstunde im Heimatmuseum im Alten Rathaus – auf den Tag genau 120 Jahre nach der Gründungsversammlung. Wesentlich früher hätte diese kaum stattfinden können, meinte er.
Denn erst im 19. Jahrhundert sei die Zeit dafür reif gewesen. Überall wurden bürgerliche Vereine ins Leben gerufen, die sich um Gesang und Sport oder um Heimatkunde kümmerten. „Dafür bedarf es eines gewissen Geschichtsbewusstseins, das es viele Jahrhunderte nicht gab“, so Funke. 1812 wurde in Baden die erste Denkmalschutzverordnung erlassen. „Während der Aufklärung wurde Geschichte so begriffen, dass alles stetig besser werde“, erläuterte der Pastor.
Tief verfestigte Animositäten
Ein Glücksfall sei die Gründung deshalb gewesen, weil sie ökumenisch war – sie kam unter Beteiligung des protestantischen Pfarrers Emil Müller (Sausenheim) und seines katholischen Amtskollegen Stephan Lederer aus Grünstadt zustande. „Damals gab es tief verfestigte konfessionelle Animositäten“, blickte Funke zurück. Die Anhänger des Kulturprotestantismus’ hätten die Katholiken in ihrer Papsthörigkeit als rückständig angesehen. Umgekehrt hätten die Katholiken ihre Kirche als die einzig selig machende angesehen und auf andere Christen herabgeschaut. „Kurzum, die konfessionsübergreifende Zusammenarbeit war alles andere als selbstverständlich und sehr mutig.“
Leider habe „der Geschichtsverein eine wechselvolle Vereinsgeschichte“ erlebt, führte Funke weiter aus. Die Kontinuität der Arbeit sei massiv gestört worden durch die Weltkriege und die Machtübnahme der Nazis. Es sei zu ungeheuren Verlusten gekommen, erinnerte der Pfarrer an den wiederholten Abtransport von Exponaten, unter anderem an das Historische Museum der Pfalz in Speyer. Ab Herbst 1953 existierte der Altertumsverein mangels Fund- und Ausstellungsstücken quasi nicht mehr. Am 14. März 1984 wurde er in der Stadthalle wiedergegründet. Bäckermeister Horst Wilhelm war der Erste im Amt des Vorsitzenden und wurde 1993 von Textilkaufmann Ottmar Jotter abgelöst.
Festschrift wie ein Krimi
„Müssen wir jetzt rund 30 Jahre abziehen? Können wir womöglich erst das 90. Jubiläum feiern?“, fragte Funke. Um die Antwort gleich selbst zu geben: Da es keinen Nachweis für die tatsächliche Auflösung des Vereins gebe, sollte man das nicht so streng sehen. 1984 sei der Verein nur aus einem tiefen Schlaf aufgeweckt worden, befand er. „Dabei ist die Verlustgeschichte bis heute präsent. Auf nationaler Ebene werden Diskussionen über Beutekunst geführt, aber wir haben die Wegnahme von Objekten auch hier vor Ort“, so Funke. Die vom aktuellen Vorsitzenden Joachim Specht verfasste Festschrift lese sich wie ein Krimi. Etliche Gegenstände seien geraubt worden. Jahrzehntelang habe man sie in Magazinen gehortet, ohne sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Der Theologe äußerte die Hoffnung, dass die noch bestehenden Streitigkeiten friedlich beigelegt werden können. Denn die Bewahrung der örtlichen Historie sei sehr wichtig für den Erhalt der Identität, so Funke und fügte hinzu: „Was wir an globaler Weite gewinnen, verlieren wir an lokaler Tiefe.“
„Selten bin ich zu einem 120. Geburtstag eingeladen, bei dem der Jubilar noch so lebendig ist“, sagte Kai-Michael Sprenger aus dem Mainzer Kultusministerium. Mit dem Gedicht „Ehrenamt“ von Wilhelm Busch würdigte er augenzwinkernd den unermüdlichen und unentgeltlichen Einsatz der aktiven Mitglieder des Altertumsvereins. Insgesamt gebe es weit mehr als eine Million Menschen in Rheinland-Pfalz, die sich unbezahlt für die Gesellschaft engagierten, sagte Sprenger. Gerade im Bereich der landesweit über 450 kleinen, lokalen Museen sei diese Arbeit sehr wichtig, weil sie identitätsstiftend sei. Den Vorsitzenden Specht lobte er als einen Netzwerker, der stets auch über Grünstadt und das Umland hinausschaue.
Ein regionaler Schatz gehoben
Specht habe sich schon in seiner Jugend sehr für Geschichte interessiert, sagte Bürgermeister Klaus Wagner (CDU) über seinen Schulkameraden. Der Altertumsverein leiste einen wertvollen Beitrag für die Stadt. „Und wenn ich irgendetwas über die Historie wissen will, weiß ich, wen ich fragen muss“, so Wagner, dessen heutiges Büro im Stadthaus im Kreuzerweg 1903 der allererste Ausstellungsraum des Heimatmuseums gewesen ist.
Im Leiningerland gebe es viel zu entdecken, meinte der Verbandsbürgermeister Frank Rüttger (CDU). Durch den Altertumsverein sei ein regionaler Schatz gehoben worden. Er sagte: „Ich bin gespannt, was wir in Zukunft noch über unsere Vergangenheit erfahren.“