Kolumne „ Leininger Nachlese“
Frauenanteil: So leicht hätte Bockenheims CDU die SPD überholen können
Was „repräsentative Demokratie“ bedeutet, wird bisweilen missverstanden. Die gewählten Vertreter sollen zwar stellvertretend für die Bürger entscheiden. Aber das bedeutet nicht, dass sie die Zusammensetzung ihres Wahlvolks spiegelbildlich wiedergeben müssen. Schließlich können auch Ältere die Bedürfnisse Jüngeren berücksichtigen, Fleisch-Esser die Wünsche von Vegetariern respektieren, Kinderlose sich für Eltern-Interessen einsetzen und Katzenfreunde für Hundehalter-Anliegen.
Und was ist mit den Toupet-Trägern?
Außerdem wäre es einigermaßen herausfordernd, im Bundestag oder einem Ortsgemeinderat den Anteil etwa der Taubenzüchter, der Apnoe-Streckentaucher, der Mit-ihrem-Glasfaser-Anbieter-zufrieden-Seienden, der Zwölftonmusik-Liebhaber, der Liegeradfahrer, der Dicken, Dünnen, Groß- und Kleingewachsenen oder der Toupet-Träger an der jeweiligen Einwohnerschaft wenigstens halbwegs korrekt abzubilden. Weshalb das wohl auch kaum jemand von den Parteien erwartet.
In einem Punkt allerdings wird doch oft gefragt, inwieweit Repräsentativität im Sinn spiegelbildlicher Wiedergabe des Wahlvolks erreicht ist: beim Frauenanteil. Der Bockenheimer CDU-Vorsitzende Karsten Vautz wollte sich dieser Tage daher sogar damit brüsten, dass seine Partei fünf Bewerberinnen und mithin mehr Damen als jede andere politische Kraft im Dorf auf ihrer Rats-Kandidatenliste habe. Dass bei der SPD sogar sechs Frauen antreten, fiel ihm dann gerade noch rechtzeitig auf.
Hilfe aus dem Bundestag
Dabei hätten die Christdemokraten die Genossen noch locker überflügeln können. Schließlich hat der Bundestag gerade das neue Selbstbestimmungsgesetz beschlossen, das einen unbürokratischen Wechsel des Geschlechts erlaubt. Es hätten sich also nur zwei CDU-Herren zum Standesamt begeben und sich so in CDU-Damen verwandeln müssen. Wer diese Aufgabe zu übernehmen hat, wäre schnell geklärt gewesen. Denn Vornamen müssen „dem gewählten Geschlechtseintrag“ entsprechen.
Als natürliche Retterinnen der Bockenheimer CDU-Frauenquote wären demnach zuallererst Christian Schäfer und Peter Besin der Pflicht gewesen. Denn ihre Vornamen lassen sich sehr viel einfacher verweiblichen als die von, zum Beispiel, Jörg Neumann, Kurt Janson oder eben auch Karsten Vautz. Noch beeindruckender allerdings hätten sich die Christdemokraten zur Geschlechter-Repräsentativität bekennen können, wenn alle Personen auf ihrer Kandidatenliste mitgemacht hätten.
Wechsel zur Amtszeit-Hälfte
Da das neue Gesetz den Geschlechtswechsel im Jahresrhythmus gestattet, hätten die Bewerber versprechen können: Sie treten jetzt allesamt als, zum Beispiel, Männer an. Aber nach der Hälfte ihrer Amtszeit werden sie allesamt zu Frauen. Und wenn sie den Wechselstichtag dann um ein paar wenige Tage vorverlegt hätten, hätten sie ein Repräsentativitätsproblem gelöst, das bislang noch nicht einmal die Grünen mit ihrer Liebe zur 50:50-Quote in den Griff bekommen haben.
Frauen leben im Schnitt länger als Männer, und deshalb liegt ihr Anteil an der Einwohnerschaft eigentlich immer und überall bei knapp über 50 Prozent – weshalb ihnen, so gesehen, im Bockenheimer Rat und auf den Kandidatenlisten etwa 8,1 bis 8,2 der 16 Plätze gebühren dürften.