Grünstadt
Ex-Grünstadterin hat Start-up gegründet: Wie digitale Schuhsohlen im Alltag helfen sollen
Ob Marktanalysen, Ideenwettbewerbe oder Inspirationen aus dem Ausland: Möglichkeiten, vor der Gründung eines Start-ups eine Geschäftsidee zu finden, gibt es jede Menge. Im Fall von Julia Zimmermann und ihrem Unternehmen Eversion verläuft die Geschichte jedoch anders – und beginnt mit einem Stechen in der Hüfte. Vor etwa drei Jahren seien die Schmerzen dort erstmals aufgetreten, sagt die 26-Jährige, die sich anschließend auf die Ursachensuche begab. „Es gab keine pathologischen, keine psychischen Auslöser. Im Endeffekt wurde mir einfach gesagt: Nehmen Sie einfach weiter Schmerzmittel und machen Sie Physioübungen“, erinnert sich die 26-Jährige an ihren monatelangen Ärztemarathon.
Das habe sich jedoch geändert, als sie Wolfgang Triebstein kennenlernte. Seit mehr als 30 Jahren forscht der Orthopädie-Techniker, wie sich bestimmte Stellungen der Füße oder auch drückende Schuhe auf den Rest des Körpers auswirken. Seine These: Bereits kleine und unscheinbare Fehlstellungen wirken ständig auf den Körper und können Hüft- oder Rückenbeschwerden verursachen – und individuelle Einlagen können das beheben. Um das zu prüfen, hatte Triebstein 2014 ein eigenes Labor in Eisenach eröffnet.
„Für mich war das ein Game-Changer, weil ich mir endlich erklären konnte, wie die Schmerzen entstehen“, sagt Zimmermann. Gleichzeitig habe sie sich überlegt, wie der Ansatz noch verbessert werden könnte. Daraus sei die Idee ihres Start-ups, bei dem Triebstein als einer der fünf Mitbegründer mit an Bord ist, entstanden: eine Einlegesohle mit Sensoren, die Daten misst und dasselbe macht, wie das Labor in Eisenach.
Überzeugen konnte diese Idee unter anderem Rüdiger Koppelmann, den ehemaligen Geschäftsführer von Sodastream. Er ist einer der Investoren, die Kapital in das Start-up der ehemaligen Grünstadterin angelegt haben. Im Januar teilte das Unternehmen mit, dass es bei der Finanzierungsrunde ein Gesamtinvestment in siebenstelliger Höhe erhalten habe. Noch dieses Jahr will das junge Unternehmen, das zehn Mitarbeiter beschäftigt, das Produkt auf den Markt bringen. Die Vorfreude im Team sei entsprechend groß, sagt Zimmermann: „Seit zweieinhalb Jahren arbeiten wir bereits an der Idee. Natürlich scharren alle kurz vor dem Markteintritt mit den Hufen.“
Erste Erfahrungen als Chefin bei der Schülerzeitung
Vor der Gründung studierte Zimmermann Wirtschaftsingenieurwesen im Bereich Bau an der Hochschule Konstanz. Davor absolvierte sie 2018 ihr Abitur am Leininger-Gymnasium in Grünstadt. Dort war sie bis zum Schulabschluss eine der beiden Redaktionsleiterinnen der Schülerzeitung – dem „Eulenspiegel“, beziehungsweise der „Euli“, wie sie auch genannt wird. „Ich glaube, man hat schon ein bisschen gelernt, wie man innovativ denken kann und auch mit vielen unterschiedlichen Menschen im Team umgehen kann“, sagt Zimmermann über ihre ersten Erfahrungen in einer Chefposition. Unter ihrer Mitwirkung sei die Schülerzeitung digitalisiert worden: Statt einer Printausgabe gab es nur noch eine Online-Version. Auch einen Instagram-Kanal sowie einen Newsletter hatte das Redaktionsteam unter Zimmermann ins Leben gerufen.
Grundsätzlich ermutige sie Schüler dazu, Start-ups zu gründen. Wichtig sei dabei, sich über Fördermöglichkeiten zu informieren, sagt Zimmermann. Ihr Unternehmen wurde beispielsweise vom Land Baden-Württemberg mit dem Programm „Start-up BW Pre-Seed“ finanziell unterstützt. Darüber hinaus rate sie, immer im Vorfeld zu prüfen, ob eine Idee Erfolg haben wird oder nicht. „In unserem Fall war das ein bisschen anders, weil Wolfgang ja schon die Daten aus dem Labor hatte“, sagt Zimmermann. Dennoch habe man viele Umfragen gemacht, etwa auf Messen oder im Freundes- und Bekanntenkreis, um auf der sicheren Seite zu sein. Außerdem müsse das Produkt leicht vermittelbar sei. „Wir sind ja nicht Biontech und erklären den potenziellen Investoren chemische Zusammenhänge, sondern haben sie zum Teil auch damit überzeugt, dass sie das Produkt ausprobiert haben“, so Zimmermann.
Immer weniger Frauen unter den Start-up-Gründern
Dennoch sei auch ihr Eindruck, dass es in Deutschland im Vergleich zu den USA schwierig sei, genug Investoren zu finden, die Kapital anlegen. „Wenn man aus der Anfangsphase heraus ist und es keine Fördermittel mehr gibt, dann gibt es den Zeitabschnitt, der unter Gründern auch gerne Valley of Death genannt wird“, so die 26-Jährige.
Dennoch wächst die Start-up-Landschaft in Deutschland. Laut dem Bundesverband Deutsche Start-ups kam es 2024 zu 2766 Neugründungen – elf Prozent mehr im Vergleich zum Jahr davor. Auf der anderen Seite werden Jungunternehmen immer seltener von Frauen gegründet. Lag der Anteil der Gründerinnen 2023 bei 20,7 Prozent, waren es im vergangenen Jahr nur noch 18,8 Prozent.
Auch Zimmermann beschäftigt das Thema. „Ich glaube, es beginnt schon sehr früh, dass junge Frauen oder Mädchen in anderen Strukturen aufwachsen, in denen ihnen so etwas gar nicht zugetraut wird“, sagt die 26-Jährige. Sie selbst sei der Überzeugung, dass viele Frauen in der Gründerszene notwendig sind – nicht zuletzt, um eine andere Perspektive zu bekommen. So habe sie bei den Gesprächen mit den Investoren gemerkt, dass Frauen zum Beispiel einfacher Vertrauen aufbauen könnten als Männer. „Die klassischen weiblichen Attribute, die man uns zuschreibt, treffen manchmal eben doch zu“, sagt Zimmermann.