Grünstadt / Leiningerland
Die Unermüdlichen: Mit Wahlplakatierern unterwegs
Zu den „Dinosauriern“ unter den Plakatierern gehört Hans Tisch, der 1999 für die CDU in den Grünstadter Stadtrat einzog und heute Erster Beigeordneter ist. „Ich war ja schon vorher politisch aktiv. Insofern hänge ich bestimmt seit rund 40 Jahren Wahlplakate auf“, sagt der Landwirt. Der Vorsitzende des CDU-Ortsverbandes Mimmo Scarmato bestätigt: „Hans ist wohl am längsten dabei.“ Da kommt schon einiges an Engagement zusammen, wie Tisch aufzählt: „Im November hatten wir Landratswahl, im März wurde die Landesregierung neu zusammengesetzt und jetzt geht es um den Bundestag.“
Jedes Mal sind zig Plakate anzubringen. Das dauert viele Stunden. In den Anfangsjahren war das besonders zeitaufwendig. „Da hatten wir Holzständer mit Rahmen aus Dachlatten, mussten die Teile zusammenschrauben, die Poster wie Tapete draufkleistern und das Ganze mit Blumendraht festbinden“, erinnert sich der 65-Jährige und verzieht das Gesicht: „Das war eine ganz schön babbige Angelegenheit.“
Auch der Bürgermeister klebt
„Früher gab es 75 Standorte pro Partei, heute werden uns 50 zugestanden“, erzählt Tisch. Wobei an manchem Platz bis zu vier Poster befestigt werden können – übereinander und von beiden Seiten. Das Stadtgebiet wurde in Bereiche geteilt, für die bestimmte Leute zuständig sind: Asselheim und Sausenheim, Nordstadt und Weststadt sowie das Industriegebiet. Unterwegs sind unter anderem Bürgermeister Klaus Wagner, Patrick Hoffmann, Heinz Schönhofer, Christoph Siebert, Guido Trump und Lucas Werner.
Aber das Ehrenamt ist nicht damit erledigt, einmal kurz alle Laternenpfähle anzusteuern, Plakate festzubinden und nach der Wahl wieder zu entfernen. Denn die Arbeit ist oft mehrmals zu erledigen. Wind und Wetter, auch zerstörungswütige Zeitgenossen machen die Plakate kaputt. „Oder reißen sie komplett herunter“, erzählt Tisch. Scarmato erläutert: „Deshalb haben wir eine besondere Befestigungstechnik entwickelt.“
Beide betonen, dass man stets bemüht sei, beschädigte Plakate umgehend zu reparieren oder auszutauschen. „Ganz schlimm war das bei der Landtagswahl im Frühling“, blickt Scarmato zurück. „Kaum hatten wir die Stellwand am Ortseingang platziert, war das riesige Foto von Markus Wolf auch schon mit dem Teppichmesser zerschnitten“, nennt der 46-jährige Diplom-Finanzwirt ein Beispiel. Relativ sicher seien die Wahlwerbeposter – wen wundert’s? – vor der Polizeistation.
So läuft es in Carlsberg
In Carlsberg, dem größten Dorf der Verbandsgemeinde Leiningerland, haben vergangene Woche Valentin Hoffmann, der allein 15 Jahre lang Beigeordneter war, und Fred Raffel für die SPD plakatiert. „Die Standorte sind eigentlich immer dieselben“, sagt Hoffmann. Sie müssten ja neutral und augenfällig sein, dürften weder Straßenschilder noch Reklame verdecken, nicht die freie Sicht der Verkehrsteilnehmer einschränken.
Die Stellen, um die die Parteien konkurrieren, konzentrieren sich im Ortskern. Es gelte das Prinzip: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Hängt da zum Beispiel bereits ein Plakat der Freien Wähler, wird das eigene darüber oder darunter befestigt. „Bei Kommunalwahlen, wenn viel mehr Schilder aufgestellt werden, weil es um die lokalen Personen geht, kann es schon mal eng werden“, so der 57-Jährige. Für die Bundestagswahl dagegen reichen 35 Stück in Carlsberg und Hertlingshausen.
Schakewitsch seit 1983/84 dabei
Während das alles für Raffel noch Neuland war, hat Peter Schakewitsch Routine. Er klebt seit 1983/84. „Bei übergeordneten Wahlen braucht es nicht so viele Plakate, denn die wiederholen sich ja in jedem Ort“, so der pensionierte Industriemeister für Holz und Kunststoff. Apropos Holz: Der 78-Jährige blickt auf die Anfänge des Plakatierens: „Wie hab ich die Kleberei und Schlepperei früher verflucht!“ Die Rahmen wurden bei der Behindertenwerkstätte der Lebenshilfe in Herxheim geholt „und dann bei mir in der Garage oder bei Friedhelm Volkmann beklebt“, so Schakewitsch. Volkmann sei auch immer dabei gewesen, ebenso wie Rudi Giemsa, ehe er verstarb.
Gelagert wurden die sperrigen und schweren Teile auf dem Speicher des Naturfreundehauses Rahnenhof. „Sie dorthin zu bringen, war stets eine größere Aktion“, so der Sozialdemokrat. Hoffmann fällt ein nerviger Wettlauf ein: „Die Ständer wurden einfach von anderen Parteien mitbenutzt. Hinten war eindeutig der Stempel der SPD drauf, aber vorn prangte ein Bild der CDU oder der FWG.“ Also wurde der Kleisterpinsel geschwungen und das eigene Poster wieder angebracht.
Das passiert heute mit den leichten und recyclebaren Hohlkammerplakaten nicht mehr. Dafür werden sie auch in Carlsberg zerrissen oder besprüht. Die Schäden zu beseitigen, kostet eine Menge Zeit. Davon hat der Versicherungsmakler nicht viel. Warum nimmt er sich trotzdem welche, um zu plakatieren? Hoffmann: „Weil mir die SPD Carlsberg-Hertlingshausen am Herzen liegt.“ Schakewitsch, der seit mehr als einem Vierteljahrhundert kommunalpolitisch aktiv ist: „So ist das mit dem Ehrenamt. Und wer im Rat sitzt, hängt auch Wahlplakate auf.“