Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Bio-Pläne gescheitert: Pfälzer Naturkostladen muss schließen

Sibylle und Niels-Holger Albrecht müssen im Sommer ihren Naturkostladen "Herrlisch" in Grünstadt schließen.
Sibylle und Niels-Holger Albrecht müssen im Sommer ihren Naturkostladen »Herrlisch« in Grünstadt schließen.

Das Ehepaar Albrecht betreibt seit acht Jahren den Bioladen „Herrlisch“ in der Grünstadt Fußgängerzone. Dahinter steckt eine Vision. Warum die jetzt gescheitert ist.

Sich mit biologischen Produkten zu ernähren, sei eine politisch-gesellschaftliche Entscheidung, „und ich habe dreimal täglich die Wahl“, formuliert es Niels-Holger Albrecht in einem Brief an seine Kunden, den er seit Freitag verschickt. Die Bürger aus Grünstadt, dem Leiningerland, dem Eistal und vereinzelt darüber hinaus hätten gewählt – doch leider nicht zugunsten seines Naturkostladens „Herrlisch“, stellt er in dem Schreiben fest. Am 30. Juni gehe die Tür für immer zu. Dann gibt es ein weiteres totes Auge in der Innenstadt.

Umsatz bricht nach Corona-Pandemie ein

„Im Sommer 2022 haben wir auf diese Gefahr hingewiesen“, blickt der Inhaber zurück. Nachdem die ersten beiden Corona-Jahre dem Biofachhandel einen enormen Zuwachs beschert hatten, brachen die Umsätze plötzlich branchenweit um 15 bis 20 Prozent ein. Ein Grund war die Inflation infolge des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Auch führten die allmählich gelockerten strengen Pandemie-Regeln dazu, dass wieder mehr Geld für Freizeitaktivitäten und Reisen ausgegeben wurde. Für die Albrechts kam in ihrem Geschäftshaus noch ein Eigentümerwechsel mit Mietsteigerung hinzu und eine Verdopplung der Mindestbestellmengen im Großhandel. Sie überlegten sich deshalb eine spektakuläre Aktion, um wachzurütteln: Sie klebten die Schaufenster großflächig zu.

„Das hat uns immerhin ein Jahr weitergetragen“, berichtet Sibylle Albrecht von der folgenden Welle der Solidarität. Doch danach ebbte der Zuspruch ganz langsam wieder ab. „Der Ukraine-Krieg hat uns nicht zu getan“, sagt sie. Massive Einbrüche habe es dann ab September 2025 gegeben: „Der Umsatz ging um zehn Prozent zurück, im November waren es 22 Prozent weniger als im Vorjahr und die ersten beiden Monate des laufenden Jahres blieb der Erlös um 16 bis 18 Prozent niedriger als erwartet.“ Rund 200 treue Stammkunden, von denen circa 30 nicht nur immer wieder mal etwas besorgen, sondern regelmäßig ihre Wocheneinkäufe bei „Herrlisch“ erledigen, können daran nichts ändern.

Bio-Trend im Supermarkt

Dabei sei öko mehr gefragt denn je, sagt der 65-Jährige: „Aber diese Entwicklung findet hauptsächlich außerhalb des Naturkost-Fachhandels statt.“ Er verweist darauf, dass die Angebote der Supermärkte und Discounter im Bio-Segment kontinuierlich wachsen. Einen Effekt daraus beschreibt Sibylle Albrecht: „Wir fallen hinten herunter, kriegen unsere Regale nicht mehr gefüllt.“ Auch habe sich das Einkaufsverhalten der Menschen geändert: „Wenn wir früher einen Tag geschlossen hatten, sind die Kunden entweder am Vortag oder einen Tag später gekommen.“ Heute werde eine kurzzeitige Auszeit nicht mehr kompensiert.

Probleme hätten sich zudem bei den Lieferanten aufgetan. „Wir mussten leider feststellen, dass immer mehr Bio-Bäcker verschwinden“, so Niels-Holger Albrecht. Die hohen Energiepreise machten ihnen zu schaffen: Einer habe die arbeitsintensive und margenschwache Produktion von Brötchen eingestellt, einer habe aus wirtschaftlichen Gründen aufhören müssen und der nächste altersbedingt.

Schäden am Gebäude als weiterer Faktor

Um mit Workshops, Verkostungen oder anderen Veranstaltungen Pluspunkte bei der Kundschaft zu sammeln, bräuchten die Albrechts ein Domizil, das gut in Schuss ist, so der Unternehmer. Doch „der Zustand des Ladens ist in einem desaströsen Stadium“, erklärt er. Seine Frau berichtet von einer Heizung, die nicht warm macht, aber extrem viel Energiekosten verursacht, einem Wasserschaden im oberen Stockwerk und einem undichten Dach. Die gläserne Eingangstür sei so kaputt, dass nur noch ein Flügel benutzt werden könne.

Marode sei auch die Immobilie ihres ersten Ladens gewesen. Den konnten die Albrechts 2014 in Bad Dürkheim übernehmen. Voller Elan stürzten sich der Elektriker und die Sozialpädagogin in das Abenteuer, ihren Traum zu verwirklichen. Bald schon war das Geschäft jedoch nicht nur sanierungsbedürftig, sondern auch zu klein, und sie suchten lange etwas Neues. Fündig wurden sie schließlich in Grünstadt: Im ehemaligen Modehaus Eich in der Fußgängerzone, wo sie im November 2018 eröffneten. Die damals getätigte Investition von rund 150.000 Euro habe sich bislang nicht armortisiert, räumt Niels-Holger Albrecht traurig ein. Die Insolvenz müssten sie zum Glück nicht anmelden, aber der Preis ist hoch: Der Inhaber hat einen Großteil seines Erbes, was eigentlich zur Alterssicherung gedacht war, in das Geschäft gesteckt.

Viel zu wenig Personal

Die anfangs acht Mitarbeiter in Voll- und Teilzeit haben sich im Lauf der Jahre „von allein“ reduziert, etwa weil einer in Rente gegangen ist oder ein Studium begonnen hat. Aktuell beschäftigt das Paar noch eine Festangestellte, eine Zwölf-Stunden-Kraft und eine Minijobberin, „wodurch wir aber 300 Personenstunden zu wenig pro Monat abdecken“, erklärt Sibylle Albrecht. Sie und ihr Mann können das unmöglich auffangen. Eine zusätzliche Belastung sind in der Situation auch Angehörige, die Unterstützung benötigen.

Und wie geht es nun weiter? „Ich schreibe gerade jede Menge Bewerbungen“, sagt die 55-Jährige. Aus dem Pachtvertrag werden sie nicht vorzeitig entlassen. Der läuft noch bis 31. Juli. Niels-Holger Albrecht appelliert an die Kunden: „Kaufen Sie bis zum Schluss noch bei uns ein. Wir brauchen jeden Beistand.“

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