Frankenthal
Wilder Räuber oder zahmer Hund – streunendes Tier gibt Rätsel auf
Zuerst läuft der angebliche Wolf auf dem Feld parallel zur Carl-Benz-Straße, dann wechselt er kurz auf den Gehweg, um vor dem Tankhof Ziehl nach links in den Lichtkegel des Autos zu traben und schließlich wieder zu verschwinden. Dieses bei Facebook verbreitete und vielfach aufgerufene Video, von dem – Stand jetzt – weder der Zeitpunkt der Aufnahme noch dessen Urheber bekannt sind, hat gemeinsam mit einem Foto, das ein wolfsähnliches Tier an einer Straßenecke im Heßheimer Viertel zeigen soll, in den zurückliegenden Tagen für einige Aufregung gesorgt. Nutzer melden weitere Sichtungen des Vierbeiners in der Nähe des Flugplatzes und am ASV-Sportgelände in Mörsch.
„Ein Pudel ist es nicht“
Die mit dem erwähnten Bild, das offenbar an der Ecke Rosenstraße/Mozartstraße entstanden ist, garnierte Meldung in einer Facebook-Gruppe mit Frankenthal-Bezug verschwindet allerdings am Mittwochmorgen wieder – wie die rätselhafte Kreatur selbst. Unter der Meldung hatte sich bis zum Löschen des Beitrags schon eine lebhafte Diskussion darüber entsponnen, ob es sich bei dem Tier nun tatsächlich um ein Exemplar des verschiedentlich auch in der Pfalz wieder nachgewiesenen Wolfs handelt. Oder eben beispielsweise um einen möglicherweise entlaufenen Tschechoslowakischen Wolfhund, der seinem nahen Verwandten bei flüchtiger Betrachtung tatsächlich sehr ähnlich sieht. „Ein Pudel ist es jedenfalls nicht“, resümiert einer der Kommentatoren trocken.
Nachfrage bei Michael Back, bei den Landesforsten für das Großkarnivoren-Monitoring in Rheinland-Pfalz zuständig: „Diese Sichtungen beschäftigen uns schon seit einer guten Woche“, berichtet der in Trippstadt ansässige Experte für Raubtiere wie Luchs und Wolf. Um ein fundiertes Urteil fällen zu können, ob sich tatsächlich einer der Fleischfresser nach Frankenthal und Umgebung verirrt haben könnte, bräuchte Back nach eigener Darstellung Zugriff auf das Original-Material und insofern Kontakt mit demjenigen, der das Handyvideo offenkundig aus dem Beifahrerfenster eines Autos gedreht hat.
Experte hofft auf Hinweise
Bislang waren sämtliche Versuche, Kameramann oder -frau zu ermitteln erfolglos, sagt Back. „Wir drehen uns da im Kreis.“ Anfragen der RHEINPFALZ bei Facebook-Nutzern, die das etwa halbminütige Werk gepostet oder geteilt haben, bleiben am Mittwoch ohne Erfolg. Das gilt auch für das den Lichtverhältnissen nach offenbar nachts entstandene Bild, das den Vierbeiner von vorne zeigt. Der Fachmann der Landesforsten hat es am Computer aufgepixelt und bei dieser oberflächlichen Analyse zumindest eins festgestellt: Die Form der Ohren passt nicht zu einem Wolf. Ein wichtiges Merkmal, das ihn von Hunden unterscheidet, ist auf dem Foto nicht zu erkennen: Trüge das Tier seine Rute hängend, würde das für eine Begegnung mit dem Raubtier sprechen.
Solange Michael Back nichts Konkreteres vorliegt, rangieren die Beobachtungen und Bilder aus der Vorderpfalz nach den sogenannten Scalp-Kriterien, die für das Monitoring von Luchsen, Wölfen und Bären angewandt werden, in der Kategorie „C3“. Dabei handelt es sich um einen sogenannten unbestätigten Hinweis. Für einen bestätigten Hin- oder gar einen eindeutigen Nachweis fehlt es beispielsweise an von Sachkundigen überprüften Indizien wie Spuren oder andere harte Fakten: Lebendfang, Totfund oder genetischer Nachweis. Back nimmt die Informationen aus der Region Frankenthal zumindest so ernst, dass er seinen hiesigen Großkarnivorenbeauftragten vor Ort schickt.
Auf keinen Fall füttern
Die Frage, ob es zum Verhalten eines in freier Wildbahn lebenden Wolfs passe, ohne erkennbare Scheu Wohngebiete zu durchqueren, beantwortet Michael Back vorsichtig: „Ich möchte es nicht ausschließen, dass ein Tier auf einer Wanderroute auch ein Wohngebiet streifen kann.“ Im Normalfall werde es aber versuchen, schnell wieder aus der Nähe des Menschen zu verschwinden. Für Begegnungen mit einem Wolf gelten Back zufolge ein paar einfache Regeln: auf sich aufmerksam machen, dabei reden, sich langsam vom Tier wegbewegen und Haustiere an die Leine nehmen. Auf keinen Fall sollte man schreien, sich aggressiv verhalten oder Futter anbieten.
Nachgewiesen wurden Wölfe der Mitteleuropäischen Flachlandpopulation und der Alpen-Italienischen Population schon verschiedentlich im Pfälzerwald. Am nächsten kamen die Tiere der Vorderpfalz bisher bei Carlsberg (Kreis Bad Dürkheim) und Wachenheim. Die meisten auf der Internetseite des Koordinationszentrums Luchs und Wolf aufgelisteten Fälle stammen allerdings aus dem Norden von Rheinland-Pfalz: den Kreisen Altenkirchen und Neuwied im Westerwald. Dort haben Wölfe auch schon wiederholt Nutztiere gerissen. Die Meldungen der zurückliegenden Tage haben offenbar auch bei Haltern in der Vorderpfalz Verunsicherung ausgelöst: Einen Anruf einer besorgten Schäferin aus Maxdorf hat Michael Back bereits bekommen.
Kontakt
Wer Informationen oder weitere Sichtungen melden möchte, erreicht das den Landesforsten zugeordnete Koordinationszentrum Luchs und Wolf unter der Telefonnummer 06306 911199.