Frankenthal
Energie und Lithium aus der Tiefe: BASF, Vulcan Energies und Stadt starten Jahrhundert-Projekt
Die Aufgabe ist für den Energieversorger Frankenthal noch gigantischer als für die Kollegen aus Ludwigshafen. Binnen weniger Jahre müssen die Stadtwerke eine Infrastruktur aufbauen, um Privat- wie Geschäftskunden grüne Energie als Alternative zu einer Wärmepumpe anbieten zu können. Ludwigshafen kann dafür dank des Müllheizkraftwerks auf ein existierendes Fernwärmenetz zurückgreifen, das sukzessiv ausgebaut werden könnte. Frankenthal liefert zwar Abfall in die Nachbarstadt, hat davon aber fast nichts für die Eigenversorgung mit regenerativer Energie. Da beginnt die Stadt im Prinzip bei Null.
Binnen eines Jahres schließen sich die beiden Städte nun zu einem weiteren Mega-Projekt zusammen, um die Energiewende zu wuppen. Zu Jahresbeginn haben sie ihre Planungen vorgestellt, wie sie das warme Abwasser aus der BASF-Kläranlage bei Mörsch nicht mehr ungenutzt in den Rhein fließen lassen wollen. Vielmehr soll die über stationäre Wärmepumpen abgezogene Energie in ein kilometerweites Netz eingespeist werden, das in den Norden von Ludwigshafen verlegt werden soll. Unterwegs sollen Trassen in die Frankenthaler Innenstadt abgezweigt werden. Die Herausforderung für Stadtwerke-Geschäftsführer Volkmar Langefeld: Er muss erstmal Kunden gewinnen, die diesen Strom am Tag X zu einem noch unbekannten Preis abzunehmen bereit sind.
BASF will Klimabilanz verbessern
So oder so muss er im Zuge der Daseinsvorsorge in spätestens fünf Jahren ein ausreichendes Angebot vorhalten. Und dafür tut sich nun eine weitere Quelle auf: Thermalwasser aus den Tiefen des Oberrheingrabens. Es ist ein wahres Elixier, wenn man den Ausführungen von BASF, dem Lithium-Verarbeiter Vulcan Energy und den Oberbürgermeistern Jutta Steinruck (SPD, Ludwigshafen) und Nicolas Meyer (FWG, Frankenthal) Glauben schenkt.
Wohl 140 bis 170 Grad heiß kann das Wasser aus den Tiefen gefördert werden. Nicht, um es in erster Linie als Fernwärmelieferant in Rohrleitungen einzuleiten. Zuvorderst will die BASF in ihrem Stammwerk Millionen Tonnen CO2-freien Dampf erzeugen und damit ihre Ökobilanz nachhaltig verbessern. Für den zweiten Partner in dem Quartett, die auch in der Südpfalz aktive Vulcan Energy, wäre eine systematische Erschließung interessant, weil sich dauerhaft das Alkalimetall Lithium abscheiden ließe, das – ökologisch weiterverarbeitet – für die Batterieproduktion in Elektroautos gebraucht wird.
Keine Vorhersagen, aber positive Prognosen
Am Ende dieser beiden Prozesse wäre das Thermalwasser immer noch warm genug, um daraus auch noch lukrativ Fernwärme gewinnen zu können. Ob all diese Verfahrensschritte so kommen werden, wagte bei der Pressekonferenz gestern in der BASF-Zentrale keiner der Beteiligten vorherzusagen. Ihre Prognosen sind aber unisono so positiv, dass nicht nur die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) sie allesamt persönlich zu diesem Geothermie-Joint Venture beglückwünschte.
Nach den Weihnachtsferien werden bereits erste konkrete Schritte gegangen. In Ludwigshafen und Frankenthal sind mehrere Bürgerforen in Planung, ehe ab dem Frühjahr Vibrationsfahrzeuge durch die Vorderpfalz rollen sollen. Zehn Tage lang sollen diese Trucks den Tiefenuntergrund grob seismisch vermessen, vergleichbar einer Unterschalluntersuchung beim Arzt. Der Auswertung dieses Schallwellenbilds soll sich eine detailliertere 3D-Messung anschließen. Diese wäre Grundlage für sogenannte Explorationsbohrungen an meistversprechenden Standorten.
Erste Messungen beschlossen
Letztlich – so die Theorie – sollen an fünf Punkten in relativer Nähe zum BASF-Stammwerk je zwei Öffnungen gebohrt werden: Über eine wird das Thermalwasser nach oben geführt und über die zweite zurück, nachdem es die drei Verwertungszyklen durchlaufen hat. Welche der Schritte wann und wo realisiert werden, konnten die Beteiligten gestern nicht sagen. Dafür seien zu viele Unbekannte im Spiel, von Genehmigungsverfahren über Kostenentwicklungen bis hin zu geologischen Auffälligkeiten.
Fest steht bislang, dass die erste der beiden seismischen Voruntersuchungen gestartet werden soll. Dazu haben BASF-Standortleiter Uwe Liebelt, Vulcan Energy Ressourcen-Geschäftsführer Thorsten Weimann, Stadtwerke-Chef Volkmar Langefeld und der Co-Vorstand der Technischen Werke Ludwigshafen (TWL), Thomas Mösl, eine Absichtserklärung unterzeichnet. Die kommunalen Partner wird der Einstieg in das Projekt Erdwärme jeweils maximal 200.000 Euro kosten. Wie viel insgesamt investiert würde, könne noch nicht beziffert werden. Liebelt rechnet für die BASF allein für die Seismik mit bis zu fünf Millionen Euro.
