Frankenthal
Weitere Ruhestätte für Sternenkinder auf Frankenthaler Hauptfriedhof
Man muss erst eine Weile suchen und dann genau hinschauen, ehe man sie in Frankenthal auf dem Hauptfriedhof entdeckt: die Ruhestätte für die Babys, die im Mutterleib gestorben sind oder die Geburt nur wenige Minuten überlebt haben. Sternenkinder werden diese kleinen Wesen respektvoll genannt.
Mit dieser einfühlsamen Wortwahl soll die Liebe ihrer Eltern deutlicher zum Ausdruck kommen als in dem medizinisch-sterilen Fachbegriff „Fehlgeburt“ oder „Totgeburt“. Einmal im Jahr können sie bei einer ökumenischen Bestattungsfeier am Rande des Frankenthaler Hauptfriedhofs Abschied von ihren kleinen Lieben nehmen. Dass das Areal abgelegen ist und eine intime Atmosphäre schafft, kommt Trauernden durchaus entgegen. Dass das unsortierte Gräberfeld über die Jahre verwildert und stellenweise fast bis zur Unkenntlichkeit mit Efeu zugewachsen ist, will Sonja Hebrock aber nicht länger akzeptieren.
Deshalb ist die 47-Jährige, die vor Jahren selbst eine Fehlgeburt erlitten hat, in diesem Jahr aktiv geworden, hat Überzeugungsarbeit für eine Aufwertung der Gedenkarbeit geleistet, sich Verbündete gesucht und online eine Spendenaktion gestartet. Das Ergebnis von Hebrocks Engagement soll in den nächsten Wochen sichtbar werden.
Im Lauf des ersten Quartals soll in Richtung der Kindergräber an der nördlichen Friedhofsmauer eine weitere, neue Ruhestätte angelegt werden – in Ergänzung zur bestehenden. So wie es der Spendenetat hergibt, soll sie nach und nach um eine Sitzbank, einen Gedenkstein und einen ewigen Briefkasten angereichert werden. Diese Säule soll über ein ausgehobenes Erdloch platziert werden. Angehörige können Abschiedsbriefe einwerfen, die dann im Erdreich verrotten.
Verwittert und mit Laub übersät
Nicht nur aus persönlicher Betroffenheit macht sich Hebrock, die vor 13 Jahren aus Nordrhein-Westfalen in die Vorderpfalz gezogen ist, für einen würdigen Platz der Erinnerung stark. Unmittelbarer Auslöser für ihre Initiative war ein Post von Saskia Händel in sozialen Medien, in dem die betroffene Mutter den aktuellen Zustand des Areals bedauert hat. Versprenkelte kleine Parzellen, Zugang und Grabschmuck teilweise zugewuchert und mit braunem Laub übersät, die steinernen Figuren verschmutzt, vermoost und Fragmente abgeplatzt.
Hebrock hat sich selbst ein Bild vom Allgemeinzustand gemacht – und Händel den tatkräftigen Beistand zugesagt, den Letztere von der Stadt vermisst habe. Ihre deprimierenden Eindrücke hat sie in die Freie Wählergruppe eingebracht, in der sie sich seit fast zwei Jahren engagiert.
Die Portfolio-Managerin beim Medizinproduktehersteller Roche Diagnostics in Mannheim sitzt für die Fraktion als bürgerschaftliches Mitglied in gleich vier Ausschüssen: für die Stadtklinik, das angedockte Medizinische Versorgungszentrum (MVZ), im Betriebsausschuss des Eigen- und Wirtschaftsbetriebs Frankenthal (EWF) sowie für die Themen Gesundheit und Soziales.
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Verbündete gefunden
„Unsere Vorsitzende Tanja Mester war genauso erschüttert wie ich über den Zustand dieser Ruhestätte“, berichtet Hebrock beim Ortstermin auf dem Hauptfriedhof. „Ein solches Umfeld wird den trauernden Eltern nicht gerecht.“ Manche zögen es da vor, privat einen Ort der Trauer und des Rückzugs einzurichten, weiß Hebrock aus eigener Erfahrung. Eine Bekannte habe sich selbst um ein würdiges Grab für ihr Kind gekümmert, das nicht habe leben dürfen. „500 Gramm kann durchaus den fünften oder sechsten Monat einer Schwangerschaft bedeuten“, verdeutlicht die Mutter einer 13-jährigen Tochter. 500 Gramm sind das Grenzgewicht, unterhalb dessen Totgeburten als Sternenkinder bezeichnet werden.
Also hat sich Hebrock weitere Verbündete gesucht – und mit Marietta Mayer vom EWF, der Sektion Worms/Frankenthal des Sternenkindervereins sowie der katholischen Pastoralreferentin und Krankenhausseelsorgerin Cäcilia Jünger-Fiebig gefunden. Auch die CDU und die Grünen/Offene Liste weiß sie mittlerweile sicher an ihrer Seite. Eine virtuelle Go-Fund-Me-Spendenaktion hat mittlerweile etwas mehr als 2000 Euro eingebracht, die Zielmarke liegt bei 10.000 Euro. Die neue Gedenkstätte soll nach der Vorstellung der Initiatorin bewusst zum Verweilen einladen, ein kleiner Sandkasten soll etwa Geschwisterkindern etwas Beschäftigung oder Ablenkung bieten. Vereinsmitglieder wollen die Grabpflege übernehmen.
Und wenn das Ziel bis Ostern hoffentlich erreicht ist, was nimmt sich Hebrock dann als Nächstes vor? „Jetzt stecke ich meine ganze Energie erst mal in die Realisierung eines würdigen Orts der Erinnerung an unsere Sternenkinder, die Planung und Abstimmung hat doch mehr Zeit beansprucht, als ich zunächst angenommen hatte“, erklärt sie. „Danach wird mir schon etwas Neues einfallen.“
Im Netz
Der Link zum Spendenaufruf findet sich unter https://gofund.me/44031906f
Transparenzhinweis
Um dem Eindruck entgegenzutreten, die bisherige Ruhestätte könnte entfernt und durch eine neue ersetzt werden, ist der Text an einer Stelle präzisiert worden. Sie wird nicht verlagert, sondern um die geplante Anlage ergänzt. Erstere war auf Anregung des Vereins „Initiative Regenbogen – Glücklose Schwangerschaft“ im Oktober 2014 als Grab- und Gedenkstätte für totgeborene Frühchen eingeweiht worden.