Frankenthal / Landau
„Kinder haben ein Recht auf Mediennutzung“ – Medienpädagogin im Interview
Ein ewiges Diskussionsthema in Familien: die Handyzeit. Sind solche festen Vereinbarungen aus Ihrer Sicht überhaupt notwendig?
Viele Eltern wünschen sich festen Zeiten und Regeln als Orientierung. Aus meiner Beratungserfahrung weiß ich allerdings: Häufig stolpern Familien genau über diese starren Vorgaben. Diese Empfehlungen stammen aus einer Zeit, als Mediennutzung noch viel weniger komplex war. Da bräuchte es eine realistische Anpassung.
Was wäre die Alternative?
Wir als Familie versuchen, sehr situationselastisch mit der Mediennutzung umzugehen. Unsere Kinder haben ein bestimmtes Zeitkontingent, das sie selbstbestimmt einsetzen können. Weil unser Fünf- und unser Achtjähriger gemeinsam ihre Inhalte auswählen, treffen wir uns zeitlich irgendwo in der Mitte. Über einen Wochenplan schaffen wir Orientierung. Es gibt Tage, da schauen die Kinder mehr und an anderen Tagen weniger. Wir Erwachsene schätzen im Vorfeld ein: Was war heute los? Wie sind die Kinder drauf? Haben sie sich schon viel draußen mit Freunden bewegt? Je nachdem entscheiden wir gemeinsam. Das ist viel Dialogarbeit. Dass unsere Jungs nach ihrer Videozeit selbst ausschalten, zeigt uns: Wir sind auf einem guten Weg dahin, dass die Kinder ihren Medienkonsum irgendwann selbst einschätzen können.
Pinnen Sie als Eltern Ihre Medienzeit auch an den Wochenplan?
Ich kommuniziere meine Medienzeit gegenüber den Kindern sehr transparent. Gleichzeitig habe ich als vollzeitberufstätige Mutter auch andere Bildschirmzeiten als meine Kinder. Wenn ich lange am Smartphone bin, spiegelt mir der Jüngste das, indem er unruhig wird. Meine Empfehlung: Sprechen Sie – insbesondere mit kleineren Kindern – darüber, was Sie gerade am Handy machen. Wobei mich häufig nicht die Freizeitnutzung von Social Media, sondern der Alltag als Mutter ans Handy bringt. Kita- und Schul-App, Sozialkontakte der Kinder und dann noch Homeoffice und Videokonferenzen: Diesen Zwängen, gefühlt ständig online sein zu müssen, sind viele Eltern ausgesetzt. Der Alltag als Familie heute hat sich stark verändert. Das müssen wir auch anerkennen.
Viele Eltern fragen sich: Ab welchem Alter braucht mein Kind ein Smartphone?
Vor dem Eintritt in die weiterführende Schule brauchen Kinder ein solches Gerät mit so vielen Funktionen in aller Regel nicht. Das ist bundesweit die Empfehlung von Medienpädagogen.
Gibt es schädlichen oder gar für die Entwicklung gefährlichen Medienkonsum?
Schädlich wird es aus meiner Sicht immer dann, wenn andere Dinge wie Hobbys, Freunde keinen Raum mehr im Leben bekommen oder der Kontakt zum Kind komplett abbricht. Gerade in solchen Phasen ist es wichtig, nicht zu strafen und das Handy wegzunehmen, sondern im Dialog zu bleiben. Eine starke Bindung zueinander zahlt sich dann aus.
Sie versprechen in Ihren Workshops „neue Ansätze“ im Umgang mit Medienkonsum und Mediennutzung. Wie sehen diese denn aus?
Ich schaue in meiner Beratung auf die Bedürfnisse aller Menschen in der Familie. Das gesunde Aufwachsen der Kinder steht an erster Stelle. Gleichzeitig stehen Eltern von kleinen Kindern massiv unter Druck, weil ihnen von vielen Seiten signalisiert wird, dass Bildschirmzeit in diesem frühen Alter für die Entwicklung schlecht ist. Das Ergebnis: Väter und Mütter schämen sich so, dass sie gar nicht mehr über Mediennutzung sprechen und vielleicht auch keine Beratung suchen. Ich bin nicht für eine Art „digitalen Schnuller“, wünsche mir aber mehr Realitätssinn. Was passiert denn, wenn mein Kind 20 Minuten lang eine vertraute Sendung anschaut und ich selbst mich kurz ausruhe, weil ich so erschöpft bin?
Eltern haben ein schlechtes Gewissen.
Genau. Wenn es mal eine Folge mehr ist, passiert doch nicht gleich etwas. Das ist kein Freifahrtschein für unbegrenztes Fernsehschauen. Aber manche Eltern schalten tatsächlich panisch mitten in der Folge die Serie aus, weil sie fünf Minuten länger geht. Da wünsche ich mir, dass wir wieder besser auf unsere Intuition hören und schauen, was braucht mein Kind denn gerade? Kinder in der Medienwelt begleiten, im Gespräch zu bleiben und für sie da zu sein ist viel wichtiger, als starre Regeln einzuhalten.
In Ihrer Praxis beraten Sie nicht nur Fachpersonal, sondern auch Familien. Mit welchen Themen kommen diese zu Ihnen?
Das sind je nach Alter ganz unterschiedliche Themen. Meine Beobachtung: Viele trauen sich nicht, einfach mal den Neustart-Knopf zu drücken und etwas anderes auszuprobieren. Dabei kann beispielsweise ein Mediennutzungsvertrag helfen, in dem man als Familie festlegt, dass es feste Räume und Zeiten ohne Medien gibt. Das kann zumindest zum Nachdenken anregen. Aber es gibt keine Patentlösung, die für jede Familie passt.
Mein Eindruck: Hinter den Fragen zur Mediennutzung stecken häufig grundlegende Erziehungsfragen.
Medienerziehung braucht Zeit. Das ist vielen nicht klar. Spätestens in der Pubertät geht es tatsächlich nur noch um Wertefragen. Das Einmaleins des Miteinanders in die digitale Welt zu übertragen, fällt allerdings vielen schwer. Als Eltern und als Pädagogen brauchen wir eine Haltung. Für mich ist zentral, dass die Kinderrechte auch im digitalen Raum gelten. Kinder haben ein Recht auf Mediennutzung – und ein Recht darauf, dass wir sie auf diesem Weg begleiten. Eltern brauchen dringend mehr Wissen, Austausch und Beratung. Ich wünsche mir eine bessere Zusammenarbeit zwischen Kita, Schule und Familie und nachhaltige Konzepte. Da ist noch viel zu tun.
Zur Person
Die Diplom-Medienpädagogin Eva Borries (38) arbeitet seit zehn Jahren bundesweit freiberuflich als Referentin für Medienkompetenz. Sie berät Familien, Kitas, Schulen und pädagogische Institutionen zu medienpädagogischen Fragen und konzipiert individuelle Workshops und Fortbildungen – online und in Präsenz. Ihr Herzensanliegen: Medienerziehung alltagstauglich machen. Borries lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen (fast zwei, fünf und acht Jahre alt) in Landau. Hauptberuflich arbeitet die 38-Jährige dort an der Universität. In Frankenthal war die Medienpädagogin am Dienstag Referentin bei der Netzwerkkonferenz Kinderschutz.