Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Steiniger Weg zur Mädchenbildung: Die bewegte Geschichte einer königlichen Statue

Diese Ansichtskarte aus dem Jahr 1911 zeigt das Karolineninstitut an der Kreuzung von Karolinen- und Kirchenstraße (heute Johann
Diese Ansichtskarte aus dem Jahr 1911 zeigt das Karolineninstitut an der Kreuzung von Karolinen- und Kirchenstraße (heute Johannes-Mehring-Straße).

Zur Zeit der Aufklärung gelangte Frankenthal zu wirtschaftlicher Blüte. Kurfürst Carl Theodor förderte die Ansiedlung von Manufakturen und die schulische Bildung.

Kurfürst Carl Theodor engagierte sich vielfältig in der Stadt, die sich im 18. Jahrhundert allmählich von den verheerenden Folgen des Pfälzischen Erbfolgekrieges erholte. Mit einer Fülle von Privilegien sorgte der Regent für die Ansiedlung von Manufakturen. Neben der Förderung der Wirtschaft war er auch daran interessiert, die schulische Bildung seiner jungen Untertanen zu intensivieren. Frankenthal bekam so eine Einrichtung, die sich rühmt, Deutschlands älteste höhere Mädchenschule ohne Ständetrennung in öffentlicher Hand zu sein: das „Churfürstlich privilegierte Philanthropin für Frauenzimmer“. Die kurfürstlichen Privilegien, mit denen die Einrichtung ausgestattet war, wurden 1782 erteilt.

Die Mädchenschule stand ursprünglich an der Stelle, wo sich heute der Spielplatz in der Willy-Brandt-Anlage befindet. Zur Zeit Napoleons, als das linksrheinische Gebiet unter französischer Besatzung stand, fand das Erziehungshaus ein vorläufiges Ende. Erst als die Pfalz nach der Neuordnung Europas nach dem Wiener Kongress Anschluss an Bayern fand, setzten sich der Stadtrat und Bürger in Frankenthal für eine Wiedererrichtung des Philanthropins ein. Eine Bittschrift wurde an die Gemahlin des bayerischen Königs Max Joseph überbracht, die sich – wie schon Kurfürst Carl Theodor – sehr aufgeschlossen gegenüber der Mädchenbildung zeigte. Das war damals absolut noch keine Selbstverständlichkeit.

Die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg überstand die Karolinen-Statue in ihrer Fassadennische. Lediglich den rechten U
Die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg überstand die Karolinen-Statue in ihrer Fassadennische. Lediglich den rechten Unterarm büßte sie ein.

Die bayrische Landesmutter Karoline übernahm 1818 die Patenschaft für die neue Pensionatsschule, die den Namen Königliche Carolinenschule erhielt. Sie fand ihren Platz auf der gegenüberliegenden Straßenseite, der heutigen Karolinenstraße. Aufgrund der steigenden Schülerzahlen musste 1883 ein angrenzender Neubau für die mittlerweile Karolineninstitut genannte Schule errichtet werden.

Lebensgroße Statue

Nach der Jahrhundertwende wurde die Einrichtung auf diversen Ansichtskarten präsentiert, etwa auf einer aus dem Jahr 1911. Am Standort der Schule befand sich schon um 1600 ein öffentlicher Brunnen. Wie man auf der Postkarte sieht, ist hier auch noch im 20. Jahrhundert ein Pumpbrunnen zu finden. Dieser lieferte für die umliegende Bevölkerung, die noch an keine öffentliche Wasserleitung angeschlossen war, das begehrte Wasser.

In den 1960er- und 1970er-Jahren war die Skulptur der Zerstörungswut missliebiger Zeitgenossen ausgesetzt.
In den 1960er- und 1970er-Jahren war die Skulptur der Zerstörungswut missliebiger Zeitgenossen ausgesetzt.

Beim Bau des mächtigen Schulgebäudes in den Jahren 1882 und 1883 wurde in der Nordfassade im zweiten Geschoss eine Nische ausgespart, in der fünf Jahre später „Patentante“ Karoline in versteinerter Form ihren Platz fand. Die lebensgroße Statue war von dem in Frankenthal geborenen königlichen Hofbildhauer Professor Philipp Perron aus hellgrauem Sandstein geschaffen worden. Sie zeigt Karoline im hermelinbesetzten, zusammengerafften Umhang, die Patenschaftsurkunde in der rechten Hand präsentierend.

Wie durch ein Wunder blieb die Figur 1943 nach der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg in der Fassade des völlig zerstörten Schulhauses erhalten. Lediglich ihren rechten Unterarm büßte die Figur ein. 1960, nach Abtragung der Ruine für den Bau des städtischen Altersheims, bekam Karoline einen Standort gegenüber in der neu angelegten Grünanlage, wo die Keimzelle des Philanthropins war. Hier war die Skulptur jedoch der Zerstörungswut missliebiger Zeitgenossen ausgesetzt, die ihr in den folgenden zwei Jahrzehnten zweimal den Kopf abschlugen und entwendeten.

Letzter Umzug 1998

Nach stilgerechter Ergänzung des Kopfes und auch des rechten Unterarms wurde sie deshalb 1982 in den Innenhof des Altenheims verbannt. Im Frühjahr 1998 zog die betagte und 30 Zentner schwere Frauenfigur zum bisher letzten Mal um: in die Nachfolgeeinrichtung ihres Karolineninstituts, das gerade einmal 150 Meter entfernte Karolinen-Gymnasium am Röntgenplatz. 17.000 Mark gingen für die Umsiedlung durch Spenden ein. Das Haus Wittelsbach steuerte für die prominente Ahnin eine vierstellige Summe bei.

Seit 1998 steht die betagte Frauenfigur am Eingang des Karolinen-Gymnasiums, der Nachfolgeeinrichtung des Karolineninstituts.
Seit 1998 steht die betagte Frauenfigur am Eingang des Karolinen-Gymnasiums, der Nachfolgeeinrichtung des Karolineninstituts.

Wieder gab es eine Fassadenlösung: Die Statue wurde in erhöhter Position an der Nordfassade im Eingangsbereich des Gymnasiums aufgestellt. Der neue Sockel, eine in Beton gegossene Transportkiste, symbolisiert das bewegte Schicksal der Königin. Kunsterzieher Elmar Worgull vom benachbarten Albert-Einstein-Gymnasium zeichnete hierfür verantwortlich, die frühere Stadtsparkasse finanzierte das Projekt.

Im Rahmen eines Schulfestes wurde Karoline am 14. Juli 1998 zu ihrem Standplatz gebracht und entsprechend geehrt. Anders als damals 1887 („Brüder, reicht die Hand zum Bunde“ und „Heil dir im Siegerkranz“) ohne feierliche Hymnen.

Die Serie

Der Blick in die Vergangenheit lässt Erinnerungen wach werden, wirft zuweilen Fragen auf und weckt das Bedürfnis nach mehr Information. Bebilderte Postkarten, sogenannte Ansichtskarten, übermitteln da reizvolle Eindrücke, sind historische oder kunsthistorische Quelle – oder einfach nur nostalgische Erinnerungsobjekte.

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