Frankenthal
In früher Zeit eher Rummel als Weihnachtsmarkt
Ab Montag sind wieder Glühwein, Plätzchen und Weihnachtslieder angesagt rund um den festlich geschmückten und von zahlreichen Ständen – und natürlich auch Besuchern - umringten Weihnachtsbaum. Die Idee von einem Weihnachtsmarkt, der mit dem heutigen in etwa vergleichbar ist, kam Ende der 1970er-Jahre auf. Am 29. November 1979 präsentierte er sich auf dem Rathausplatz erstmals mit hölzernen Verkaufsbuden.
Eine Ansichtskarte lässt sich da nicht finden; die Hoch-Zeit dieses Mediums war schon lange vorbei. Immerhin gibt es aus den 70er/80er- Jahren zwei schwarz-weiße Fotokarten, die wenigstens einen kleinen Eindruck von der weihnachtlichen Beleuchtung der Innenstadt vermitteln. Eine davon zeigt den Blick in die Wormser Straße. Zu sehen sind schlichte Lichterketten (mit Glühbirnen selbstverständlich), die von einer Straßenseite zur anderen gespannt sind. Die Silhouette des Wormser Tors im Hintergrund ist ebenfalls mit Lichterketten umrahmt.
Das Foto auf der undatierten Karte müsste Anfang der 1970er-Jahre entstanden sein. Der Rathausplatz war damals noch für den Durchgangsverkehr befahrbar; erst mit dem Bau der Fußgängerzone (1977 eröffnet) fand dies ein Ende.
Straßen für Fahrzeuge gesperrt
Immerhin wurden schon Anfang der 70er-Jahre an den verkaufsoffenen Samstagen vor Weihnachten der Rathausplatz sowie die drei Hauptstraßen für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Und einen beleuchteten Weihnachtsbaum gab es auf dem Marktplatz gegenüber der Dreifaltigkeitskirche auch schon. Dies ist belegt durch die Ansichtskarte mit den frohen Wünschen zum Weihnachtsfest und zum Neuen Jahr – ohne Datum, damit mehrfach verwendbar.
Um dem Motto „anno dazumal“ gerecht zu werden, soll hier doch auch noch in die Vergangenheit eingetaucht werden, und das ganz weit zurück. Die Frankenthaler Zeitung vom 4. Dezember 1883 wird hier zu Rate gezogen. Man höre und staune: Da ist wahrhaftig auch (oder schon) die Rede von einem „Weihnachtsmarkt“. Der fand am ersten Dezember-Wochenende (Sonntag und Montag) auf dem Paradeplatz, dem heutigen Röntgenplatz, statt.
Wir lesen ein bisschen rein in die Schilderung: „Der diesjährige Weihnachtsmarkt unserer Stadt übertraf zwar an Frequenz verschiedene seiner Vorgänger, aber die Klagen gehen dahin, daß die abgeschlossenen Geschäfte mit dem zahlreichen Besuch keineswegs in Einklange stehen. Die Kopf an Kopf drängende Menge ließ es sich wohl angelegen sein, die ausgelegten Waren eingehend zu besichtigen, aber wirkliche Kauflust zeigte sich verhältnismäßig wenig. Sehr gute Geschäfte machten am Sonntag die Wirte, deren Lokale dicht besetzt waren, denn die Tausende, die von auswärts kamen, konnten zwar darauf verzichten, Einkäufe zu machen, aber des Leibes Nahrung und Notdurft mußten sie befriedigen. (…) Ein buntes Treiben belebte namentlich am ersten Tage den sog. Paradeplatz. Stand an Stand reihten sich die Sehenswürdigkeiten, umwogt von einer Unmasse unablässig sich drängender und schiebender Menschen. “
Reitschule und „Riesenkrokodil“
Wenn man die nun folgende Aufzählung und Beschreibung der „Sehenswürdigkeiten“ weiterliest, kristallisiert sich heraus, dass es sich hier wohl mehr um einen Jahrmarkt als um einen Weihnachtsmarkt handelte. Glasspinnerei, Schnellphotographie und Elektrisiermaschine waren auf dem Markt vertreten; auch zwei Schießhallen fanden zahlreichen Zuspruch. „Verführerische Blicke“ von den Damen aus den Buden werden registriert; auch „350-jährige Riesenkrokodile“ fanden Anklang bei den Besuchern. Und am Ende der Sackgasse konnte eine Reitschule von großen und kleinen Kindern in Anspruch genommen werden.
Fazit des Berichterstatters: „Man konnte nicht allzulange innerhalb dieses Treibens sich bewegen, ohne ob all dem Gesumme und Gebrumme, Gedudel und Gehudel das Gefühl zu haben, als ob man ein Mühlrad im Kopfe hätte. (…) Im ganzen genommen dürften die Buden auf dem Paradeplatz eher ihre Rechnung gemacht haben als die Marktstände-Besitzer.“
Wohlauf nun im Jahr 2025. Ab Montag hat jeder Besucher des Weihnachtsmarktes fünf Wochen lang die Gelegenheit, das Angebot und die Atmosphäre mit dem leider – oder Gottseidank – nur zweitägigen Event im Jahre 1883 zu vergleichen.
Die Serie
Der Blick in die Vergangenheit lässt Erinnerungen wach werden, wirft zuweilen Fragen auf und weckt das Bedürfnis nach mehr Information. Bebilderte Postkarten, sogenannte Ansichtskarten, übermitteln da reizvolle Eindrücke, sind historische oder kunsthistorische Quelle – oder einfach nur nostalgische Erinnerungsobjekte.


