Frankenthal
So selbstbewusst waren die alten Frankenthaler
Frankenthal kommt aus dem Feiern kaum noch heraus: 900 Jahre Augustiner Chorherrenstift – das war 2019. 450 Jahre Religionsgespräch – das war 2021. In fünf Jahren jährt sich die Verleihung der Stadtrechte durch Pfalzgraf Johann Casimir zum 450. Mal. Aktuell steht erst einmal das Jubiläum der ersten schriftlichen Erwähnung Frankenthals vor 1250 Jahren im Lorscher Codex an, als zwei Drittel eines Hofs und Ländereien in Form einer Stiftung ans dortige Kloster gingen.
Das ist nicht nur sehr, sehr lange her, sondern in seiner Bedeutung ganz schön schwer historisch korrekt und trotzdem unterhaltsam zu erklären. Dem Mannheimer Geschichtsprofessor Hiram Kümper ist das am Sonntag bei der Matinee zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten gelungen: auf Basis von Aufzeichnungen aus Protokoll- und Statutenbüchern zu erklären, wie sich aus dem Provinzdorf eine Stadt entwickelt konnte.
Europas Erfolgsgeschichte
Kümper sieht die Städte allgemein als wichtigen Teil einer europaweiten Erfolgsgeschichte: Das Land habe zwar die Menschen ernährt, im urbanen Raum allerdings seien bürgerliche Strukturen gewachsen und hätten oftmals eine gewisse Eigendynamik entwickelt – einer der Gründe, warum Frankenthal nach Ankunft der Flüchtlinge aus den Niederlanden im 16. Jahrhundert innerhalb kurzer Zeit von einer Ansammlung strohgedeckter Bauernhütten zu einer florierenden Kommune wurde. Die habe, so der Wissenschaftler, bereits vor dem formalen Akt der Verleihung der Stadtrechte das Selbstbewusstsein besessen, eigene Regeln des Zusammenlebens festzuschreiben.
Darin entdeckt der Historiker ein „kluges Verständnis“ der damaligen Frankenthaler im Umgang mit den adeligen Landesherrn, die das sogenannte Statutenrecht häufig nur bestätigten und – sozusagen aus Marketinggründen – als Ergebnis einer von ihnen ohnehin gewünschten Entwicklung verkauften. Dieses Phänomen sei ja in der heutigen Politik auch nicht so selten, merkte Kümper mit Augenzwinkern an.
Hebich spricht über Heimat
Der Mannheimer Professor lobte mit Blick auf die Quellenlage das gut geführte Stadtarchiv Frankenthals und die Arbeit des Altertumsvereins. Er regte an, die im Original vorhandenen Schriften wie Statutenbuch sowie Rats- und Gerichtsprotokolle in gedruckter Form herauszubringen. Der darin enthaltene Schatz an Anekdoten sei ein „Erbe, auf das Sie stolz sein könne“, unterstrich Hiram Kümper.
Oberbürgermeister Martin Hebich (CDU) erinnerte an die Kampagne des City- und Stadtmarketingvereins „#wirsindfrankenthal“. Damals hätten verschiedene Teilnehmer neben den kurzen Wegen in der Stadt, dem Zusammenhalt zwischen den Bürgern und natürlich dem Strohhutfest auch ihr Heimatgefühl erwähnt. Der durch seinen Missbrauch beispielsweise durch die Nationalsozialisten lange verpönte Begriff „Heimat“ umfasse für ihn mehr als Geborgenheit oder lokale Wurzeln.
Heimat könne man sich aneignen. Das sei den niederländischen Flüchtlingen vor mehr als 400 Jahren so gegangen, die nicht zuletzt aus wirtschaftspolitischen Gründen in der Kurpfalz willkommen waren. Dies gelte auch für die Menschen, die aktuell mit kaum mehr als einem Koffer in der Hand aus der Ukraine nach Frankenthal kämen. Insofern habe Heimat immer „auch etwas mit Gestalten zu tun“ und damit, in kritischem Dialog gemeinsame Lebensgrundlagen zu schaffen.