Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Was Querdenker von Stadtgründern unterscheidet – ein Interview

Geschichte raus aus dem Museum und auf der Fußgängerzone feiern: Das ist für Historiker Hiram Kümper eine Möglichkeit, die Stadt
Geschichte raus aus dem Museum und auf der Fußgängerzone feiern: Das ist für Historiker Hiram Kümper eine Möglichkeit, die Stadthistorie touristisch noch besser zu vermarkten. Hier ein Bild vom Mittelaltermarkt 2019.

Wie ist Frankenthal die Stadt geworden, die es heute ist? Mit dieser Frage beschäftigt sich Hiram Kümper. Im Interview mit Sonja Weiher erläutert der Historiker, was wir aus der Geschichte lernen – und wie sich Frankenthal besser verkaufen könnte.

Wenn wir uns heute mit Geschichte beschäftigen, dann oft, um etwas daraus für die Gegenwart abzuleiten. Was kann Frankenthal aus seiner Geschichte lernen?
Was Zuzug einer Stadt bringen kann, zeigt die frühere Geschichte gut. Heute betonen wir ja eher die Probleme von Migration – und vergessen, dass Zuwanderung für das Wachsen einer Stadt notwendig ist. Frankenthal ist, wie Mannheim, eine Stadt, die ohne Zuzug nur ein verschlafenes Provinzdorf wäre. Die frühen Siedler schaffen es durch Zusammenarbeit, aus dem Dorf eine Stadt zu machen. In den 15 Jahren zwischen ihrer Ankunft 1562 und der Verleihung der Stadtrechte 1577 organisieren sich die Bewohner schon als Stadtgemeinde, bevor sie es formal sind. Das kann auch heute gut zu einem Leitbild einer Kommune beitragen: Was Bürgerwille ausmacht.

Wie kam das damals?
Die Gelegenheit war günstig, denke ich. Die Niederländer kamen aus einer Region, die wirtschaftlich völlig anders, viel liberaler organisiert war. Dort kannte man beispielsweise keinen Zunftzwang mehr. Für Deutschland ist zu der Zeit dagegen typisch, dass niemand in einem Handwerksberuf arbeiten darf, ohne einer Zunft anzugehören. Als eine Art Experiment wird in Frankenthal die Gewerbefreiheit eingeführt. Das ist, zumindest für eine gewisse Zeit, ein unheimlicher Wachstumsfaktor. Heute fragen wir uns ja angesichts von Lieferkettenproblemen und Finanzblasen, ob Wachstum immer nötig ist. Aber für so eine junge Gemeinde ist die wirtschaftliche Potenz die Grundlage dafür, dass sie blühen kann.

Warum haben sich die Einheimischen auf die Ideen der Zugezogenen eingelassen?
Zum einen gibt es gar nicht so viele Einheimische. Vor der Ankunft der Glaubensflüchtlinge besteht Frankenthal im Grunde aus zwei Klöstern und ein paar Wirtschaftsbetrieben. Zum anderen zieht der neue Tatendrang einfach. Er hat Erfolg. In nur 15, 20 Jahren wird aus dem Dorf eine Stadt. Das ist schon beeindruckend. In den ersten beiden Jahrzehnten nach Ortsgründung explodiert die Bevölkerungszahl in Frankenthal geradezu, indem immer mehr Leute, jetzt auch aus der Region, hierher ziehen.

Und sich hier zum Beispiel mit ihrem Gewerbe ansiedeln?
Genau. In einem der frühen Bürgerprotokolle gibt es eine herrliche Szene, in der ein Bäcker geradezu inquisitorisch befragt wird, warum er sein Handwerk nicht ausübt und stattdessen nur seinen Garten bewirtschaftet, wo man doch Bäcker so dringend brauche. Da merkt man sehr deutlich, was Bürgerwille, was die Vorstellung vom Aufbau einer Gemeinde ist.

Gab es so etwas wie eine gemeinsame Vision?
Es wurde natürlich kein großer Plan aufgeschrieben. Aber die Siedler organisieren sich sehr schnell und schaffen Ämter, die es in einem Dorf eigentlich gar nicht gibt. Sie verhandeln mit dem Kurfürsten. Sie bauen systematisch Institutionen auf. Daran kann man schon ablesen, wie vernetzt und gemeinschaftlich an einer Idee von Gesellschaft gearbeitet wird.

Während Bürgerwille heute oft darin besteht, dass man gegen irgendetwas ist und nur die eigenen Interessen verteidigt.
Ganz genau. Querdenker und andere pochen heute vor allem auf ihre subjektiven Bürgerrechte. Über Bürgerpflichten denken die wenigsten nach. Dabei ist es für eine Stadt wichtig, dass man sich mit ihr als Heimat identifiziert. Die ganz Aktiven in Vereinen und anderswo in Kommunen sind häufig Zugezogene.

Die Historie einer Stadt ist auch ein Tourismusfaktor. Wie könnte Frankenthal seine Geschichte noch besser vermarkten?
Frankenthal als Manufakturstadt, die Porzellanproduktion, aber auch den frühen Maschinenbau: Diese Themen könnte man noch stärker aus dem Museum herausholen und zelebrieren. Eine Idee wäre vielleicht eine Art kulinarische Meile, eine historische Inszenierung in der Fußgängerzone. So etwas funktioniert meist gut. Besser als irgendwelche Tafeln. Außerdem könnte man die besondere Gründungssituation, das „Willkommen“ stärker herausstellen. Frankenthal ist ja nicht die einzige sogenannte Exulantenstadt in der Region, die ihre Gründung dem Zuzug von Verfolgten verdankt. Aber sie ist die erste. Zusammen mit Orten wie Schönau im Rhein-Neckar-Kreis, Otterberg im Landkreis Kaiserslautern – letztlich sogar mit Mannheim – könnte man das geradezu als Städtepartnerschaft inszenieren. Frankenthal hat seine Schönheit und eine reiche Geschichte. Man muss nur erstmal auf die Idee kommen, hierhin zu kommen, um das zu merken.

Schon wenn ich in Mannheim Passanten frage, wissen bestimmt etliche nicht, wo Frankenthal liegt.
Das gilt für die meisten Mittelstädte der Kurpfalz, und für die kleineren erst recht. Ich denke, dass es eigentlich ein großes Interesse an einem Pfalz-Tourismus jenseits der Weinberge gibt. Da fehlt es Städten wie Frankenthal eher an der Sichtbarkeit. Interview: Sonja Weiher

Zur Person

Hiram Kümper (40) ist Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit an der Universität Mannheim. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Dafür arbeitet er unter anderem regelmäßig im Stadtarchiv in Frankenthal. Kümper beschäftigt sich mit der Frage, wie Geschichte produziert, wahrgenommen und vermittelt wird: in der Schule, in der Hochschule und im Museum.

Termin

Zum Auftakt der 1250-Jahr-Feier spricht Hiram Kümper bei einer Matinee am Sonntag, 8. Mai, 11 Uhr, im Congress-Forum über „Bürgerwille in bewegten Zeiten: Frankenthal auf dem Weg zur Stadt“. Im Anschluss gibt es einen Sektempfang. Freitickets für die Veranstaltungen können zu den Öffnungszeiten des Rathauses an den beiden Empfangsschaltern abgeholt werden. Auch ein spontaner Besuch der Matinee ist möglich. Der Festvortrag wird live auf dem städtischen Youtube-Kanal übertragen.

Über Frankenthals Weg zur Stadt – und was wir aus der Geschichte für heute lernen können: Darüber spricht der Historiker Hiram K
Über Frankenthals Weg zur Stadt – und was wir aus der Geschichte für heute lernen können: Darüber spricht der Historiker Hiram Kümper am Sonntag beim Festakt zur 1250-Jahr-Feier.
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