Frankenthal
Meyer’s Café ist zurück in Frankenthal: Feuerprobe bestanden
Die verführerischen Kalorienbomben sieht man schon von der Straße aus: goldgelbe Buttercreme und luftige Schlagsahne, gefüllt mit knallroten Himbeeren, knackigen Nüssen oder zartbitterer Kuvertüre. Die Tortenstücke wandern auf die Teller oder werden eingepackt für Kunden, die die süßen Köstlichkeiten daheim genießen wollen.
Seit einer Woche hat Meyer’s Café geöffnet, und der Laden brummt. Nachdem Karl Meyer 2008 die traditionsreiche Konditorei aufgegeben hatte, gab es zwei Pächter. Ein halbes Jahr war das Lokal geschlossen. Jetzt liegt wieder ein Hauch der alten Zeiten in den von Kaffeeduft gefüllten Räumen: Denn vier der fünf Bedienungen haben früher unter Konditormeister Karl Meyer gearbeitet, von Kunden und Gästen Charly genannt.
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Dessen nach 100 Jahre alten Familienrezepten eigenhändig hergestellte Torten gibt es zwar nicht mehr, doch das Café wird von der Konditorei Schmerker in Worms beliefert. Und deren Familienbetrieb gibt es fast genauso lang wie den Betrieb der Meyers. Weshalb es jetzt in der Bahnhofstraße 6 wieder Gebäck gibt wie zu Omas Zeiten.
Elke Mohr lässt die Sahnetorte mit Eierlikör auf der Zunge zergehen. „Schmeckt wie früher“, sagt die Seniorin, die bei Karl Meyer jahrzehntelang jede Woche Stammgast war. Das Niveau sei dasselbe, wie sie es von damals kannte. „Die Konditorei war ja eine Institution in Frankenthal. Es ist schön, dass wir sie mit der alten Belegschaft wiederhaben, das ist ein Stück Vertrautheit in Zeiten vieler Wechsel in den Geschäften.“ Außerdem sei mit dem Café eine Lücke gefüllt in der Innenstadt, in der es immer mehr Leerstände gibt.
Erinnerungen werden wach
Auch bei Ehemann Hans-Jürgen werden Erinnerungen wach. „Mein Großvater Wilhelm Fuchs hatte ein Milchgeschäft und hat die Meyers mit Milch und Sahne beliefert. Damals habe ich dort jeden Samstag Kuchen geholt. An den Duft erinnere ich mich noch heute“, sagt der über 80-Jährige.
Am Nebentisch sitzt bei Linzertorte Anna Starzetz mit Tochter Amelie. Die 35-Jährige ist schon als Teenager gern bei den Meyers eingekehrt. „Schön, dass es das Café wieder gibt“, sagt sie. „Mir gefällt, dass man hier nicht so eingequetscht sitzt, für Kinderwagen und Rollatoren ist genug Platz.“
„Es ist wie Nachhausekommen“, sagt Beate Ackermann, die ebenso wie Corina Schläfer hier unter Karl Meyer viele Jahre bedient hat. „Die Kunden kennen noch meinen Namen. Es ist für mich eine Ehre, dass die Kundschaft mich im Gedächtnis behalten hat“, erzählt die 64-Jährige, die seit ihrem 16. Lebensjahr in der Gastronomie arbeitet. Auch die Pächterinnen – Susanne Brüggemann und Tochter Tanja Karaim – sind vom alten Meyer-Team.
Die Frage, warum fast die komplette damalige Belegschaft wieder zusammenarbeitet, beantwortet Karaim mit einer Anekdote: Vor etwa sieben Jahren sei Meyer im Dirmsteiner Hotel-Restaurant Kempf aufgetaucht, in dem sie mit ihrer Mutter als Geschäftsführerin arbeitete. Meyer habe ihre Mutter mit einer selbst gebackenen Torte überrascht, „mit Grand Marnier, das ist ihre Lieblingstorte“. Seitdem hätten sich die früheren Kolleginnen regelmäßig getroffen, „und immer haben wir über das Café Meyer gesprochen“. Als sich der bisherige Pächter zurückgezogen habe, hätte Karl Meyer dafür geworben, dass Brüggemann und sie das Café übernehmen. Zu Ehren ihres alten Chefs haben sie es Meyer’s Café genannt. „Charly hat im wahrsten Sinne des Wortes Leben bewegt“, sagt Karaim. „Er hat viele Angestellte ausgebildet und war ein fairer und guter Chef.“
Feuerprobe bestanden
Die Feuerprobe haben Brüggemann und Karaim bestanden – in der ersten Woche war ihr Café gut besucht. An Markttagen habe man sogar einige Gäste wegschicken müssen, weil alle Tische voll waren. Wie sich das Café langfristig halten wird, bleibt abzuwarten. Karaim meint, dass sie nach fünf Monaten eine erste Bilanz ziehen könne. Damit neben den betagten Stammgästen auch jüngere Generationen kommen, hat die 36-Jährige die Speisekarte mit Trendgerichten wie French Toast und Skyr-Bowl bestückt. Neben der Frühstücks- und Mittagskarte gibt es ein wechselndes Torten-Programm. „Es macht richtig Spaß, wenn die Leute sagen, dass es bei uns schön ist“, sagt Tanja Karaim.