Frankenthal Justus, oh je!

„Wenn Sie die lesen, lese ich die auch“: Christian Ehring nutzt die aktuelle Ausgabe der RHEINPFALZ.
»Wenn Sie die lesen, lese ich die auch«: Christian Ehring nutzt die aktuelle Ausgabe der RHEINPFALZ.

Dass Christian Ehring einer der ganz Großen der deutschen Kabarettszene ist, bewies er einmal mehr am Freitagabend in Wachenheim. Dabei geht er in seinem Programm „Antikörper“ wirklich da hin, wo’s weh tut.

Entspannt konnten sich die coronakonform maskierten Zuschauer an diesem Abend dem aktuellen Stand der allgemeinen und besonderen Pandemiebefindlichkeiten widmen, die Christian Ehring scharfzüngig aufs Korn nahm. „Ich hatte mir das alles ganz anders vorgestellt“, bekennt er gleich zu Beginn bei seinem mittlerweile dritten Gastspiel beim Kulturverein Wachenheim in der proppenvollen Stadthalle. Sätze wie: „Du willst zur Bank? Vergiss die Maske nicht!“, bekämen plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Ihn nerve der Impfsmalltalk und die in Sanifair-Farben gestaltete Kampagne „Impfen hilft“ der Bundesregierung. Auch mit Anreizen wie einer kostenlosen Bratwurst und freiem Eintritt ins Museum überzeuge man Querdenker nicht.

Die Corona-Spinner sind das große Thema

Die Corona-Leugner, Querdenker und das, was man so schön als Spaltung der Gesellschaft bezeichnet, sind Ehrings großes Thema an diesem Abend. „Ich bin zynisch, ich diskutiere nicht mehr, ich will nicht provozieren, sondern zünde eine Kerze an und bete, dass die Aufklärung zurückkommt“, erklärt er, und setzt noch einen oben drauf: AfD-Anhänger hätten doch nur Angst, dass Fremdes in den deutschen Körper komme und stürben lieber, um in den Himmel zu kommen. „Doch Petrus will dann erst einmal den Impfausweis sehen.“ Und seinen selbstgerechten Freund Justus habe er nach seiner Aussage, bei den Älteren brauche man sich über die Folgen von Longcovid ja keine Gedanken zu machen, „Nazi“ genannt.

Den Dialog mit diesem imaginären Freund Justus benutzt Ehring immer wieder, um Querdenker und Verschwörungsmythologen treffend zu charakterisieren. Der vielfach ausgezeichnete Künstler und Leiter des Düsseldorfer Kommödchens ist dem breiten Publikum vor allem durch die Satiresendung „Extra 3“ in der ARD und seinen Einsatz in der „heute Show“ des ZDF bekannt. In seinem Solo-Programm auf der Bühne ist er vielleicht sogar noch besser.

Rente? Die fitten Alten sollten für die Jungen ran

Ehring lässt einen Diskurs zur aktuellen Ausgabe der RHEINPFALZ folgen und hat damit die Lacher auf seiner Seite: „Wenn Sie die lesen, lese ich die auch“, sagte er und kommentiert gekonnt satirisch die Meldungen zur Ukraine-Krise. Wichtig sei wie bei Immobilien auch hier „Lage, Lage, Lage“. Wie er feststellt, kommt die CDU in der Zeitung nicht vor und seiner Meinung nach sei Merz nur gewählt worden, weil er sonst keine Ruhe gegeben hätte. Merz kämpfe gegen alle Fronten, Rot, Grün, AfD und frage: „Was können die anderen, was wir nicht können?“ Dazu erinnert Ehring an die Maskendeals von Georg Nüsslein und Alfred Sauter. Jetzt gebe es eine neue Währung: 1 Sauter = 2 Nüsslein. Weitere Themen, die Ehring genüsslich seziert, sind Plagiate, Steuerhinterziehung, Pandora- und Paradise Papers, was zum Beispiel bei der Queen als Steuergestaltung gelte.

Dem überwiegend älteren Publikum schlägt Ehring vor, die fitten Alten sollten die Rente für die Jüngeren erwirtschaften, damit die ab 32 nicht mehr arbeiten müssten. Keinesfalls jedoch sollten Dachdecker mit 70 aufs Dach geschickt werden, denn dafür müsste der Rollator verdammt gute Bremsen haben. Abwechslung bringt hier wieder der Dialog mit Justus. „Wir sind immer sehr unterschiedlicher Meinung. In seinem Garten hat er eine Schotterwüste angelegt, die Fred Feuerstein zur Ehre gereichen würde, aus Urban Gardening hat er Garden Urbaning gemacht. Bienen im Anflug drehen sofort ab.“

Auch Home-Schooling ist ein Thema. „Meine Frau und ich haben uns das aufgeteilt“, bekennt Ehring. Als er der Tochter den Dreisatz erklären soll, musste das die Mutter übernehmen, denn „sie ist besser in Sport“. Justus' 16-jährige Tochter Lara hat ganz eigene Vorstellungen vom Leben. Sie ist Fridays-for-Future-Aktivistin und will Influencerin werden, was Justus aber nicht kapiert: „Kein Kind von uns wollte sein wie der Herr Kaiser von der Hamburg Mannheimer.“

Ehring ist auch kein Freund des Massentourismus. Auf vieles könne man verzichten wie Städtetrips mit dem Flugzeug zum Shoppen etwa. Auch ein Trip nach Tibet sei übergriffig, wenn man das Leben der Menschen dort kennenlernen wolle. „Wir gehen davon aus, dass die das wollen, aber umgekehrt, wollen wir, dass ein Tibeter bei uns vor der Tür steht und sehen will, wie wir leben?“ Justus dagegen liebt Fliegen und glaubt an den Fortschritt, er ist Ingenieur, darin steckt „nie“ und „genie“, eines der feinen Wortspiele des Kabarettisten.

„Danke, ich war ja völlig unterklatscht!“

Die Freunde Christian und Justus setzen ihr Gespräch in Sachen Corona fort: „Bill Gates hat Corona nicht erfunden, weil er Geld braucht. Er erfindet ein Virus, überzeugt alle und dann lässt er ein Impfserum entwickeln? Das ist doch ineffizient!“, appelliert der Kabarettist an die Logik. Justus entgegnet ihm: „So monokausal kann man das nicht betrachten.“ Die Freunde einigen sich darauf, sich mit einem PCR-Test einen schönen Abend zu mache, doch dann eskaliert das Ganze, und es kommt wieder zum Nazi-Vorwurf. Nachdenklich setzt sich Ehring daraufhin ans Klavier und hofft: „Wenn Corona vorbei ist ... und alles wird gut“. Als Fazit wendet sich der Künstler ans Publikum und fragt: „Soll ich Justus anrufen und mich entschuldigen? Es sei schließlich wichtig, im Gespräch zu bleiben. Mit dieser Aussage lässt der Kabarettist den Abend ausklingen und dankt dem Publikum für den begeisterten Applaus: „Danke, ich war ja völlig unterklatscht!“

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