Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Interview mit Buchautorin: „Wir haben keinen generellen Mangel an Wohnungen“

Vor allem für eine bestimmte Lebensphase geeignet: Das ist das Fazit der Autorin über ihre Zeit im Tinyhouse.
Vor allem für eine bestimmte Lebensphase geeignet: Das ist das Fazit der Autorin über ihre Zeit im Tinyhouse.

Tinyhouse, Ökodorf, Eisenbahnwaggon – die Autorin Anne Weiss (49) hat die Recherche für ihr Buch übers Wohnen zum Selbstexperiment gemacht. Was sie über sich erfahren hat und wie viel Politisches in dem Thema steckt, hat sie mit Jörg Schmihing besprochen.

Sie haben für Ihr Buch eine Zeitlang in einem Tinyhouse auf sehr engem Raum gelebt. Wie viele blaue Flecken haben Sie sich eingehandelt?
(lacht) Einige. Ich lebe minimalistisch – das bedeutet: wenig Konsum, viel Platz für Erlebnisse, weniger für Dinge. Deswegen ist es mir überhaupt möglich gewesen, ins Tinyhouse zu ziehen, weil ich nicht meinen ganzen Hausstand irgendwo unterstellen musste. Aber klar: Das ist beengt. Ich wollte einen Platz finden, an dem ich so lange wie möglich glücklich bin. Also habe mich gefragt, wenn ich mich so viel anstoße, und das Gefühl habe, es ist mir ein wenig zu eng: Wie ist das, wenn ich älter bin und beispielsweise eine Gehhilfe brauche? Meistens sind diese Häuser in zwei Ebenen eingeteilt, oft mit dem Bett oben. Und da muss man erst mal raufkommen. Insofern ist ein Tinyhouse vor allem für eine bestimmte Lebensphase toll, um etwa mitten in der Natur zu wohnen. Dazu kommt, dass diese Form des Wohnens – wegen des Heizens und des Baumaterials – nicht so ökologisch ist, wie wir meinen.

Was ist das Fazit Ihres Kennenlernens der verschiedenen Wohnformen? Wo haben Sie sich am wohlsten gefühlt?
Ich habe alles ausprobiert, was ich interessant und spannend fand. Und einiges, von dem ich vorher nicht mal wusste, dass es das gibt. Ich habe sowohl im Eisenbahnwaggon als auch in einer Jurte, im Ökodorf und in einem Mehrgenerationenhaus gewohnt. Wo sich Menschen für ein Projekt aufgrund gemeinsamer Werte zusammengeschlossen haben, war es für mich besonders reizvoll. An vielen dieser Orte wird gewaltfrei kommuniziert und es gibt ähnliche Vorstellungen über ökologisches Handeln. Manche können sich schwer vorstellen, so dicht beieinander zu wohnen, wie ich das im Mehrgenerationenhaus erlebt habe. So unterschiedlich wie die Menschen sind, die solche Projekte gründen, sind aber auch deren Bedürfnis nach Rückzug oder die Gebäude. Nicht in allen Mehrgenerationenhäusern geht es hippiemäßig zu. Es gibt für jeden ein Projekt, wo er oder sie sich wohlfühlt.

Wohnen und die Auswahl des Lebensumfelds sind nicht nur von persönlichen Vorlieben, sondern auch vom jeweiligen Budget abhängig. Wie praxisnah ist Ihr Experiment für die weniger betuchte Familie mit drei Kindern?
Im politischen Teil des Buchs stelle ich dar, wie schwierig es zum Teil ist, gerade in Großstädten und Ballungsräumen eine angemessene Unterkunft zu entdecken. Ich habe nicht so viel Geld, dass ich mir eine Privatinsel kaufen kann. Nun bin ich allein keine fünfköpfige Familie und kann mir auch nicht erst eine zulegen, bevor ich ein Buch schreibe. Ich habe aber sehr viele Menschen getroffen, die in Großstädten Auswege für sich gefunden haben. Ich selbst hatte bis zu meinem Experiment immer nur Wohnungen von der Stange, habe Anzeigen gewälzt und mich jedes Mal gefürchtet, wenn ich aus- und umziehen musste. In München, die Stadt mit dem angespanntesten Wohnungsmarkt überhaupt, schließen sich Leute deshalb zu Baugenossenschaften zusammen. Ich habe das Projekt „Wagnis“ angeschaut. Dort sind die Mietpreise stabil. Es gibt Niedrigenergiehäuser und ein Plus-Energie-Haus. Das heißt: Auch die Nebenkosten bleiben gering. Und das ist nicht die einzige Idee: Gerade dort, wo der Markt besonders eng ist, werden Menschen am kreativsten.

Der Mangel an preisgünstigem Wohnraum beschäftigt Politik auf allen Ebenen. Haben Sie ein Patentrezept zur Lösung dieses Problems gefunden?
Es gibt gute Ansätze. In Hamburg hat etwas sehr Einfaches großen Erfolg gehabt: Dort wurde die Sozialbindung erhöht – auf mindestens 100 Jahre. Wir haben keinen generellen Mangel an Wohnungen, sondern an bezahlbarem Wohnraum. Wenn Sie in Berlin nach Luxus-Appartements suchen, haben Sie einen bunten Strauß von Möglichkeiten. Die Sozialbindung liegt je nach Bundesland zwischen 20 und 40 Jahren und gilt für Wohnungen, deren Bauherren Förderung oder steuerliche Vorteile bekommen haben. Würde die damit verbundene Mietpreisbindung überall verlängert, wie es Initiativen in Hamburg erkämpft haben, hätten wir im Segment des bezahlbaren Wohnraums mehr Entspannung. Eine andere Möglichkeit wäre, Investoren zu belohnen, die solche Projekte bauen. Das gibt es beispielsweise in Ulm, wo städtischer Grund und Boden nur an Bauherren geht, die gute Wohnbedingungen garantieren. Wer also von vorneherein ein paar günstige Wohnungen mehr einplant, hat bessere Chancen, dass er zum Zug kommt. Würden das alle Kommunen so machen, hätten wir das Problem nicht. Und in Berlin geht der Bezirk Mitte nun gegen illegale Ferienwohnungen vor – dies könnte stadtweit für zehntausende Mietwohnungen sorgen.

Aber tatsächlich wird als Lösung ja vor allem der Neubau gesehen ...
Bauen, bauen, bauen ist nicht die einzige Lösung, es geht auch über Nutzungsänderungen für vorhandene Gebäude. Die Gruppe „Architects for Future“ fordert mit anderen ein Abrissmoratorium, um Klimaziele zu erreichen, die der Gebäudesektor krachend verfehlt. In jeder Immobilie ist enorm viel graue Energie gebunden. Abriss von nutzbaren Strukturen ist nicht mehr zeitgemäß. Es gäbe zig Gebäude, die man umbauen und neu nutzen könnte. In Freiburg gab es die Initiative „Kleiner wohnen, besser wohnen“ der Energieagentur. Da wurden Besitzer großer Wohnungen oder Häuser beraten, wie aus einer Einheit zwei werden können. Dass Menschen alleine in großen Wohnungen leben, diese vielleicht altersbedingt gar nicht mehr bewirtschaften können, ist weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll.

Ihnen geht es nicht allein um besser wohnen, sondern um besser leben – auch und vor allem in der Stadt. Welche Faktoren sind dafür entscheidend?
Wir sind eine sehr mobile Gesellschaft. Städte von heute sind vielfach vom Autoverkehr bestimmt und von Bautätigkeit. Bei mir um die Ecke in Berlin kämpft ein Kleingartenverein dagegen, dass seine Anlage eingestampft und ein Wohnheim gebaut wird. Der Verein ist nicht dagegen, dass hier Studierende leben. Aber es gibt in direkter Nachbarschaft ein Gebäude, das sich umwidmen ließe, ohne Schrebergärten zu opfern. Wir können es uns nicht mehr leisten, Grünflächen plattzumachen. Die Umgestaltung der Städte hin zu mehr Grün und mehr Verkehrsberuhigung tut allen gut, die darin leben. Kopenhagen ist ein Beispiel, wo die Verantwortlichen vor Jahren damit begonnen haben, die Stadt so umzugestalten, dass es Lust macht, mit dem Rad zu fahren. Dort wird begrünt und gegen die Folgen des durch den menschengemachten Klimawandel bedingten Extremwetters vorgesorgt. Das verändert die Gesellschaft. Je mehr Enge, je mehr Lärm, je mehr Feinstaub in der Luft, umso ungemütlicher wird es. Und das erhöht nachweislich nicht nur Krankheiten, es macht etwas mit dem zwischenmenschlichen Klima.

Haben Sie nach Ihrer Recherche tatsächlich etwas an Ihrer Wohnsituation geändert und – falls ja – was?
Ich habe das Experiment gemacht, um herauszufinden, welche Wohnformen es gibt, an die ich bisher nicht gedacht habe. Im vorherigen Buch „Mein Leben in drei Kisten“ hatte ich mir Gedanken gemacht über die Dinge in meiner Wohnung. Ohne den Schritt, meine Sachen stark zu reduzieren, wäre der Versuch nicht möglich gewesen. Unter den sieben Formen, die ich ausprobiert habe, war nichts Geeignetes dabei – vor allem durch den Ort bedingt. Mir ist aber klargeworden, dass ich mit Menschen zusammenleben möchte, die meine Werte teilen. Außerdem spielt mein Alter – ich bin fast 50 – eine Rolle. Ich wollte einen Ort finden, an dem ich länger bleiben möchte, der mich erfüllt. Das Ergebnis ist: Ich habe mit einem guten Freund entschieden, in ein ökologisches Wohnprojekt in Norddeutschland zu ziehen, das die genannten Kriterien erfüllt.

Überall wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, menschelt es. Was war Ihre skurrilste Erfahrung in diesem Zusammenhang?
Grundsätzlich treffen in Wohnprojekten, wie ich sie ausprobiert habe, viele alternativ lebende Menschen aufeinander, die sich sehr aufeinander einlassen und viel kommunizieren. In einem Fall war es so, dass zu den Gesprächskreisen Gäste eingeladen waren. Einer dieser Gäste hat den Listening Circle dann genutzt, um über sexuelle Erfahrungen zu sprechen. Natürlich bemüht man sich sehr, ernsthaft zuzuhören, aber es war doch auch befremdlich. Aber es gab im Wesentlichen positive und schöne Erfahrungen, vor allem wenn Menschen ihr Wissen geteilt und weitergegeben haben.

Termin

Die 1974 in Bremen geborene und in Berlin lebende Autorin Anne Weiss liest am Mittwoch, 28. Februar, 19.30 Uhr, in der Stadtbücherei aus ihrem Buch „Der beste Platz zum Leben“, das sich nicht nur mit Wohnträumen beschäftigt, sondern auch mit Politik, dem Wohnungsmarkt und der Frage, wie gerechtes, nachbarschaftliches und lebenswertes Wohnen gelingen kann. Eintritt: fünf Euro. Eintrittskarten sind in der Bücherei, Welschgasse 11, erhältlich.

Zieht mit einem guten Freund aus Berlin in ein ökologisches Wohnprojekt um: Anne Weiss.
Zieht mit einem guten Freund aus Berlin in ein ökologisches Wohnprojekt um: Anne Weiss.
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