Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Weg mit dem Krempel: Autorin Anne Weiss packt ihr Leben in drei Kisten

Nach ihrer Entlassung als Lektorin 2015 krempelte Anne Weiss ihr Leben komplett um.
Nach ihrer Entlassung als Lektorin 2015 krempelte Anne Weiss ihr Leben komplett um.

Was brauche ich wirklich? Diese Frage hat Autorin Anne Weiss vor vier Jahren für sich selbst radikal beantwortet. Ihren Weg des Loslassens beschreibt das Buch „Mein Leben in drei Kisten“. Wir sprachen mit Weiss über den Gewinn, den Verzicht bringen kann.

Job kündigen, überflüssigen Krempel loswerden, Partner, der einen nicht versteht, in die Wüste schicken – und dann geht es einem gut. Ist es wirklich so einfach?
(lacht) Na ja, das war ja ein längerer Prozess. Die Initialzündung war, dass ich meinen Job verloren habe. Ich habe mich dann gefragt: Sind die ganzen Dinge, die ich mir durch den stressigen Beruf leisten konnte, es wirklich wert, meine Lebenszeit dafür einzusetzen? Und dann kam eins zum anderen. Ich habe mich damit beschäftigt, wie Dinge hergestellt werden und mich gefragt, ob ich Sachen nicht auch tauschen oder leihen kann. Mir fiel auf, wie viel Plastik in der Verpackung von Drogerie- und Reinigungsmitteln steckt und habe mehr Sachen selbst hergestellt. Das hat natürlich meinen Lebensstil komplett geändert. Ich habe mehr darauf geachtet: Was tut mir gut, was tut mir nicht so gut? So ist mir aufgefallen, dass auch anderes in meinem Leben nicht stimmt. Dieser Prozess hat viel geklärt und mein Leben einfacher gemacht. Und, wie ich finde, auch sehr viel schöner.

Wie lange ging dieser Prozess?
Der reine Räumungsprozess, die Sachen loswerden, in eine andere Stadt ziehen, freiberuflich arbeiten, mir ein neues Leben aufbauen, das hat etwa ein Jahr gedauert. Aber da hängt ja noch viel mehr dran. Will ich zum Beispiel weiter so einen CO2-intensiven Lebensstil pflegen? Mich stärker damit zu beschäftigen, wie es mir geht, hat auch dazu geführt, dass ich mich frage, wie es anderen Menschen geht – und mich mehr engagiere.

Nur, weil man auf Plastiktüten verzichtet, kann man nicht die Welt retten. Ist das nicht manchmal auch entmutigend?
Man muss sich nicht einbilden, dass man als Einzelner die Welt retten kann. Wenn aber andere sich davon inspirieren lassen und mitmachen, dann hat das sehr wohl einen Effekt.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Buch mit vielen Themen, etwa mit Klimaschutz, der Vermeidung von Müll, fairen Produktionsbedingungen. Was beschäftigt Sie gerade besonders?
Die Art, wie wir wohnen und leben. In der Corona-Krise haben wir festgestellt, dass vieles davon nicht richtig gut passt zu der aktuellen Situation. Für das Buch habe ich ein paar Wochen in einem „Tiny House“ gelebt, zu einer Jahreszeit, als es dort vielleicht nicht ganz so gemütlich war. Diese Bewegung ist in den letzten Monaten stärker geworden, weil viele sich überlegen, wie sie sich ein Leben in der Natur aufbauen können. Letztlich geht es mir immer um das gute Leben. Um ein soziales, gerechtes, friedliches, integratives Miteinander.

Sich mit solchen Fragen zu beschäftigen, ist Ihr Beruf. Ansonsten ist ein so bewusster Lebensstil doch sehr aufwendig.
Man muss ja nicht alle Schritte gehen, sondern kann sich das rausziehen, was für einen selbst sinnvoll und machbar ist. An den Reaktionen auf das Buch merke ich aber schon, dass es viele Menschen gibt, vom Busfahrer bis zur Buchhalterin, die sich Gedanken machen, wie wir ein besseres Miteinander hinbekommen. Dazu gehört für mich auch, dass man mit seinem Konsum nicht großen Schaden am anderen Ende der Welt anrichtet. Oder, dass man auf Fleisch verzichtet, weil man mit den Produktionsbedingungen und dem Leid der Tiere nicht einverstanden ist.

Wer sich so intensiv mit seinem Lebensstil beschäftigt, neigt manchmal zum Missionieren. Sie auch?
In der Anfangszeit ging mir das so, dass ich meine Entdeckungen immer allen mitteilen wollte. Inzwischen erzähle ich eher, was ich mache und was meine Gründe dafür sind. Aber ich versuche nicht, jemanden zu überreden.

Was Sie beschreiben, davon träumen wohl viele: mehr Zeit, selbstbestimmt und zufrieden leben. Wie sind denn die Reaktionen auf das Buch?
Die Bücher, die ich davor mit meinem Kollegen Stefan Bonner veröffentlicht hatte, über Religion, Klimawandel, Bildung, haben immer recht kontroverse Debatten provoziert. Das erlebe ich diesmal nicht. Es melden sich eher Leute, die neugierig sind – oder die bestimmte Dinge bereits für sich umgesetzt haben.

Wenn ich Ihr Buch kaufe, erwerbe ich aber doch erstmal auch wieder einen neuen Gegenstand. Also lieber aus der Bücherei ausleihen?
Das können Sie machen. Oder Sie kaufen es und behalten es, weil Sie immer wieder reinschauen wollen. Wenn nicht, können Sie es ja auch Ihrer besten Freundin weitergeben, wenn Sie es gut fanden.

Auf welchen Gegenstand können Sie absolut nicht verzichten?
Auf mein Laptop. Bücher von Hand schreiben wäre möglich, aber viel mühsamer. Aber es gibt auch Dinge, an denen ich emotional hänge. Dazu gehören Briefe, Fotos. Ich weiß von meiner Oma, dass das die Gegenstände waren, die sie gerne aufbewahrt hätte, aber das wegen der Flucht aus Breslau nicht konnte.

Zur Person

Anne Weiss wurde 1974 in Bremen geboren und arbeitet als freie Autorin, Übersetzerin und Journalistin in Berlin. Sie lebt vegan, minimalistisch und nachhaltig, zudem engagiert sie sich für Tierrechte und Klimaschutz. Gemeinsam mit dem Autor Stefan Bonner schrieb sie 2008 den Spiegel-Bestseller „Generation Doof“. Es folgten erfolgreiche Titel wie „Doof it Yourself“, „Heilige Scheiße“ und „Wir Kassettenkinder“. In ihrem 2019 erschienenen Sachbuch „Generation Weltuntergang“ widmen sich Bonner und Weiss dem Klimawandel. Mit Carola Rackete, der Kapitänin, die im Juni 2019 Flüchtlinge aus Seenot rettete und trotz Verbots auf die Insel Lampedusa brachte, schrieb sie 2019 das Buch „Handeln statt hoffen“. Bis zu ihrer Entlassung 2015 arbeitete Weiss als Lektorin in den Verlagen Bastei Lübbe und Ullstein.

Termin

Am Dienstag, 6. Oktober, 19.30 Uhr, liest Anne Weiss in der Stadtbücherei Frankenthal aus ihrem Buch „Mein Leben in drei Kisten“. Der Eintritt kostet acht Euro, ermäßigt sieben Euro. Karten gibt es im Vorverkauf in der Stadtbücherei. Alternativ kann man sich auch für die Lesung anmelden und zahlt an der Abendkasse. In beiden Fällen werden die Kontaktdaten erfasst. Weitere Informationen gibt es unter Telefon 06233 89630 und unter www.frankenthal.de/stadtbuecherei.

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