Gerolsheim
Holz, Stroh und Hasendraht: So ist der große Schneemann entstanden
Seit Jahren wird in Gerolsheim die Winterverbrennung gefeiert: Ein von Bürgern gebauter, großer Schneemann, der symbolisch für den Winter steht, wird erst durch das Dorf gefahren und dann feierlich verbrannt, damit der Frühling richtig losgehen kann. Am Sonntag war es mal wieder so weit, aber damit das funktionieren konnte, mussten erst mal die freiwilligen Helfer ran.
Mit von der Partie waren alte Hasen wie Reinhold Kuales und Sohn Matthias oder Altbürgermeister Erich Weyer, es gibt aber auch jedes Jahr neue Gesichter. Der Schneemannbau läuft nach einem bewährten Plan: Das Wichtigste ist eine alte Europalette, denn der fertige über zwei Meter große Schneemann muss ja mit dem Stapler auf den Wagen gehoben werden. Auf die Palette wird aus mehreren Latten eine Art Holzpyramide geschraubt. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Mittellatte, an die in Zweidrittelhöhe lange Querlatten für die Arme genagelt werden.
Anschließend wird die äußere Hülle aus Hasendraht gespannt und das Gerüst mit Stroh ausgestopft. Sechs Ballen brauchten die Schneemannbauer am Samstag: Immer wieder wurde nachjustiert, damit der Winter nicht zu fett oder gar zu dünn wird. Wo Rücken und wo Bauch ist, wird erst ganz zum Schluss entschieden, dann ist die überdimensionierte Puppe aber noch splitterstrohnackt und es müssen alte Betttücher her, um ihr Hemd zu gestalten. „Das muss reine Baumwolle sein“, erklärte Rheinhold Kuales mit Blick auf optimale Verbrennung.
Orange Brauen und roter Mund
„Netterweise bekommen wir immer genug ausrangierte Laken gespendet“, sagte Nadine Ketisch vom Kindergartenförderverein. Mit Kuchen und heißem Kaffee sorgte sie beim Basteleinsatz am Samstag für die Stärkung zwischendurch. Wie bei richtiger Kleidung geht es bei der Schneemannkleidung nicht ohne Nadel und Faden. „Perfekt eignen sich chirurgische Rundnadeln“, lautete der Tipp von Peter Weißmann, der schon jahrelange Erfahrung hat.
Wer Spaß am Farbe Sprayen hat, kann sich beim Schneemannbauen regelrecht austoben: Aus Pappe hat Mathias Kuales einen großen Zylinder gebastelt und schwarz gesprüht. „Früher haben wir da immer eine alte Persiltonne genommen“, erinnerte sich Erich Weyer. Als besondere Idee fürs Jubiläumsjahr wurden diesmal mit einer Schablone vier Einser in Grün für 1111 Jahre auf den Zylinder gesprüht. Ebenfalls aus Pappe wird die Nase gebastelt und orangerot angesprüht. Auch die orangen Augenbrauen über schwarzen Kulleraugen, ein roter Mund und auf dem Rücken der Schriftzug „Winter Ade 2026“ wurden dem Schneemann später noch auf den Leib gesprüht.
Unbedingt zum Outfit eines richtigen Schneemanns gehört auch ein Schal. Da sich Weiß auf Weiß farblich nicht so gut macht, sprühte Helfer Paul kurzerhand ein Leinentuch orange an. Beim Drapieren des Tuchs zeigte sich auch, wer beim Krawattenbinden Routine hat. „Das ist kein Windsor-Knoten, sondern ein Winzerknoten“, meinten die Profis lachend.
Eine halbe Stunde lang brennt der Winter
Erfahrungsgemäß brennt so ein Schneemann, der übrigens ungefähr 100 Kilogramm wiegt, eine halbe Stunde lang. Nicht mit verbrannt wird der Reisigbesen, der extra mit Hilfe eines Akkuschraubers an der Palette befestigt wurde. Daher musste dieses Werkzeug auch am Sonntag mit, um kurz vor dem Scheiterhaufen die Schrauben schnell wieder lösen zu können. Der Hut hingegen ist als Opfer für die Flammen gedacht. Da die aus dem Schneemanngerüst herausstehenden Latten ihn aber bei Wind nicht halten würden, griffen zwei Männer zu Paketschnüren, um das gute Stück noch wetterfest am Mann zu fixieren.
Nach gut und gern zwei Stunden fleißigem Werkeln war kein Hasendraht und kein Holzgestell mehr zu sehen und ein fertiger Schneemann stand auf der Holzpalette. Eine letzte und einsame Nacht durfte er im Bauhof verbringen, um dann am Sonntag nach einer Fahrt durch Gerolsheim auf dem Festplatz als Winter verbrannt zu werden.