Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Herkunft ungeklärt: Gibt es im Erkenbert-Museum NS-Raubkunst?

Nimmt noch bis Ende kommender Woche die Sammlung des Erkenbert-Museums unter die Lupe: Provenienzforscherin Katja Terlau.
Nimmt noch bis Ende kommender Woche die Sammlung des Erkenbert-Museums unter die Lupe: Provenienzforscherin Katja Terlau.

Wie ist ein Objekt ins Museum gekommen? Das untersucht Provenienzforscherin Katja Terlau für einen Teil der Sammlung des Erkenbert-Museums. Im Fokus dabei: NS-Raubkunst.

Bisher habe sie unter den von ihr geprüften Objekten keines gefunden, das bedenklich sei, etwa, weil es aus einer der jüdischen Kunstsammlung stammt, die unter den Nationalsozialisten geplündert und verscherbelt wurden. Zu diesem Fazit kommt Katja Terlau nach gut drei Wochen in Frankenthal. Bei etwa einem Drittel der zahlreichen, stadtgeschichtlich bedeutenden Exponate in den Depots des Erkenbert-Museums ist nicht oder nur lückenhaft geklärt, woher es stammt. Den Weg von der Werkstatt bis zum heutigen Besitz nachzuvollziehen, das hat sich die noch junge Disziplin der Provenienzforschung seit gut einem Vierteljahrhundert zur Aufgabe gemacht.

Katja Terlau zählt bundesweit zu den renommiertesten Vertreterinnen. Die 55-jährige Kunsthistorikerin aus Köln ist unter anderem Mitinitiatorin des internationalen Arbeitskreises Provenienzforschung in Deutschland, der sich in der Folge der Washingtoner Erklärung von 1998 gründete. 44 Staaten verpflichten sich darin, Kunstwerke, die während der Zeit des Nationalsozialismus beschlagnahmt wurden, in ihren Beständen ausfindig zu machen, deren rechtmäßige Eigentümer zu suchen und eine „gerechte und faire Lösung“ zu finden.

Kleinen Häusern fehlen die Mittel

Allerdings ist die Herkunftsforschung gerade für kleine und mittlere Häuser wie das Erkenbert-Museum kaum leistbar. „Wir haben weder das Fachpersonal noch das Geld und die Zeit dafür“, sagt Leiterin Maria Lucia Weigel. Dass sie nun dank einer rheinland-pfälzischen NS-Raubgutinitiative die Möglichkeit hat, mehr über die Geschichte der Sammlung des Museums zu erfahren, die zurück bis in das Jahr 1892 reicht, ist in ihren Augen ein Glücksfall. Auch für kleinere Museen sei es heute geboten, Transparenz zu schaffen. Der vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Erstcheck durch Terlau sei dabei nur ein erster Schritt. Von der Expertin erhofft sich Weigel am Ende der vierwöchigen Prüfung Hinweise dazu, bei welchen Objekten eine weitere Recherche lohnenswert wäre. „Wir wollen eine saubere Sammlung“, betont die Museumschefin.

Bei ihrer Forschung zur Sammlung in Frankenthal durchforstet Terlau unter anderem alte Rechnungen, Fotodokumentationen und Fachliteratur. Neben dem Stadtarchiv, das unter anderem Akten zu jüdischem Vermögen bewahrt, sei auch der Förderverein für jüdisches Gedenken hilfreich gewesen bei der Frage, ob es jüdische Familien gebe, deren Nachfahren gezielt nach Kunst aus dem Nachlass suchen. Herausragende Objekte, etwa Werke der Frankenthaler Malerschule, vergleicht sie mit weltweit geführten Datenbanken wie dem Art Loss Register. Bei 20 Gemälden der Kunstsammlung des 16. und 17. Jahrhunderts, 100 Grafiken, 30 Metallobjekte, einer Waffensammlung und gut 100 Stücken Frankenthaler Porzellans – alles zwischen 1933 und 1945 erworben – sind in der kurzen Projektzeit nur Stichproben möglich.

Sammlung von überregionaler Bedeutung

„Das ist nur eine Momentaufnahme“, schränkt Philipp Hosbach deshalb den bisherigen Befund der Unbedenklichkeit ein. Hosbach koordiniert den vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Erstcheck für den Museumsverband Rheinland-Pfalz. Finanziert wird seine befristete Stelle vom Kultusministerium des Landes, das damit aus Sicht von Weigel eine Vorreiterrolle einnimmt. Neben Frankenthal konnten so auch das Stadtmuseum Bad Dürkheim und zwei weitere Häuser in Rheinland-Pfalz ihren Bestand prüfen lassen.

Die Sammlung des Erkenbert-Museums sei insofern in dieser Reihe herausragend, weil sie mit den niederländischen Malern und dem Frankenthaler Porzellan Werke von überregionaler Bedeutung beinhalte, die gezielt bundesweit und im benachbarten Ausland angekauft wurden. Großen Anteil daran hat der Altertumsverein, dem fast 70 Prozent der Sammlung gehören. Dass der Verein die Forscherin unterstützt und alle notwendigen Dokumente zur Verfügung gestellt habe, dafür sind Weigel und Terlau dankbar. Diese Offenheit sei nicht immer selbstverständlich gewesen, erinnert Terlau an die Anfänge der Provenienzforschung. „Früher hieß es oft: Ihr kostet Geld und Zeit – und am Ende müssen wir nur Sachen zurückgeben.“ Dass die Rückgabe längst nicht der einzige Weg ist, mit belasteten Objekten umzugehen, macht die Expertin deutlich. Denkbar sei beispielsweise auch eine entsprechende Kennzeichnung.

Spurensuche bei Teppich-Ankauf
Auf Unbedenklichkeit geprüft: der Frankenthaler Bildteppich „David und Abigail“, den das Erkenbert-Museum seit Kurzem in seinem
Auf Unbedenklichkeit geprüft: der Frankenthaler Bildteppich »David und Abigail«, den das Erkenbert-Museum seit Kurzem in seinem Bestand hat.

Das internationale Netzwerk der Provenienzforscherin aus Köln hat das Frankenthaler Museum bereits beim Ankauf eines kunsthistorisch bedeutsamen Bildteppichs aus dem 16. Jahrhundert genutzt, der sich seit Kurzem wieder in Frankenthal befindet. Unklar war, in wessen Besitz sich die Tapisserie vor den 1990er-Jahren befand. Ein Hinweis aus dem traditionsreichen Auktionshaus Sotheby’s führte schließlich zu einer Sammlung reicher New Yorker, die schon vor 1930 bestanden hatte. Dass sich das Erkenbert-Museum bereits vor dem Kauf in Herkunftsfragen absicherte, sei vorbildlich – und selbst in großen Häusern nicht unbedingt Standard, lobt die Provenienzforscherin.

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