FRANKENTHAL
„Gewalt gegen Kinder nimmt zu“
„Wir sind für Dich da, wenn Du Hilfe brauchst.“ Mit diesem Versprechen wendet sich der Kinderschutzdienst des Caritas-Zentrums Speyer an die Zielgruppe: Kinder und Jugendliche, die Gewalt ausgesetzt sind oder unter Vernachlässigung leiden. Im Haus Westliche Ringstraße 30 in Frankenthal, wo auch die katholische Kindertagesstätte St. Ludwig arbeitet, kümmern sich zwei Sozialpädagoginnen um die Hilfesuchenden: Judith Wiencierz und Victoria Parthy. Seit dem Sommer 2018 gibt es diese Einrichtung in der Stadt.
„Du kannst Dich an uns wenden, wenn Du geschlagen oder gequält wirst“, heißt es in einem Infoblatt der Caritas. Hilfe verspricht der Kinderschutzdienst auch dann zu leisten, „wenn sich keiner um Dich kümmert, wenn jemand sexuelle Dinge mit Dir tun will oder tut, obwohl Du das nicht willst, wenn Du als Opfer in ein Gerichtsverfahren verwickelt bist“ oder ganz allgemein, „wenn Dir Gefahr droht“. Auch Eltern und andere Bezugspersonen, die dazu beitragen wollen, solche Probleme zu besprechen und zu überwinden, sind in der Beratung willkommen.
Auftakt 2018
Rheinland-Pfalz sei eines von nur zwei Bundesländern, die ab den 90er-Jahren solche Kinderschutzdienste als „niedrigschwellige Anlaufstellen“ für Betroffene aufgebaut hätten, sagt Janosch Armbrust, Abteilungsleiter für Jugendhilfe der Stadtverwaltung, im Gespräch mit der RHEINPFALZ. Freie Träger wie die Caritas leisten die Beratungsarbeit. Für die Finanzierung sind in erster Linie die Kommunen zuständig, das Land gibt zum Teil Zuschüsse.
So war es auch beim Auftakt in Frankenthal 2018: Als Modellprojekt zur Erprobung eines „migrationssensiblen Kinderschutzdienstes“, der sich insbesondere auch um Familien mit Fluchterfahrung und Migrationshintergrund kümmert, begann die vom Land geförderte Arbeit. Anfangs habe dafür rechnerisch nur eine halbe Stelle zur Verfügung gestanden, berichtet Beigeordneter Leidig. „Im letzten Jahr haben wir das auf 0,75 Stellen erhöht.“ Nachdem das Modellprojekt Ende 2019 ausgelaufen sei, finanziere die Stadt den „regelhaften Kinderschutzdienst“ seit 2020 allein, erklärt Janosch Armbrust.
Judith Wiencierz (30 Jahre alt), Sozialpädagogin, und Victoria Parthy (23), angehende Sozialpädagogin, sind die beiden Caritas-Fachkräfte, die sich diese Dreiviertelstelle teilen. Die Zusammenarbeit mit ihnen sei vertrauensvoll und eng, sagen die Sprecher der Stadt. Von einem „ganz wichtigen Baustein“ in der Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen spricht Jan Kardaus, Leiter des Bereichs Familie, Jugend und Soziales der Stadtverwaltung. Gefragt sei die Fachkompetenz der Beraterinnen ebenso, um Kitas und Schulen noch stärker für das Thema zu „sensibilisieren“. Beratung wird ganz allgemein auch Personen angeboten, die beruflich oder ehrenamtlich mit Kindern oder Jugendlichen in Kontakt stehen.
Beratung und Begleitung
Wenn junge Menschen Opfer von Gewalt und Misshandlungen werden und Hilfe suchen, können sie sich selbst an den Dienst wenden oder Vertrauenspersonen bitten, das zu tun – am einfachsten per Telefon. „Teilweise findet die erste Beratung dann noch am gleichen Tag statt“, erklärt Janosch Armbrust. Oft sei das dann der Beginn einer monatelangen Begleitung und Beratung. Dabei werde auch überlegt, welche therapeutischen, medizinischen oder pädagogischen „Maßnahmen“ weiterhelfen könnten. Eltern versuche man immer einzubeziehen, und gerade bei schwierigen Familienverhältnissen sei „es wichtig, dass man Leute hat, die da professionell rangehen“, sagt Jan Kardaus.
Es sind mehr Mädchen als Jungen, die sich mit Problemen beim Kinderschutzdienst melden, berichtet Janosch Armbrust. In etwa 40 Prozent der Fälle gehe es um seelische Misshandlung. Etwa 30 Prozent der Hilfesuchenden klagten über körperliche Gewalt, 20 Prozent über sexuelle Gewalt. Bei der verbleibenden Gruppe gehe es „hauptsächlich um Vernachlässigung“.
Im Jahr 2019 hat der Frankenthaler Kinderschutzdienst nach Angaben der Stadt in 23 Fällen Kinder, Jugendliche und Eltern beratend begleitet. 2020 waren es 36 Fälle – also über 50 Prozent mehr. Das könnte auch mit dem „zunehmenden Bekanntheitsgrad“ des Angebots zu tun haben, vermutet Janosch Armbrust. Noch deutlicher ist der Anstieg der Fallzahlen beim Stadtjugendamt: Im Jahr 2019 habe man „105 Meldungen einer möglichen Kindeswohlgefährdung durch Dritte erhalten“ oder selbst entsprechende Feststellungen gemacht, berichtet der Abteilungsleiter. Im Corona-Jahr 2020 waren es dann 242 Meldungen – fast das 2,5-Fache des Vorjahres.
Nach Einschätzung der Fachleute ist diese drastische Zunahme von Problemanzeigen auch ein Hinweis auf Folgewirkungen, die die Corona-Pandemie für manche Familien mit sich bringt. Wochenlange Schließungen ganzer Wirtschaftsbranchen wie Gastronomie oder großer Teile des Einzelhandels, Kurzarbeit, Wegfall vieler gewohnter Kontakte, häusliche Quarantäne – damit kommen etliche wohl nicht klar, gerade in Familien, in denen es vorher schon Probleme gab.
Pandemie belastet
„Gewalt gegen Kinder nimmt zu“, stellt Janosch Armbrust fest. „Und es gibt mehr Alkoholmissbrauch.“ Zudem könne es nun länger dauern, bis Probleme auffielen, weil viele übliche Kontakte weggefallen seien: Sportvereine hätten viele Aktivitäten weitgehend einstellen müssen, und „Beobachtungen von Lehrern fehlen uns“. Dass die lange Pandemie ganz allgemein gerade auch die Jüngeren psychisch belastet, zeigen Untersuchungen wie eine Homeschooling-Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit: Demnach war rund ein Viertel der Schulkinder im Lockdown im Frühjahr 2020 „oft oder sehr oft traurig“.
Fazit: „Die personellen Ressourcen reichen nicht aus“, um angemessen auf die gewachsenen Probleme eingehen zu können, sagt Armbrust. Auch beim Kinderschutzdienst wäre es angebracht, die Personalausstattung zu verbessern: Eine volle Stelle dort wäre sinnvoll, urteilt Beigeordneter Bernd Leidig mit Blick auf dessen bisherigen Zuständigkeitsbereich, das Frankenthaler Stadtgebiet. Für die vom SPD-Landtagsabgeordneten Martin Haller angeregte Zusammenarbeit mit dem Rhein-Pfalz-Kreis sei die Stadt offen. Schließlich habe man „engmaschige Beziehungen“ zum Umland, hält der Sozialdezernent fest, und es gebe viele Schnittmengen. Konkrete Gespräche dazu habe es aber noch nicht gegeben, sagt Bereichsleiter Jan Kardaus.
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