Frankenthal
Gänsehautmomente bei Konzert in der JVA Frankenthal
Bei „I am sailing“ kann man die Münder des vielstimmigen Chors im Publikum vielleicht nicht sehen, aber man kann diesen unmissverständlich hören. Nicht hundertprozentig notensicher, aber dafür mit umso mehr Emotion stimmen die knapp 50 Männer in der Turnhalle ein in den Refrain des Rod Stewart-Klassikers in der Interpretation von Laura Heinz. Die vor allem aus der Mainzer Fasnacht bekannte Sängerin steht an diesem Abend auf einer ganz besonderen Bühne, mitten in der Justizvollzugsanstalt in der Ludwigshafener Straße. Zum zweiten Mal gibt die 34-Jährige dort zwei Wochen vor Weihnachten ein Benefizkonzert.
Die Idee für das kleine Weihnachtsgeschenk vor ungewöhnlicher Kulisse ist voriges Jahr entstanden. Damals so erzählt Heinz im Gespräch mit der RHEINPFALZ, hat sie diese mit der Tochter von Anstaltsleiterin Gundi Bäßler ausgegoren. Im Spätsommer reiste die Rheinhessin zu ihrem ersten Solokonzert in die Pfalz, und das gleich vor einem außergewöhnlichen Publikum. Die Resonanz und die Atmosphäre waren so positiv, dass sie zu ihrer ersten Zugabe in Konzertlänge prompt instrumentelle Verstärkung mitgebracht hat. Gitarrist Christian Wolf machte für gut 75 Minuten aus dem Duo Laura Heinz und Benedikt Stumpf am Klavier ein Trio.
Blickkontakt mit allen Zuhörern
„Wir sind wieder da“, begrüßt die studierte Musikerin ihr Publikum, ehe sie mit „Wonderwall“ von Oasis die erste von knapp einem Dutzend Nummern anstimmt. Mit Songs wie „An guten Tagen“ von Johannes Oerding, „Ring of Fire“ von Johnny Cash oder „Shallow“ von Bradley Cooper und Lady Gaga reicht das breitgefächerte Repertoire querbeet von Balladen über deutschen Schlager bis hin zu Modern Pop. „Ich bin dankbar für die Möglichkeit, auch vor Menschen auftreten zu können, die abseits des Mainstreams stehen“, erklärt Heinz nach ihrem Gastauftritt in Frankenthal.
Von der Bühne aus hat sie exklusiv die Gelegenheit, in ziemlich alle Gesichter ihrer Zuhörer in gerade mal vier Reihen blicken zu können. „Unter normalen Umständen bin ich vom Scheinwerferlicht meist derart geblendet, dass ich allenfalls die erste oder zweite Publikumsreihe ausmachen kann.“ In der JVA hingegen habe sich ein unmittelbarer Kontakt ergeben, sei ihr die Aufmerksamkeit direkt zurückgespiegelt worden. Die Verbindung wird noch ein Stück inniger, als die Zuhörer im Wechselgesang in Peter Maffays „Über sieben Brücken“ einstimmen. Die Gänsehaut setzt sich in solchen Momenten bis zum Aufsichtspersonal und der Handvoll Gäste an den Seitenwänden der Turnhalle fort.
Als sie bei der letzten Zugabe die Wahl haben zwischen „Sexy“ von Marius Müller Westernhagen und dem jahreszeitlichen Klassiker „Rockin’ around the Christmas Tree“, fällt die Wahl auf ersteres. Zu viel Sentimentalität kurz vor den Feiertagen wollen die Insassen doch nicht zulassen. Die psychische Belastung wird noch groß genug werden, wenn die Schließzeiten an den Feiertagen angepasst werden, damit möglichst viel JVA-Personal möglichst lange mit seinen Familien feiern kann.
Nächster Poetry-Slam im Februar
„Wenn die Insassen für eine Stunde den Alltag haben vergessen können, haben wir unser Ziel erreicht“, freut sich Heinz, die neben Musik auch katholische Theologie studiert hat. „Musik hat diesen universalen Charakter, dass sie alle Menschen gleichermaßen verbindet, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihrem Hintergrund.“ So mancher ihrer besonderen Zuhörer würde sich in Freiheit womöglich nie ein solches Konzerterlebnis gönnen, „das nimmt auch mich als Künstlerin in die Pflicht“.
Die Atmosphäre bei ihrem Frankenthaler Comeback hat sie denn auch „einen Tick ausgelassener“ erlebt, auch wenn die Männer auf ihren Stühlen sitzen bleiben müssen, allenfalls manche Füße wippen und viele Hände rhythmisch klatschen. Zum Finale hält es sie allerdings nicht mehr auf den Stühlen. Das Konzert, das nach Heinz’ Dafürhalten nicht das letzte in der JVA gewesen sein soll, ist Teil des kleinen Kulturprogramms, das Bäßlers Kunstetat hergibt. Dazu zählte in diesem Sommer auch ein Poetry-Slam, der im Februar fortgesetzt werden soll.