Frankenthal
Frankenthaler Internetinitiative als Podium für Künstler und Kunstinteressierte
Alles begann vor rund vier Wochen: Die Malerin und Kuratorin Nicoleta Steffan wollte all jenen Künstlern eine Stimme geben, denen während der Corona-Pandemie die Einnahmen wegbrechen. „Überall machen sich die Leute Gedanken, wie sie ihren Lieblingsladen oder ihre Stammkneipe unterstützen können. Das hat mir gefallen, aber auch weh getan. Ich habe mich gefragt: Wo bleibt die Kunst?“, erinnert sich die 51-Jährige. Mit „Stillstand 2020“ wollte sie zunächst befreundeten Kollegen auf ihrer Homepage ein Podium bieten.
Die Nachfrage explodierte: Nach wenigen Tagen hatte Steffan auf ihrer Homepage 46 Künstlerpräsentationen versammelt. Von Autoren, Sängern, Malern, Bildhauern bis zu Fotografen und Tänzern bildet die Seite vorwiegend das regionale künstlerische Repertoire ab. „Die Nachfrage hat mich überrollt, schnell gab es eine Warteliste“, sagt Steffan. Als die Datenmenge die Kapazitäten ihrer Internetseite überforderte, habe sie die Aktion im größeren Forum einer Facebook-Gruppe fortgesetzt und ein Team von vier Helfern ins Boot geholt.
300 Kunstschaffende präsentieren ihre Arbeit
Inzwischen stellen sich hier knapp 300 Kunstschaffende vor aus der gesamten Bundesrepublik, der Schweiz, den Niederlanden und aus Mexiko. Steffan hofft, dass in der Phase brachliegender Ausstellungen und Konzerte die Kunstbegeisterten via Internet den Kontakt zu Künstlern halten und ihnen in der Existenzkrise helfen.
Doch es geht um mehr als die Suche nach Mäzenen: Die Kontaktsperren treffen Künstler im Kern ihres Schaffens, da ihnen der kreative Austausch untereinander wie auch der fruchtbare Dialog mit dem Publikum fehlen. Mit der Facebook-Gruppe habe sie einen virtuellen Ersatzraum für Begegnungen geschaffen, damit Künstler „die Schockstarre überwinden und sichtbar bleiben“, so die Initiatorin.
Klimek: „Öffentliche Daseinsberechtigung kundtun“
Die Fotos, Alben und Videos sind eine bunt gemischte Werkschau. Witzig sind die Porträts auf Christbaumkugeln der Sächsin Sabine Reichert und ein als Vogelnest gestalteter Stuhl der Gerolsheimerin Ursula Ludt. Der Sitzende könnte darauf aufgemalte Eier ausbrüten. Betroffen macht die Skulptur von Helga Kalkbrenner aus Muggensturm, auf der ein Coronavirus wie ein Insekt hockt.
Auch der Frankenthaler Harald-Alexander Klimek ist mit seiner suggestiven Collage „UK Channel crossing“ dabei. Seine Motivation, der Gruppe beizutreten: „Die Krise bewirkt einen totalen Stillstand in der künstlerischen Produktion, ein bitteres Gefühl. De facto haben wir von der Politik noch nichts gehört. Die Gruppe ist für mich kein Hilferuf, sondern eine Plattform für uns Künstler, um unsere öffentliche Daseinsberechtigung kundzutun.“ Vertreten ist auch Günter Hornung aus Gerolsheim mit auf Leinwand gebannten Momentaufnahmen eines urbanen Lebens vor Mundschutz und Abstandsregeln. „Stillstand 2020 ist für mich eine Form des Kontakts zwischen Publikum und Kunst, die in dieser Zeit nötig ist“, sagt er. Beeindruckt habe ihn der interdisziplinäre Charakter der Aktion, „dass sie für alle Kunstrichtungen offen und darum so mehrdimensional ist“.
Stillstand 2020-Titelsong von Klaus Kummer und Stefan Kahne
Vielschichtig und kontrovers sind die offiziellen 26 Statements zur Aktion, die auf Steffans Homepage und parallel auch auf Facebook geschaltet sind. „Zum Thema Corona wurde ja schon viel zu viel gejammert und gewimmert! Über Kunst gibt es nur eines zu sagen: Sie ist der eigentliche Virus, schön, ungeschützt und unverfälscht in großen Mengen zu verabreichen“, sagt der Ludwigshafener Fotograf Ivo Kljuce. Die Mannheimer Autorin Petra Scheuermann postet: „Klopapier und Nudeln allein machen nicht glücklich. Nur miteinander können wir Künstler etwas erreichen.“ Dagegen sieht der Graffiti- und Fotokünstler Tasso alias Jens Müller aus dem sächsischen Meerane die Perspektiven seines Metiers düster: „Was sind Künstler denn mehr wert als eine Krankenschwester, ein Lkw-Fahrer oder eine Verkäuferin? Kunst braucht kein Mensch, wenn’s ums Überleben geht.“
Das Titelbild der Aktion ist Tassos Foto „Firmament“. Es zeigt einen schlafenden Obdachlosen unterm Sternenhimmel. Übermalt ist das Motiv in Kreideschrift mit: „The stars are not for you“ – die Sterne sind nicht für dich. Aktuell hat „Stillstand 2020“ auch einen eingängigen Titelsong bekommen: Das Duo KKsings – Klaus Kummer und Stefan Kahne – schrieb ein berührendes Lied, in dem es heißt: „See the beauty in the street, remember: even art must eat.“ Sinngemäß übersetzt lautet der Satz: Sieh die Schönheit auf den Straßen und denk daran, auch die Kunst braucht Nahrung. Unterlegt ist das Video mit Impressionen aus Steffans Werk: Texturen, Farben, Metallgitter vermengen sich und spiegeln die Isolation in Corona-Zeiten wider.
Kunstprojekte planen für die Zeit nach der Corona-Krise
Diese Isolation in der Gesellschaft wird nun schrittweise aufgehoben. Für Nicoleta Steffan und ihre Mitstreiter ist dies das Signal, die Initiative auf interne Bahnen zu lenken. Bislang haben die Künstler wegen der Kontaktsperre sämtliche Aktivitäten auf Facebook öffentlich gemacht. Ab sofort ist die Facebook-Gruppe für Außenstehende geschlossen.
Intern sollen jetzt Kunstprojekte für die Zeit nach der Corona-Krise geplant werden, das heißt, wenn das künstlerische Leben wieder Fahrt aufnimmt.
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