Frankenthal Frankenthal: Italiener lässt sich für Bundestagswahl einbürgern
MEINUNG AM MONTAG: Bruno Gallace (49) ist einer von 30 Frankenthalern mit ausländischen Wurzeln, die sich am Montag einbürgern lassen. Sein Vater kam 1956 aus Kalabrien nach Deutschland, seine Mutter etwas später. Die Eltern sind noch italienische Staatsbürger. Gallaces Motiv: Er möchte an der Bundestagswahl teilnehmen.
Das habe ich mich auch gefragt. Früher war das ja noch ein bisschen schwieriger mit der Bürokratie. Aber weil sich jetzt vieles geändert hat in Deutschland und in der ganzen Welt, da ist es umso wichtiger, dass man das, was man beeinflussen kann, auch beeinflusst. Dabei war ich bisher immer zufrieden mit der Politik in Deutschland. Keine Partei, keine Regierung kann es jedem recht machen.
"Da ist etwas in Schieflage gekommen"
Hat sich das geändert?Was ich bedenklich finde, ist, dass immer mehr Leute fünf Tage die Woche ganztags arbeiten, aber nicht davon leben können. Da ist etwas in Schieflage gekommen. Ich weiß nicht, woran das liegt – sicherlich auch am Euro. Ich und meine Familie haben das Glück, dass es uns finanziell gut geht. Aber als Friseurin, was bekommen Sie da: 1000 Euro netto? Davon kann kein Mensch leben. Und dann die Europäische Union, die für manche Länder nur dann eine zu sein scheint, wenn es Geld gibt. Aber wenn etwas getan werden muss, halten sie sich vornehm zurück. Ich fand es menschlich, als Angela Merkel gesagt hat, alle Flüchtlinge könnten kommen. Doch diese Einstellung wird von vielen Ländern nicht geteilt. Wenn die Aufteilung der Flüchtlinge funktionieren würde und Länder wie Ungarn ihre Grenzen nicht dicht machten, hätten wir kein Problem. Da müsste man mal auf den Tisch hauen, auf gut Deutsch gesagt.
"Das kann nicht nur an der Globalisierung liegen"
In der Flüchtlingsfrage steht Italien vor sehr großen Herausforderungen.Italien nimmt schon seit 30 Jahren Flüchtlinge auf, ohne dass es im Rest von Europa jemanden interessiert hätte. Jetzt sagen manche: Was sollen wir so viele aufnehmen, wenn so viele unserer eigenen Leuten unterhalb der Armutsgrenze leben? Ich habe viel Kontakt zu Kunden in Italien. Dem Land geht es wirtschaftlich nicht gut. Immer mehr Firmen machen zu, immer mehr Leute haben keine Arbeit, Rentner leben in Armut – schlimm. Im Süden, wenn man einen eigenen Garten hat und viel selbst anbaut, kommt man über die Runden. Aber in Norditalien kostet alles so viel wie hier, doch Sie bekommen viel weniger Geld. Das ist jetzt kein Witz: Wenn man gegen Ende über einen Markt geht, sieht man viele Leute fragen, ob sie etwas haben können von den Sachen, die nicht verkauft wurden. Hallo: Wir leben mitten in Europa. Das geht nicht! Vor 20 oder 30 Jahren war das nicht so schlimm. Das muss einen Grund haben. Das kann nicht nur an der Globalisierung liegen.
"Die Welt ist im Wandel"
Gibt es einen Anlass, bei dem Sie sich entschlossen haben, Deutscher zu werden, um wählen zu gehen?Nein. Ich hatte es schon immer vor, wie gesagt. Aber die Welt ist so im Wandel, durch den Terror beispielsweise, da möchte ich gucken, dass ich für meine Familie das Bestmögliche heraushole: eine verlässliche Regierung. Ich denke nicht, dass ich mich so gut fühlen würde, wenn wir hier jemanden hätten wie Donald Trump in den USA. Was würden Sie Leuten entgegnen, die sagen: „Ich geh’ nicht wählen, es ändert sich ja doch nichts“? Wählen ist ein Privileg. Wenn man die Möglichkeit hat, soll man sie nutzen. In anderen Ländern gehen die Leute dafür auf die Straße. Viele glauben nicht, dass ihre Stimme ins Gewicht fällt. Das tut sie aber. Und wenn man nicht wählen geht, werden vielleicht irgendwelche Parteien so stark, dass es eng wird. Ich hab’ mir gesagt: Auch wenn’s gut läuft – den Hintern hoch und los.
"Ich habe mich nie ausgegrenzt gefühlt"
Fühlten Sie sich bisher als Bürger zweiter Klasse, weil Sie den Bundestag oder den Landtag nicht mitwählen durften?Ich habe mich nie ausgegrenzt gefühlt. Ich hatte es ja selbst in der Hand zu sagen: Ich ändere das. Und ich konnte ja auf kommunaler Ebene wählen, mitbestimmen, was mich betrifft in meiner Region. Können Sie sich vorstellen, irgendwann auch zu kandidieren: für den Frankenthaler Stadtrat, den rheinland-pfälzischen Landtag oder gar den Deutschen Bundestag? Nein. Da müsste man sehr viel Zeit investieren, und die habe ich nicht. Oder: Ich möchte sie anders nutzen, meine Freizeit. Es ist nicht viel: Aber das, was ich mache, ist mein Beitrag.
"Ich bin mit deutschen Freunden aufgewachsen"
Bei Mitbürgern mit ausländischen Wurzeln ist oft von Parallelgesellschaften die Rede. Haben Sie sich bisher gesellschaftlich engagiert, etwa im Elternbeirat, in einem Verein oder einer Kirchengemeinde?Als Jugendlicher war ich nach der Kommunion Messdiener, ich war zehn Jahre in der Katholischen Jungen Gemeinde sehr aktiv, ein paar Jahre bei den Maltesern. Als ich angefangen habe zu arbeiten, ist das alles aber abgeebbt. Eine Parallelgesellschaft haben Sie also nicht erlebt? Ich persönlich nicht. Ich bin mit deutschen Freunden aufgewachsen. Ich habe trotzdem Kontakt zu Italienern, aber viel mehr zu Deutschen.
"Wer sich nicht integrieren will, der macht es auch nicht"
In der Frankenthaler Fußgängerzone hört man immer mal wieder Passanten Italienisch sprechen.Ich kenne viele aus meinem Bekanntenpreis, die schon 30 oder gar 40 Jahre hier sind, sich aber immer unter ihresgleichen bewegen und kaum Deutsch sprechen. Ich finde das schade. Wer sich nicht integrieren will, der macht es auch nicht. Was denken Sie: Woran liegt das? Viele sehen Deutschland als Land, in dem man arbeiten und gut leben kann. Sie haben ihre Grüppchen, mit denen sie viel unternehmen, und sehen keine Notwendigkeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ich weiß nicht, woran das liegt. Meine Eltern sind nicht so. Die haben immer gesagt: „Wir sind in Deutschland.“ Wir vier Brüder sind in den Kindergarten, die Grundschule und dann aufs Gymnasium gegangen wie deutsche Kinder. In den 1970er-Jahren gab es in Frankenthal die Möglichkeit, die Grundschule auf Italienisch zu absolvieren – ich glaube, in der Erkenbertschule war das. Aber wer das gemacht hat, hatte Nachteile durch die Sprache. Die meisten sind danach maximal auf die Realschule gegangen.
"Eine Frage der Einstellung"
Dann haben Ihre Eltern die Integration gefördert?Auf jeden Fall. Alle sagen, das hängt vom Bildungsgrad der Eltern ab. Aber für meine Eltern kann ich das nicht sagen, die sind beide Jahrgang 1936, waren fünf Jahre in der Schule, dann ging’s arbeiten. Für sie gab’s keine höhere Schule. Ich denke: Es ist eine Frage der Einstellung. Meine Eltern haben’s richtig gemacht. Glauben Sie, dass ein sozialer Aufstieg, wie ihn Ihre Eltern geschafft haben, heute noch möglich wäre? Es kommt darauf an, welche Arbeit man findet, wie der Verdienst ist. Aber ich glaube, man kann nicht mehr so weit kommen, wie das vor 30 oder 40 Jahren möglich war – selbst, wenn man fleißig und engagiert ist.
"Seine Wurzeln nicht vergessen"
Sind Deutsche mit ausländischen Wurzeln in der Politik wie der Grüne Cem Özdemir für Sie Vorbilder?Ein Vorbild zumindest, was die Integration angeht. Wenn man in einem Land lebt, sollte man seine Wurzeln nicht vergessen. Aber man sollte auch versuchen, zu leben wie ein Einheimischer. Glauben Sie, dass Integration einem Zuwanderer aus Italien leichter fällt als einem Menschen beispielsweise aus einem orientalischen Land? Das auf jeden Fall. Die Religion ist in Italien dieselbe, und das macht schon viel aus. Wenn Sie mich fragen, ist das der Grund für viele Probleme mit türkisch- oder arabischstämmigen Migranten. Das ist ein anderer Kulturkreis. Für Italiener ist nur die Sprache eine Barriere und die ein oder andere Eigenheit. Da liegt es nur an den Leuten selbst, ob sie sich anpassen. Was ich gar nicht gut finde: in einem Land zu wählen, in dem man gar nicht lebt. Wenn ich Wahlunterlagen aus Italien bekomme, wandern die bei mir in den Papierkorb. Was soll ich hier wählen, wie es viele türkische Mitbürger tun, und die Leute unten müssen es ausbaden? Termin Am Montag, 18. September, 17 Uhr, erhalten im Rathaus 30 Menschen Einbürgerungsurkunden. Unter ihnen stammen elf aus der Türkei, acht aus Rumänien, drei aus Italien, je zwei aus Pakistan und Vietnam sowie je einer aus Griechenland, Marokko, Mexiko und Polen. Sie werden gleich ins Wählerregister eingetragen. Nach Auskunft der Verwaltung möchten viele an der Bundestagswahl am 24. September teilnehmen. Dazu sei der Termin extra angesetzt worden. | Interview: Birgit Möthrath