Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Fragen & Antworten: Wie die Prüfer in der Stadtklinik vorgegangen sind

Bekommt von den Professoren Christian Perings und Andreas Becker ein gutes Zeugnis: die Stadtklinik Frankenthal..
Bekommt von den Professoren Christian Perings und Andreas Becker ein gutes Zeugnis: die Stadtklinik Frankenthal..

Mit unterschiedlichen Methoden zum gleichen Ergebnis: Die Fachleute, die seit Herbst 2019 die Stadtklinik Frankenthal unter die Lupe genommen haben, sind sich einig. Patienten hingen nicht länger als notwendig an Beatmungsgeräten der Intensivstation. Ein paar kritische Punkte und offene Baustellen gibt es trotzdem – eine Zusammenfassung.

Was sagt der Fachmann für Risiko- und Qualitätsmanagement an Krankenhäusern?
Andreas Becker, Professor an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen in Köln, kommt zu dem Urteil, dass die Kompetenz der auf der Intensivstation eingesetzten Ärzte und der Einsatz von medizinischem und pflegerischem Personal angemessen seien. „Angemessen heißt: Das hat gepasst“, sagte Becker am Mittwoch im öffentlichen Teil der gemeinsamen Sitzung von Stadtrat und Krankenhausausschuss. Basis von Beckers Aussagen zu den von der „Süddeutschen Zeitung“ aufgebrachten Vorwürfen zur Beatmungspraxis in der Klinik waren 16 Interviews und die Analyse von Unterlagen zu 236 Fällen aus den Jahren 2018 und 2019. Das Fazit des Professors: Anhaltspunkte dafür, dass Dritte Ärzte dazu aufgefordert hätten, Beatmungszeiten mit dem Ziel höherer Erlöse zu verlängern, habe er nicht gefunden.

Diese Aussage Beckers fußt insbesondere auf der Betrachtung der sogenannten Schwellenwerte. Zur Erklärung: Das System der Fallpauschalen, nach denen Leistungen in Krankenhäusern von den Kassen vergütet werden, enthält bei der Beatmung Stufen, ab denen mehr Geld fließt. Es habe in der Stadtklinik Fälle gegeben, in denen ein solcher Wert knapp überschritten worden sei, erläuterte der Professor. Aber auch einige Patienten, bei denen Apparate vier oder fünf Stunden früher abgeschaltet wurden. „Ökonomisch betrachtet bekommen Sie da graue Haare, medizinisch gesehen ist es aber richtig“, betonte Andreas Becker. Insgesamt habe seine Analyse aber ein ausgeglichenes Bild ergeben und „keine Symptome für erlösorientierte Beatmungssteuerung“.

Wie beurteilt der medizinische Gutachter die kritischen Fälle?
Professor Christian Perings, Chefarzt am St.-Marien-Hospital im westfälischen Lünen, hat sich 14 Frankenthaler Fälle angeschaut, von denen einige offenbar Grundlage der seinerzeit im ersten Bericht der „Süddeutschen“ erhobenen Vorwürfe sind. „Alle 14 Patienten sind korrekt behandelt worden“, hielt Perings bei seinem Vortrag am Mittwoch fest. Nach der Lektüre des rund 7000 Seiten umfassenden Materials, das ihm vorgelegen habe, stehe für ihn fest, dass keiner der Behandelten länger als notwendig beatmet worden sei. Erklärtes Ziel sei es immer gewesen, die Patienten nach deren Übernahme aus anderen Krankenhäusern von der künstlichen Beatmung „abzutrainieren“. Dieses sogenannte Weaning sei bei einigen der begutachteten Fälle „sehr progressiv“ eingeleitet worden. „Der Vorwurf ist insofern nicht nachvollziehbar“, sagte Perings.

Dass schwerkranke Menschen aus Kliniken übernommen worden sein könnten, ohne dass Aussicht auf eine erfolgreiche Therapie bestanden habe, für diesen Verdacht sieht der erfahrene Mediziner keine Hinweise. In elf der 14 Fälle hätte n Stadtklinik-Ärzte über „ausreichende Informationen“ verfügt, um ihre Entscheidung zu treffen. Bei den drei Patienten, die auf der Intensivstation verstorben seien, ist Perings seinen Ausführungen vor Rat und Ausschuss zufolge überzeugt, dass es sich „nicht um ein Übernahme-, sondern um ein Übergabeverschulden“ handele. Das heißt: Die Patienten seien in besserem Zustand angekündigt worden, als sie dann in Frankenthal ankamen.

Zu welchen Schlüssen kommen die Prüfer von Ernst & Young?
Mit anderen Methoden kommen die seit Oktober vergangenen Jahres in der Stadtklinik aktiven Ermittler von Ernst & Young (EY) zu ähnlichen Ergebnissen wie der Sachverständige und der Gutachter mit ihrem jeweiligen Fachhintergrund. Auch die EY-Leute, die zu ihrem Zwischenbericht mit Verweis auf rechtliche Restriktionen am Mittwoch nur im nicht-öffentlichen Sitzungsteil direkt Rede und Antwort standen, bescheinigen dem Krankenhaus: „Es bestehen keine Hinweise darauf, dass Intensivpatienten aus wirtschaftlichen Motiven beatmet wurden.“ Die Wirtschaftsprüfer berufen sich dabei auf rund 50, teils mehrstündige Interviews, 120 anonymisierte Analysen von Beatmungsfällen aus den Jahren 2009 bis 2019 und 500 interne Sitzungsprotokolle.

Ernst & Young nennen in ihren vorläufigen Untersuchungsergebnissen allerdings auch kritische Punkte. Einer davon: die ursprünglich nur für 2010 mit dem für die Intensivstation verantwortlichen Chefarzt getroffene Zielvereinbarung, die an Beatmungsstunden geknüpft war. Diese variable Vergütung sei auch in den Folgejahren gezahlt und erst gestoppt worden, als Oberbürgermeister Martin Hebich (CDU) Anfang 2019 als Nachfolger des nach Ludwigshafen gewechselten Bürgermeisters Andreas Schwarz (SPD) das Krankenhausdezernat übernahm.

Dass es vor diesem Hintergrund einen wirtschaftlichen Anreiz für den Chefarzt gegeben habe, Patienten länger beatmen zu lassen, das verneint der Sachverständige Andreas Becker. Die Anzahl von Beatmungsstunden, ab der dem Spitzenmediziner der volle Bonus ausgezahlt wurde, sei meist im ersten Halbjahr erreicht gewesen. Laut Martin Hebich ist der Vertrag mit dem Arzt inzwischen in beidseitigem Einvernehmen auf eine andere Basis gestellt worden, die den berufsständischen Vorgaben und den Empfehlungen der Deutschen Krankenhausgesellschaft entspreche.

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