Frankenthal
Erzieherinnen klagen: „Unser Risiko wird nicht gesehen“
Von komplett geschlossen bis geöffnet für alle: Seit März vergangenen Jahres haben die Mitarbeiter der Frankenthaler Kindertagesstätten die unterschiedlichsten Modelle erlebt – und immer ihr Bestes gegeben. Das sagen nicht nur die Verantwortlichen in der Kita-Leitung sowie bei den kirchlichen und städtischen Trägern. Das würden auch viele Eltern so unterschreiben. Doch der Unmut steigt auf allen Seiten.
Grundsätzlich sei die Botschaft, ihr Kind wenn irgend möglich am besten zu Hause zu lassen, bei den Eltern angekommen, sagt Beigeordneter Bernd Leidig (SPD). Nicht zuletzt hätten Infektionsfälle in einzelnen Einrichtungen für das Ansteckungsrisiko sensibilisiert – auch wenn bisher noch keine Kita komplett schließen musste. Etwa ein Drittel der angemeldeten Kinder besuche derzeit eine städtische Einrichtung, wobei die Verteilung unterschiedlich sei. So sind etwa in der Kita Am Strandbad im Schnitt etwa 45 von 85 Kindern da, während in der Fontanesistraße im Schnitt 15 der 75 Kinder betreut werden.
„Die Allermeisten gehen mit dem Angebot sehr verantwortungsvoll um“, sagt Andrea Schlossarczyk, Abteilungsleiterin Familienbüro. Trotzdem sehen sie und ihre Kollegen die Not der Eltern, die zwischen Arbeit und Kinderbetreuung aufgerieben werden. „Die Erzieherinnen wollen am liebsten alle Kinder vor Ort betreuen. Aber wir wissen, dass wir dann die Trennung der Gruppen und die Hygienemaßnahmen nicht mehr so einhalten können“, schildert Schlossarczyk den Zwiespalt zwischen dem Wunsch nach Normalität und Infektionsschutz.
Kitas fordern Klarheit
Die Kita-Leiterinnen kennen beides: Diskussionen, warum Langeweile alleine kein Betreuungsgrund ist und voll berufstätige Eltern, die verunsichert sind, ob sie überhaupt Anspruch auf ihren Betreuungsplatz haben. Und die Pädagoginnen wissen, wie schmerzlich manches Kind seine Freunde vermisst. Ihr Wunsch: „Mehr Klarheit vom Land für Eltern, Kinder und für uns Erzieherinnen“, sagt Almuth Müller, die die protestantische Kita Lutherkirche leitet und damit ausspricht, was auch Kolleginnen fordern.
Karin Wieder von der katholischen Kita St. Ludwig fände einen verpflichtenden Nachweis der Berufstätigkeit gut. Eine strikte Regelung wie im Notbetrieb im Frühjahr würde Karen Hatzfeld, Leiterin der Kita Fontanesistraße, begrüßen. „Es wird immer schwieriger, Eltern zu überzeugen, das Kind nicht zu bringen“, sagt Simone Witzgall, Leiterin der Kita Am Strandbad. Wegschicken dürfe man ja aktuell kein Kind, stellt Müller klar. Deshalb bleibt auch Jan Kardaus, Leiter des Bereichs Familie, Jugend und Soziales, nur die Hoffnung, „dass sich die Kitas nicht weiter füllen“.
Angst vor Virus belastet
Denn auch in den Frankenthaler Einrichtungen gab es in den zurückliegenden Monaten immer wieder Verdachtsfälle und Infektionen mit dem Coronavirus. Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt klappe sehr gut, heißt es übereinstimmend. Durch die strikte Trennung der Gruppen habe man die Zahl der Kinder und Erzieherinnen, die in Quarantäne mussten, bislang begrenzen können, sagt Almuth Müller. Den Abstand zu den Kindern zu halten, sei aber im Alltag unmöglich, sagt Karin Wieder. Die Angst vor dem Virus belaste das Personal. „Wir gefährden jeden Tag uns selbst und unsere Familien, aber unser Risiko wird nicht gesehen“, sagt Nicole Daniel, die die katholische Kita in Mörsch leitet, und den Frust der Kollegen spürt.
Erst seit Ende Januar werden Schutzmasken vom Träger gestellt. In der Interaktion mit dem Kind sind sie keine Pflicht. Die Schnelltests, die Erzieherinnen seit Kurzem auch anlasslos nutzen können, seien von ihren Kollegen zunächst wenig angenommen worden, weil der Aufwand recht hoch war. Da es inzwischen Testmöglichkeiten in Frankenthal gebe, hoffe man auf mehr Resonanz, sagt Beigeordneter Leidig. Kritisch sehen Wieder und Daniel, dass Erzieherinnen mit Kategorie 3 erst sehr spät geimpft werden sollen. „Personal in Kitas sollte vorgezogen werden.“
E-Mail statt Zettel
Dass durch den eingeschränkten Betrieb zurzeit wichtige Lernangebote wie die Sprachförderung wegfallen, sehen die Erzieherinnen mit Sorge. Über Material für die Familien versuche man, Anregungen, für zu Hause zu geben. Anderseits habe man nach dem ersten Lockdown gesehen, wie unkompliziert die Kinder mit dem neuen Alltag umgehen. „Wir machen uns da oft viel zu viele Gedanken“, sagt Karen Hatzfeld.
Einen Schub habe in den zurückliegenden Monaten die digitale Kommunikation bekommen, berichten die Praktikerinnen. Während man im März mühsam Wege finden musste, das Gespräch beim Abholen oder den Zettel in der Tasche des Kindes zu ersetzen, seien E-Mails und Videochat inzwischen in den meisten Häusern Standard. Und auch Fortbildungen könnten digital weiterlaufen, betont Kardaus.
Gebühren teils verrechnet
Um Eltern finanziell zu entlasten, verrechnet die Stadt seit 16. Dezember und zunächst bis 14. Februar Elternbeiträge für Krippen und Hort sowie Essensgeld je nach tatsächlichem Besuch. Bei anderen Trägern wird das Kostgeld ebenfalls tagesgenau abgerechnet. In der Krippe der Versöhnungskirche laufen die Beiträge weiter, allerdings seien auch acht der zehn Kinder weiter in der Betreuung, so Müller. So sehr sich alle Beteiligten wünschen, die Kindergärten bald wieder öffnen zu können, so sehr hoffen sie, Zeit für einen schrittweisen Neustart zu haben. „Es wäre schwierig, wenn alle zu einem festen Stichtag sofort wieder da sind“, sagt Karin Wieder.
