Interview
Digital Detox: Wie viel Zeit am Smartphone ist zu viel?
Frau Steinbach, welche Giftstoffe finden sich im digitalen Cocktail?
Das lässt sich so pauschal nicht beantworten. „Digital Detox“ bedeutet eine bewusste Auszeit, einen Abstand von der Dauernutzung sozialer Medien, insbesondere des Smartphones. Das mögen für den einen nur wenige Stunden sein, für die andere vielleicht mehrere Wochen oder über eine Phase hinweg, etwa im Sommerurlaub.
Die katholische Kirche hat diesen Vorschlag bereits für die Fastenzeit vorgeschlagen, nun greift die Verbraucherzentrale den Trend zur Digitalsucht auf. Warum?
Es gibt ernstzunehmende Studien, nach denen wir bis zu drei Stunden am Tag aufs Display eines Smartphones oder Tablets starren, Monitore von PCs oder Notebooks nicht eingerechnet. Im Schnitt wird ein solches Gerät 80 Mal am Tag entsperrt. Das ist eindeutig zu viel, das ist eine Überdosis digitales Gift. Wenn man dazu sieben bis acht Stunden Schlaf plus die Arbeitszeit addiert, wie viel bleibt dann noch übrig für die Pflege sozialer Beziehungen?
Ungeachtet der Suchtfolgen für den einzelnen User?
Die kommen obendrauf. Nicht abschalten können, ständig auf eine Nachricht lauern, Präsenz zeigen zu wollen mit einem Reel, also einem Videoclip aus allen Lebenslagen, das kann zu Konzentrationsschwächen führen. Manche sprechen schon von digitaler Demenz. Und kaum habe ich auf „Senden“ gedrückt, kommt schon der nächste Impuls, der Drang, die nächste Story zu posten.
Ist der Bedarf nach „Digital Detox“ altersabhängig, brauchen Jugendliche eine höhere Ablenkungsempfehlung als Ältere?
Jugendliche mögen anfälliger sein, mögen vergleichsweise mehr Zeit am Smartphone verbringen. In der älteren Generation gehen die Verweildauern zurück, aber sie sind im Schnitt immer noch höher, als es für die seelische Gesundheit gut ist. Bei den Geschlechtern sind übrigens keine signifikanten Unterschiede im Nutzungsverhalten zu erkennen.
Das Web-Seminar, das Sie am 25. Juli kostenlos anbieten, nimmt also mehr das Freizeitverhalten in den Blick und gibt weniger Tipps für Entspannungsübungen während der unerlässlichen Bildschirmarbeit?
Korrekt, es geht auch nicht ums Gaming und Videospielsucht, sondern gezielt um das Dauerfeuer aus Messenger-Kanälen oder sozialen Netzwerken wie Instagram oder Snapchat. Dort werden wir ständig mit digitalen Informationen überflutet. Die Folge: ständige Erreichbarkeit, der Drang, nichts verpassen zu wollen und damit permanenter Stress. Das einstündige Online-Seminar will praxisnahe Ratschläge zum Gegensteuern geben. Es werden Strategien vorgestellt, die es ermöglichen, bewusst Auszeiten von digitalen Medien zu nehmen.
Wollen Sie mit einem Tipp oder Trick schon mal Appetit machen?
Zunächst geht es nicht nur um den Entzug vom Daddeln, sondern darum, sich dessen bewusst zu werden und die Einsicht, welch ein Zeitfresser es ist. In der Folge ist die bewusste Gestaltung von medienfreien Zeiten im Tagesablauf und der Einsatz von Techniken zur Förderung der Achtsamkeit und Entspannung ein Ziel. Es geht also mindestens genauso sehr darum, das Smartphone aus der Hand zu legen wie darum, den Mehrwert gewonnener Zeit zu nutzen und diese für Entdeckungen zu nutzen.
Das klingt nach einem Köder und weniger nach einem Warnhinweis auf Risiken und Nebenwirkungen.
Die Verbraucherzentrale ist ja auch kein Moralapostel. Ganz abgesehen davon, dass Smartphones gar nicht mehr wegzudenken sind aus unserem Alltag. Es geht um eine bekömmliche Balance.
Wie kann ich die erreichen?
Ich nenne mal eine Empfehlung aus dem Seminar: Setzen Sie sich ein Limit, stellen Sie einen Timer. Wenn Sie weitergehen wollen, verzichten Sie mal einen ganzen Tag lang auf Posts und das Abrufen von Social-Media-Nachrichten, vielleicht sogar ein komplettes Wochenende. Mancher wird es kaum glauben, aber es geht.
Wie erfolgreich waren Sie damit?
Ich habe die ersten digitalen Auszeiten genommen, es klappt erstaunlich gut. Seit ein paar Wochen verbringe ich nur noch etwa 15 Minuten am Tag auf Instagram, das war früher weitaus länger. Ich schlafe stattdessen mehr und fühle mich am nächsten Tag viel erholter.
Termin
Die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz bietet am Donnerstag, 25. Juli, 16 Uhr, erstmals ein Web-Seminar „Digital Detox – Auszeit von der Technik“ an. Es ist kostenlos und dauert circa eine Stunde. Referentin ist die Juristin Andrea Steinbach (38), bei der Verbraucherzentrale Fachberaterin für Digitales. Interessierte können sich unter www.verbraucherzentrale-rlp.de/webseminare-rlp anmelden. Der personalisierte Link, der im Anschluss versandt wird, kann nicht geteilt werden. Technische Voraussetzung sind ein Computer mit Internetzugang und Lautsprecher.