Ludwigshafen
Digitalbotschafter begleiten Senioren durchs Internet
Was vor einer Generation noch unvorstellbar war, ist heute Alltag: Personal Computer sind in der Tat individuell geworden, passen als Smartphone in die Hosentasche und als Tablet unter den Arm. Digital Natives, also die nach dem Jahr 2000 Geborenen, sind damit aufgewachsen, halten sie bereits als Kleinkind in der Hand. Ihre Großeltern hingegen sind hineingewachsen in die Nutzung digitaler Medien, müssen sich hineindenken in die Bedienung – und sich schützen gegen Betrüger, die ihre Wissensdefizite ausnutzen wollen. Dieser Klientel bieten die Digitalbotschafter des Landes kostenlos ihre Beratungsdienste an. In Ludwigshafen und dem Rhein-Pfalz-Kreis gibt es ein knappes Dutzend davon.
Online-Banking, Kommunikation per Whatsapp, digitales Terminmanagement – der Nutzen der elektronischen Helfer im handlichen Format ist groß. Wenn sie denn machen, was man will – und man versteht, was sie wollen. Orientierungshilfe geben zertifizierte Digitalbotschafter wie Jürgen Soltau (76), Frank Wiening (62), Günter John (72) oder Fabian Steinhübel (29). Zu erreichen sind sie im Internet unter digital-botschafter.silver-tipps.de/, aber auch ganz klassisch von Angesicht zu Angesicht. Jeden zweiten Dienstag im Monat ist ihnen in der Stadtbibliothek ein kleiner Konferenzraum eingerichtet worden, wo sie (nach Anmeldung) eine offene Sprechstunde abhalten. Wegen der großen Nachfrage soll der PC- und Smartphonetreff ab 2024 ausgeweitet und an jedem zweiten und vierten Dienstag eines Monats besetzt sein.
Neutrale Beratung
An die Helfer können sich User im fortgeschrittenen Alter in allen elektronischen Notlagen wenden. Sei es bei der Installation eines Betriebssystems, sei es bei der Einrichtung der Benutzeroberfläche, sei es bei der Konfiguration eines Accounts. Die vom Land ausgebildeten Assistenten arbeiten nicht mit vorgegebenen Blaupausen, sondern geben autodidaktisch erworbenes Knowhow und Expertise weiter. Jürgen Soltau aus Oggersheim etwa ist firm bei Datensicherheit und Cloud-Verwaltung, Fabian Steinhübel aus West hat sich auf Apple-Geräte spezialisiert, Frank Wiening böte sich für Windows-Systeme an.
„Wir beraten neutral, geben keine Empfehlungen für ein Produkt oder eine Software“, grenzt sich Günter John klar von einer digitalen Kaffeefahrt ab. Für sichere Passwörter würden allenfalls Tipps gegeben, unter keinen Umständen würden sie zusammen mit Silver Surfern eingerichtet. Eine solche Aufdringlichkeit verträgt sich mit dem Ethos eines Digitalbotschafters ebenso wenig wie Produktempfehlungen. „Ich verweise allenfalls auf Testberichte in einschlägigen Magazinen“, zieht Soltau eine klare Grenze.
Sprechstunde in Stadtbibliothek
Wer Probleme damit hat, sein Smartphone, Tablet oder den PC zum Laufen zu bringen oder am Laufen zu halten, muss nicht bis zum nächsten Termin in der Stadtbibliothek warten. Die Digitalbotschafter kommen auch zu den Usern. Entweder nach einer individuellen Vereinbarung oder in einer der regelmäßig betreuten Senioreneinrichtungen. Dazu zählen etwa das Schillerstift in Oggersheim, das Maximiliansstift in Maxdorf oder das Café Digital in Mutterstadt. Solche Besuche ermöglichen es etwa der 94-jährigen Seniorin, zum ersten Mal per eingerichtetem Whatsapp mit der Familie zu kommunizieren.
Frank Wiening hat im Mutterstadter Seniorentreff bereits eine kleine Fangemeinde. Ein Dutzend ergrauter User trifft sich alle 14 Tage zum Stammtisch. Und kann dort alles fragen, was sie sich andernorts nicht anzusprechen trauen, um nicht als digitale Analphabeten dazustehen. Woher soll man auch wissen, wo und wie weit man klicken muss, um eine Verbindung zum Drucker herzustellen? Und soll man nun in blindem Vertrauen einem System-Update zustimmen, wenn ständig davor gewarnt wird, seine Zustimmung zu sorglos mit einem Klick zu erteilen?
Update oder Upgrade?
„Aus der irrationalen Angst heraus, etwas irreparabel auszulösen oder womöglich das Netz zum Absturz zu bringen, ist die Scheu groß, einen angeforderten Befehl bedenkenlos auszuführen“, weiß Steinhübel. Und kann die gesunde Skepsis verstehen. Diese Befangenheit zu thematisieren und zu nehmen ist Teil der Mission der Digitalbotschafter. Schließlich beruht die Bedienung von Apps und Software auf intuitiver Handhabung. Von der man sich Gebrauch zu machen traut, je mehr Routine und Sicherheit man im Umgang mit neuen Technologien erworben hat. Genau die wollen die Digitalbotschafter vermitteln.
Mitunter ist die Verwirrung viel elementarer. Was bedeutet überhaupt das Wort „Update“? Klingt so ähnlich wie „Upgrade“. Muss ich da aktiv werden, kann ich nicht mit meinem bisherigen System weiterarbeiten, das hat doch auch funktioniert? Von weiteren Fachausdrücken wie Cache oder Cookie ebenso zu schweigen wie von der Kunst, Fake-Mails von echten Nachrichten von der Bank oder der Post zu unterscheiden. „Da sind auch Profis oft nur einen Klick davon entfernt, zugespammt zu werden“, wissen die Digitalbotschafter.
Und manchmal schlägt das Schicksal zu und der Partner, der bisher die Geschäfte am Computer erledigt hat, kann die Datenverwaltung nicht mehr wahrnehmen. Wer sich dann in eine völlig neue Materie hineinwachsen muss, ist froh um jeden Ratschlag der PC- und Smartphone-Sanitäter, um sich durch digitales Dickicht zu schlagen. Das erspart so manche Blessur.
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