Frankenthal
Bundestagswahl 2021: Schwarz hat’s schwer erwischt
Die erfolgsverwöhnte CDU hat zum zweiten Mal in Folge bei Bundestagswahlen in Frankenthal erheblich an Zustimmung verloren. Alles Berlin, oder was?
Wenn’s läuft, rühmt man sich für eigene Verdienste. Geht’s in die Hose, dann muss der Bundes- oder Landestrend herhalten. Das ist ein Erklärungsmuster, das bei Wahlen unabhängig von politischer Couleur gerne und entsprechend häufig genutzt wird. Die Frankenthaler Christdemokraten sind am Sonntag ziemlich unter die Räder gekommen: Ihr Zweitstimmenanteil ist von 43,3 (2013) über 32,5 (2017) nun bei 22,0 Prozent angekommen – nahezu eine Halbierung über zwei Legislaturperioden hinweg.
Christian Baldauf, als Fraktionschef im Landtag und stellvertretender Parteichef der rheinland-pfälzischen CDU sicher der prominenteste Schwarze, lässt am Wahlabend Anflüge von Selbstkritik erkennen. Die Union kenne die tatsächlichen Nöte und Bedürfnisse der Menschen nicht mehr. Und das gilt, sagt Baldauf, auf allen Ebenen – von Berlin über Mainz bis nach Frankenthal. Der Herausforderer von Malu Dreyer bei den Landtagswahlen im März fordert vor allem eins: Erneuerung.
Die hiesige SPD hat mit fast acht Prozentpunkten Vorsprung das Direktmandat im Wahlkreis erobert. Alles Olaf, oder wie?
Dem Scholz-Effekt, also dem Zuspruch zum sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten, möchten zumindest die Mitbewerber vieles zuschreiben. CDU-Kreisvorsitzende Gabriele Bindert sieht darin gar den Grund für den Verlust des Direktmandats im Wahlkreis. Den siegreichen Bewerber der SPD, Christian Schreider, kenne in Frankenthal ihrem Empfinden nach niemand.
Selbst wenn das nach dem intensiven Haustürwahlkampf des 49 Jahre alten Juristen aus Ludwigshafen stimmen sollte: In Frankenthal hat er fast 800 Erststimmen mehr gehamstert als Christdemokrat Torbjörn Kartes (42), der nur in einem Fünftel der 49 Wahlbezirke in der Stadt die Nase vorn hatte – und das meist knapp. Insofern scheint die Strategie „Nah bei de Leut“ nicht die falsche gewesen zu sein. Dafür bekommt Schreider – kaum verwunderlich – viel Lob aus dem eigenen Lager: „Er hat in einer Art und Weise gerödelt, wie ich das selten gesehen habe“, sagt Landtagsabgeordneter Martin Haller (Lambsheim).
Manchmal spannender als das Ergebnis auf Bundesebene ist ja die Frage, wie die direkte Nachbarschaft so abgestimmt hat. Und: immer noch neugierig?
Bestimmt! Nur leider ist diese Neugierde angesichts der Anzahl von 12.728 Briefwählern gegenüber 10.519 Stimmabgaben an der Urne kaum zu befriedigen – zumindest wenn belastbare Zahlen gefragt sind. In manchen der Bezirke taucht nur ein gutes Viertel bis Drittel der Stimmberechtigten im Wahllokal auf. Die Briefwahlstimmen wiederum werden laut Angaben der Stadt nicht mehr ihrem Ursprungsbezirk zugeordnet. Um die politische Stimmungslage, beispielsweise in einem der Vororte, valide beurteilen zu können, reicht das eigentlich nicht. Und die Helfer in den 34 Wahllokalen hatten wohl auch schon aufregendere Einsätze im Dienst der Demokratie als den am vergangenen Sonntag.
Was heißt hier „eigentlich nicht“: Unterscheidet sich das Stimmverhalten von Brief- und Urnenwählern in Frankenthal so deutlich voneinander?
Das tut es. Übrigens bei allen Parteien in einem gewissen Maß. CDU, SPD und Grünen schneiden bei Briefwählern durch die Bank ein bisschen besser ab als an der Urne – zwischen einem und bis zu fünf Prozentpunkten. Etwas weniger beliebt bei Briefwählern sind FDP und Linke. Besonders krass ist dieser Effekt in Frankenthal allerdings bei der AfD: An der Urne unterstützen sie 17,6 Prozent der Wähler mit ihrer Zweitstimme; bei der Briefwahl ist der Zuspruch mit 8,7 Prozent um fast die Hälfte geringer.
Eine richtige Erklärung für das Phänomen haben die örtlichen Parteifunktionäre nicht. Hartmut Trapp, Kreis- und Fraktionsvorsitzender in Personalunion, sieht die Verluste der AfD insgesamt als Folge der „Panikmache“ der Bundesregierung während der Corona-Pandemie. Trapp meint, dass möglicherweise viele Sympathisanten seiner Partei dem Briefwahlverfahren nicht vertrauten.
Gibt es eigentlich auch Parteien oder Direktkandidaten, die gar keine Stimme von den Frankenthalern bekommen haben?
Selbst wenn in den Ergebnisübersichten bei manchen Listen 0,0 Prozent angegeben ist: Völlig ohne Stimme ist keine der zur Bundestagswahl angetretenen Parteien nach Hause gegangen. Die wenigsten Zweitstimmen – genau vier Stück – hat die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands gesammelt. Deren Kandidatin Lieselotte Seiberth ist gleichzeitig die Bewerberin mit den wenigsten Erststimmen: 19 Wähler sahen in ihr die passende Frau für Berlin. Jörg Schmihing