-Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel 100 Jahre Stadtbücherei: Die bewegte Geschichte der Einrichtung

Am 4. September 1922 wurde die Volksbücherei im Obergeschoss des Horn’schen Hauses, dem heutigen Erkenbert-Museum, eingeweiht.
Am 4. September 1922 wurde die Volksbücherei im Obergeschoss des Horn’schen Hauses, dem heutigen Erkenbert-Museum, eingeweiht.

Am Sonntag wird das 100-jährige Bestehen der Stadtbücherei mit einem Tag der offenen Tür gefeiert. Bis sich die Einrichtung so präsentierte, wie wir sie heute kennen, war es jedoch ein langer Weg. Mehrere Male musste sie umziehen und sich einer Neukonzeption unterziehen.

Bereits im 12. Jahrhundert gab es in Frankenthal eine Bibliothek. Sie befand sich im Augustiner-Chorherrenstift, der heutigen Erkenbert-Ruine, und war zusammen mit dem daran angeschlossenen Scriptorium (Schreibstube) weithin bekannt. Bis sich die Stadt nach dem Niedergang des Stifts in der Mitte des 16. Jahrhunderts wieder mit einer richtigen Bücherei schmücken konnte, mussten allerdings erst mehrere Jahrhunderte vergehen. Erst im 19. Jahrhundert war die Schulbildung so weit gediehen, dass Lesen und Schreiben nicht mehr allein ein Privileg des Klerus und der reichen Oberschicht waren, sondern alle Bevölkerungskreise erreichten.

Um das Bildungsniveau anzuheben, wurde die Einrichtung von öffentlichen Bibliotheken von der Politik forciert. Frankenthal bekam 1869 eine Kantonalbibliothek mit einem Grundstock von 100 Büchern. Der Bestand wuchs rasch, 1800 Bände wurden um die Jahrhundertwende registriert. Daneben gab es eine ganze Reihe von Vereinen und Institutionen, die eigene Bibliotheken unterhielten, wie die 1860 gegründete Casinogesellschaft, deren Bestand 2000 Bände umfasste, und die Zuckerfabrik, die einen Lesesaal für 25 Besucher einrichtete.

Stadtrat stellt Weichen

Die entscheidenden Weichen stellte der Stadtrat. Im Mai 1918 kam dort das Fehlen einer Bibliothek und Lesehalle zur Sprache. Am 25. Februar 1921 fiel der Beschluss, eine „Volksbücherei für die Stadt und den Bezirk Frankenthal“ einzurichten. Angeregt wurde, die Vereinsbibliotheken hierfür zusammenzulegen. Anna Metz, die der Volksbildungsverein vorgeschlagen hatte, wurde erste Leiterin der Bibliothek. Dazu nahm Metz an einem dreimonatigen Ausbildungskurs in Leipzig teil. Die bewilligten 10.000 Mark für die neue Einrichtung wurden bald auf 30.000 Mark erhöht.

Am 4. September 1922 wurde die neue Bücherei im Obergeschoss des Horn’schen Hauses, dem heutigen Erkenbert-Museum, eingeweiht. Der Lesesaal war an den Öffnungstagen von 9 bis 20 Uhr zugänglich, von 17 bis 19 Uhr konnten kostenlos Bücher ausgeliehen werden. Nicht zuletzt für die Landbevölkerung gab es zusätzliche Öffnungszeiten an den Markttagen von 9 bis 11 Uhr. Etwa 2500 Bände standen anfangs zur Verfügung. Angestrebt wurde eine „hohe ästhetische und pädagogische Ausrichtung des Ausleihbestandes“. An Unterhaltung oder den unterschiedlichen Geschmack der Leser dachte man nicht. „Das sind unsere Feierstündchen, die uns Licht bringen in des Tages Einerlei und Sorge der Jetztzeit“, schrieb die Frankenthaler Zeitung am 2. September 1922. 198 Bürger meldeten sich gleich im ersten Monat an, entliehen wurden 432 Bände „schöne Literatur“ und 98 Bände aus „belehrenden Wissensgebieten“.

Ella Buhles war als Leiterin von 1925 bis 1958 für alle Belange der Bücherei verantwortlich.
Ella Buhles war als Leiterin von 1925 bis 1958 für alle Belange der Bücherei verantwortlich.

Die regelmäßigen Rechenschaftsberichte in der Tageszeitung belegen den enormen Zuwachs an Lesern und Medien, den die Bücherei erlebte. Büchereileiterin Anna Metz wurde 1925 von Ella Buhles abgelöst, die das Amt bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs innehatte und nach einer kurzen Interimsphase 1950 auch wieder als Leiterin eingestellt wurde. Bis 1958 blieb Buhles verantwortlich für alle Belange der Bücherei. 1931/32 wurden für die inzwischen mehr als 6000 verfügbaren Bücher 26.048 Ausleihen registriert. „Der starke Besuch ist zum großen Teil auf die Erwerbslosigkeit zurückzuführen; es ist ein erfreuliches Zeichen, daß die Erwerbslosen ihre freie Zeit für das Lesen und Studieren guter Bücher verwenden“, hieß es damals von offizieller Seite. Aufgelistet wurden übrigens auch die Berufe der 2906 regelmäßigen Leser, Datenschutz war noch kein Thema.

Umzug folgt auf Umzug

Immer mehr rückte die Raumfrage in den Mittelpunkt. „Dieser ist kein Saal, auch kein Sälchen, nicht einmal ein Zimmer, sondern ein Kämmerlein“, schrieb die Frankenthaler Zeitung 1929 über den Lesesaal. 1932 zog die Volksbücherei ins größere Untergeschoss des Horn’schen Hauses um. Nach drei Jahren war dann aber auch dort Schluss, weil die Stadtsparkasse als Eigentümerin den Bau für ihre neue Geschäftsstelle beanspruchte.

Vollgestopfte Regale: So sah es 1930 im Innern der Einrichtung aus.
Vollgestopfte Regale: So sah es 1930 im Innern der Einrichtung aus.

Die Bücherei zog um in die Karolinenstraße. Sie befand sich etwa dort, wo heute der Wasserspielplatz in der Willy-Brandt-Anlage steht. Längst waren neue Zeiten angebrochen. Im April 1933 hatten die Nationalsozialisten in allen Bibliotheken die Durchforstung des Buchbestands angeordnet. Es sollte Platz geschafft werden für „das gute und völkische Schrifttum“. Schon zwei Jahre später stellte die Frankenthaler Zeitung beim „Blick in die Regale der Stadtbücherei“ fest: „Das deutsche Buch nimmt im Geistesleben der Stadt Frankenthal einen breiten Raum ein.“

Bücher gehen in Flammen auf

9000 Bände hatten sich angesammelt, 3500 bis 4000 davon waren ständig in der Ausleihe. Von den rund 4000 Lesern in der Kartei waren 45 Prozent Arbeiter, 20 Prozent Frauen, 20 Prozent Angestellte und 15 Prozent Jugendliche. Das wurde seinerzeit so interpretiert, dass „Frankenthal nach der Mentalität der Leser zur geistigen Oberschicht zu rechnen ist“.

In den 1930er-Jahren bekam die Bücherei in der Karolinenstraße ein neues Domizil.
In den 1930er-Jahren bekam die Bücherei in der Karolinenstraße ein neues Domizil.

Im Bombenhagel des 23. September 1943 gingen 13.000 Bücher in Flammen auf, die Bücherei wurde zerstört. Nur die Bände, die zu diesem Zeitpunkt ausgeliehen waren, blieben erhalten. „An eine Eröffnung der Bücherei ist in absehbarer Zeit nicht zu denken. Hier gibt es keine Zeit mehr zum Lesen,“ schrieb die desillusionierte Leiterin Ella Buhles an die staatliche Bibliotheksstelle in Kaiserslautern. Nachdem die ausgeliehenen Bände nach Presseaufrufen zurückgegeben waren, konnte im Dezember in einem Raum in der Schillerschule immerhin wieder eine Ausleihe eingerichtet werden.

Im neuen Rathaus

Nach dem Kriegsende ordnete die französische Militärverwaltung die Entnazifizierung des Bestands an. Mit den verbliebenen Bänden brachte man die Neuorganisation der Bücherei in Gang, zuerst im ehemaligen Ledigenheim der Zuckerfabrik, ab 1948 in einer Baracke am Röntgenplatz.

Nach dem Umzug ins Rathaus wurde eine moderne Jugendbücherei eingerichtet. Unser Bild stammt aus dem Jahr 1956.
Nach dem Umzug ins Rathaus wurde eine moderne Jugendbücherei eingerichtet. Unser Bild stammt aus dem Jahr 1956.

Mit dem Einzug ins neue Rathaus – dort wurde die Bücherei am 29. Mai 1954 eingeweiht – brach wieder eine neue Ära an. Auf 12.000 Bände war der Bestand inzwischen angewachsen. Im Seitenbau des Rathauses (westlich des Erkers) war im Erdgeschoss die Erwachsenenbücherei untergebracht. Im ersten Obergeschoss wurde eine moderne Jugend-Freihandbücherei eingerichtet. Für die Erwachsenen wurde erst 1961 nach entsprechenden Umbauten vom Thekenbetrieb auf die Freihandausleihe umgestellt. Fast drei Jahrzehnte lang blieb die Bibliothek, die 1957 von der Landesregierung als „Modellbücherei“ ausgezeichnet wurde, in ihrem Domizil am Rathausplatz. Doch auch dort war nach einigen Jahren die Platznot ein Thema.

So präsentierte sich 1966 die Erwachsenbibliothek.
So präsentierte sich 1966 die Erwachsenbibliothek.

Auf der Höhe der Zeit

Am 19. März 1982 wurde der dringend nötige Neubau in der Welschgasse 11 der Bevölkerung übergeben, der speziell für die Bedürfnisse einer Bücherei konzipiert war. Inzwischen sind vier weitere Jahrzehnte vergangen, in denen sich die Medienlandschaft sehr stark verändert hat. Die Stadtbücherei hat damit genauso Schritt gehalten wie mit der enormen technischen Entwicklung und kann sich anlässlich ihres 100-jährigen Bestehens, das am Sonntag, 4. September, von 11 bis 17 Uhr mit einem Tag der offenen Tür gefeiert wird, auf der Höhe der Zeit präsentieren.

Die Serie

Seit 100 Jahren können sich Frankenthaler in einer städtischen Bücherei mit Lektüre versorgen. Wir stellen in dieser Serie das Haus, die Menschen, die es prägen und die Entwicklungen der zurückliegenden Jahrzehnte vor.

x