Göllheim RHEINPFALZ Plus Artikel Zwischen Hingabe und Überforderung: Der Umzug ins Heim als Rettungsanker

Ein Sommertag im Seniorendomizil Haus Antonius in Göllheim. Dort leben auch die Angehörigen der drei Gesprächspartner.
Ein Sommertag im Seniorendomizil Haus Antonius in Göllheim. Dort leben auch die Angehörigen der drei Gesprächspartner.

Generationenaufgabe Pflege: Manchmal gelangen pflegende Angehörige an ihre Grenzen – oder sie gehen sogar noch darüber hinaus. Wie schwierig die Entscheidung war, die Mutter oder den Vater ins Heim zu geben, berichten drei Menschen.

Besonders wenn die zu Pflegenden unter einer schwerwiegenden Erkrankung wie Demenz leiden, gibt es viele überfordernde Situationen für die Angehörigen in der Pflege – und schließlich kommt häufig die Überlegung auf, die Pflege aus der Hand zu geben und den Umzug in ein Heim in Betracht zu ziehen. Das ist für Kinder und nahe Angehörige keine leichte Entscheidung. Sie machen sich vielleicht Vorwürfe und entwickeln ein schlechtes Gewissen.

Reiner Stein ist 70 Jahre alt. Seine 91-jährige Mutter wohnt seit zwei Jahren im Seniorendomizil Haus Antonius in Göllheim. Bis zu ihrem Einzug dort hat sie in ihrem eigenen Haus allein gelebt, nicht weit vom Sohn entfernt. Ähnlich sahen die Situationen bei Sylvia Enkler und Elke Hochmann aus. Auch bei ihnen lebte der 86-jährige Vater beziehungsweise die 82-jährige Mutter vorm Heimaufenthalt jeweils alleine in ihrer Umgebung. Der Umzug ins Seniorendomizil liegt ebenfalls knapp zwei Jahre zurück. In allen drei Familien gab es zunächst Versuche und Bemühungen, die Pflege der Eltern vor Ort und selbst zu übernehmen.

„Ich hatte und habe ein sehr enges Verhältnis zu meiner Mutter“, berichtet Stein. „Als das mit der Demenz anfing, war ich fast zwei Jahre lang jeden Tag bei ihr im Haus und habe alles gemacht: geputzt, den Garten gerichtet, gekocht, gewaschen, gebügelt. Und mich auch um die Hygiene gekümmert. Geschwister, die mich hätten unterstützen können, gibt es nicht. Aber ich habe alles gern gemacht.“

Irgendwann ist klar: „Es geht nicht mehr“

Längere Wege musste Sylvia Enkler, die 33 Jahre lang Mitinhaberin einer Bäckerei in Enkenbach-Alsenborn war, zurücklegen. Sie ist seit 14 Jahren Einwohnerin von Göllheim, ihre Eltern lebten in Rockenhausen. „2022 wurde die Bäckerei geschlossen und als dann im Februar meine Mutter starb, gab es einen richtigen Einbruch“, erzählt sie. „Papa wurde immer verwirrter, vernachlässigte den Hund und die Wohnung, wollte nicht allein sein, brauchte dringend Hilfe.“ Schließlich bestätigten Untersuchungen das, was schon offensichtlich schien: Die Diagnose lautete Demenz im fortgeschrittenen Stadium und Pflegestufe III.

„Ich konnte ihn nicht mehr allein lassen, das wäre für ihn zu gefährlich gewesen. Aber es hätte auch keinen Sinn gemacht, ihn bei mir aufzunehmen“, fährt Sylvia Enkler fort. „Geschwister, die hätten helfen können, habe ich keine. Einer meiner Söhne hat mich zwar bei der Betreuung unterstützt, aber es war auch zu zweit nicht mehr zu bewältigen. Es tat weh, aber ich musste es mir eingestehen: Es ging nicht mehr.“ Dann habe sie in Göllheim den Platz im Seniorenheim gefunden, nicht weit von ihrer Wohnung entfernt, erzählt sie weiter. Nach einem Krankenhausaufenthalt sei der Vater direkt dort eingezogen.

„Sie musste beschützt werden“

Bei Elke Hochmanns Mutter hatte sich die Demenz dagegen schleichend entwickelt. Die früher sehr sportliche Frau lebte noch bis kurz nach ihrem 80. Geburtstag im eigenen altersgerecht umgebauten Haus. Zwei Schlaganfälle beschleunigten allerdings das Fortschreiten der Krankheit erheblich. „Es tat weh, aber wir mussten uns entscheiden, sie in Dauerpflege zu geben“, sagt Elke Hochmann. „Die Rundumbetreuung, die notwendig wurde, konnten meine Schwester und ich – wir sind beide berufstätig – nicht gewährleisten. Sie musste beschützt werden.“

Die Reaktionen der drei Senioren auf den Umzug ins Heim waren – abhängig vom dementiellen Stadium – unterschiedlich. Reiner Steins Mutter war relativ lang nicht bereit, sich zu arrangieren. „Erst hat sie es gar nicht mitgekriegt“, erinnert er sich. „Dann wollte sie wieder heim. Ich habe oft mit ihr gesprochen und nach drei Wochen hat sie die Situation akzeptiert. Es ist inzwischen schon lange in Ordnung für sie, weil sie merkt, dass sie hier gut aufgehoben ist und sich jemand rund um die Uhr um sie kümmert.“

Job im Seniorendomizil gefunden

Bei Sylvia Enklers Vater zeigte sich die anfängliche Abwehr deutlich. „Nur alte Leute und Bekloppte seien in einem Heim, hat er gesagt“, berichtet sie. „Er wollte unbedingt zu mir in die Wohnung, was sein sich verschlimmernder Zustand nicht zuließ.“ Ein glücklicher Zufall hat dann die Gesamtsituation entspannt: Sylvia Enkler fand eine Arbeitsstelle im Haus Antonius, Vater und Tochter können sich also jeden Tag sehen und miteinander sprechen. „Das finden wir beide sehr attraktiv, mein Papa freut sich“, sagt die 63-Jährige. Elke Hochmann berichtet, ihre Mutter habe sich schnell eingefunden. „Allerdings erkennt sie nicht mehr viel, kann Dinge nicht mehr ein- und zuordnen.“

Wie ist es den drei Angehörigen damit ergangen, Vater oder Mutter ins Heim zu geben? „Nicht gut“, ist die einhellige Antwort. Elke Hochmann muss weinen, als sie über diesen Schritt spricht. „Das schlechte Gewissen geht nicht ganz weg. Aber ich bin mit der Betreuung hier sehr zufrieden. Meine Schwester und ich wechseln uns beim Besuchen ab; wir kommen jeden Tag her“, berichtet sie. „Immerhin erkennt unsere Mutter uns noch, was sehr schön ist.“

„Die Pflege hat mich völlig geschafft“

Auch Sylvia Enkler hat immer mal wieder mit unguten Gefühlen zu kämpfen. „Am Anfang fand ich es schlimm“, erinnert sie sich. „Aber jetzt, da ich meinen Arbeitsplatz im Heim habe, ist die Kontaktaufnahme mit meinem Vater so schön unkompliziert. Wir freuen uns beide, dass wir uns so häufig treffen können.“

Reiner Stein ist ebenfalls täglich im Haus Antonius. „Beim Umzug war es ein ganz doofes Gefühl. Eine Mischung aus Mitleid, Liebe und Schuldbewusstsein“, erzählt er. „Jetzt empfinde ich es eher als Beruhigung, weil sie hier rund um die Uhr gut aufgehoben ist.“ Und er habe sich auch wieder erholt, führt er weiter aus. „Ich wollte es zwar nicht wahrhaben, aber die Pflege meiner Mutter hatte mich völlig geschafft, ich konnte nicht mehr. Meine Freunde haben damals zu mir gesagt: ,Du gehst kaputt, wenn du so weitermachst.’ Heute steht für mich fest: Der Umzug war für alle Beteiligten eine gute Entscheidung.“

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