Donnersbergkreis Wutz und Bär in herzlicher Eintracht
15 Jahre offizieller Partnerschaft wurden 2017 in Tschernjachowsk gefeiert. Nun stand die Rückfeier in Kirchheimbolanden an. Abschluss und Höhepunkt vor der gestrigen Heimreise der Delegation: der Festakt am Donnerstagabend in der Stadthalle.
„Hat eigentlich schon einer einen Toast ausgebracht?“, fragt Jamill Sabbagh irgendwann in die große Runde. Nein? Dann muss das jetzt Tamara machen, Tamara Schatzkaja, die Frau mit dem großen Herzen, der legendären russischen Seele und auf Tschernjachowsker Seite von Beginn an ein Motor der Partnerschaft. „Lasst uns auf das Wichtigste in der Welt trinken, auf unsere Kinder und auf dass sie immer glücklich sind“, hebt sie an. Dafür sei ein friedlicher Himmel über unseren Köpfen das Wichtigste. Und diesen zerbrechlichen Frieden gelte es zu schützen, „unabhängig davon, wo wir wohnen“. Na sdarowje! Die rund 100 Gäste des Festakts, an elf festlich gedeckten runden Tischen, haben mit einem friedvollen, herzlichen Miteinander nicht das geringste Problem. Gerade darum streicht Stadtbürgermeister Klaus Hartmüller unter Beifall den Wert von Partnerschaften auf unterster Ebene als „heute wichtiger denn je“ heraus. Und würdigt mit dem ehemaligen Dekan Klaus Burmeister und dessen Kontakten in die frühere Heimat Insterburg die „Initialzündung“ für die seit einem Vierteljahrhundert währende Freundschaft beider Städte, die 2002 in einen offiziellen Vertrag mündete. Als „unschätzbar“ sieht diese Kontakte und deren in Zukunft angestrebte weitere Vertiefung auch der stellvertretende Bürgermeister Ivan Semchenko. Er bedankt sich bei der Stadt und der federführenden Donnersberger Initiative für Menschen in Not für Organisation und ein proppenvolles Rahmenprogramm über alle Besuchstage. Ihn habe, sagt Semchenko am Rande der RHEINPFALZ, neben immer spürbarer Gastfreundschaft besonders die Fahrt nach Darmstadt beeindruckt, der Besuch der orthodoxen Kirche, aber auch die dort erlebbaren gemeinsamen historischen Bezüge: Russische Zaren erwählten mehrfach Prinzessinnen aus dem Hause Hessen-Darmstadt zu Gemahlinnen. Doch der Abschiedsabend setzt nun auch für Semchenko noch eins drauf. Kulturelle und kulinarische Leckerbissen wechseln einander ab. Sabbagh, munterer Moderator voller Anekdoten, hat dabei die nicht leichte Aufgabe, das eine wie das andere möglichst wenig aus dem Programm-Takt geraten zu lassen. Aber irgendwann interessiert das wohl niemanden mehr. Denn auf Sofie Bender, die mit vier klassischen Darbietungen am Flügel die künstlerische Latte zu Beginn schon mal hoch legt, folgen im Laufe des Abends kurzweilig der Frauenchor „Inspiration“ der Tschernjachowsker Musikschule mit seinen weichen, klangschönen Stimmen, ein deutsch-russisches Duo aus Angelika Tropf (Klarinette) und Eleonora Chudjakowa (Klavier), schließlich Tropf mit Bernd Knell (Gitarre, Gesang) und Marianneli Spratte (Geige) mit einer internationalen Lied-Auswahl. Den umjubelten Kracher im Programm aber liefert die Ballettschule Flex & Point. Eingebettet in Solodarbietungen im klassischen Spitzentanz von Helena Knecht und einem feurigen Tango von Sabine Metzger, ist das die große Tanznummer „Moskau“. Dann knallen die Hacken der in prächtige Kostüme und aufwendigen Kopfschmuck gewandeten Mädchen zu russischer Folklore, ehe sich das Ganze mit dem Dschingis-Khan-Hit „Moskau“ voll in den Pop dreht. Hier wie auch bei dem in die Beine gehenden, orientalisch durchwehten Popsong „Djewuschka krasawitza“ von Arash ist die Begeisterung riesig. Vorerst aber ehrt Stadtchef Hartmüller jene, die über lange Zeit diese Partnerschaft am Leben gehalten haben. Sein Amtskollege Semchenko ist zwar erst seit einigen Monaten im Amt, empfängt die Jubiläumsgabe zum 650. Stadtjubiläum und eine goldglänzende Wutz aber stellvertretend für alle Bürger von Tschernjachowsk. Tamara Schatzkaja würzt ihre Ehrung abermals mit einer Art Toast: „Liebt das Leben, und das Leben wird euch lieben.“ Mit Dolmetscherin Marina Terekhina wird nicht nur die meistbeschäftigte Frau des Abends, sondern eine langjährige Helferin gewürdigt, mit Hermann Fürwitt ein unermüdlicher Aktivist von Anfang an, „ohne den die Partnerschaft nicht das wäre, was sie heute ist“, wie Hartmüller hervorhebt und dabei auch an die Leistungen von Elmar Funk erinnert. Nicht minder trifft dies auf Monika Sandmeier zu, die als guter Geist überall zur Stelle ist und die unglaubliche Bilanz von 37 Tschernjachowsk-Fahrten aufweist. Schließlich Sabbagh selbst, heute „Kopf der Partnerschaft“, dessen „Not“-Initiative viel soziale Unterstützung in Tschernjachowsk leistet. Tschernjachowsks Vize-Bürgermeister verteilt originelle Geschenke an Offizielle wie Aktivisten der Partnerschaft, so einen großen Honigtopf an Hartmüller, da das Tschernjachowsker Wappentier, der Bär, bekanntlich diese Leckerei liebt. Für Dieter Runck und Robert Lemke, zwei weitere Aktive, ebenso wie für VG-Beigeordneten Wilfried Pick gibt es Glocken mit dem Stadtwappen. Für Sabbagh warme Filzhausschuhe mit aufgestickten Fußbällen. Die Damen der Musikschule ehren ihrerseits Frauen, die ihnen besonders ans Herz gewachsen sind, toppen die Fußball-Symbolik aber noch durch Überreichen eines Glaspokals mit dem Symbol der aktuellen WM. Und in diesem Rahmen ist’s vermutlich nicht einmal Salz in die offene deutsche Wunde, wenn eine von ihnen meint: „Russland kann ja noch hoffen ...“