Donnersbergkreis „Wir wollen Ärzten mehr Infos bieten“

Kaiserslautern. Hinter dem Begriff Telemedizin verbirgt sich – grob gesagt – medizinische Betreuung mittels neuer Technologien. Einzelne Werte von Patienten, beispielsweise der Blutdruck, werden von Fachleuten begutachtet und, falls notwendig, ein Arzt informiert. Was heute schon möglich ist und wie weit die Entwicklung noch gehen kann, darüber hat sich Andreas Sebald mit Silke Steinbach, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering (IESE) unterhalten.
Telemedizin ist ein Oberbegriff. Eine Form der Telemedizin ist das Telemonitoring. Hier übermitteln Patienten Informationen zum Beispiel über das Internet. Diese werden dann von einem Arzt gesichtet und ausgewertet. Die Patienten und der betreuende Arzt erhalten regelmäßige Rückmeldungen. Diese Informationen unterstützen Diagnostik, Therapie und Rehabilitation – ersetzen sie aber nicht. In Kaiserslautern gab es ein konkretes Projekt dazu. Richtig. Das Mainzer Gesundheitsministerium hat im Rahmen der Initiative Gesundheit und Pflege 2020 ein Projekt gefördert, in dem von 2012 bis 2014 am Westpfalzklinikum Kaiserslautern 100 Patienten mit einer chronischen Herzschwäche telemedizinisch betreut wurden. Wurde nur der Blutdruck gemessen? Nein, neben dem Blutdruck wurden weitere sogenannte Vitalparameter wie zum Beispiel Gewicht oder der Puls erhoben, um den Krankheitsverlauf zu beobachten. Auch gesendete Informationen implantierter Geräte, zum Beispiel Herzschrittmachern, wurden beobachtet. So wird ein sehr hohes Maß an Sicherheit zwischen den normalen Kontrollbesuchen beim Hausarzt oder Kardiologen erreicht, weil auf kritische Situationen sofort reagiert werden kann. Wie ist das abgelaufen? Der Patient hat ein Blutdruckmessgerät bekommen sowie eine Waage und ein Smartphone dazu. Waage und Messgerät verbinden sich nach der Messung automatisch via Bluetooth mit dem Handy, das die Daten dann an einen speziellen Server sendet. Der Server und die Software zur Auswertung wurden durch unseren Projektpartner Vitaphone, einem Telemedizindienstleister, bereitgestellt. Verstehe. Und wie ging es mit den Daten weiter? Im Westpfalzklinikum wurden dann die Daten von Fachleuten ausgewertet und überwacht. Beispielsweise wurde auch geschaut, ob alle Patienten ihre Werte übermittelt hatten. War das nicht der Fall, wurden die Patienten angerufen und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Auch wenn die Werte auffällig waren, wurde angerufen, um die Situation zu klären und zu beraten, welche medizinische Maßnahme angeraten ist. Zum Beispiel ob der Hausarzt konsultiert werden sollte. Das Beispiel zeigt auch, was Telemedizin nicht ist. Und das wäre? Telemedizin kann keine Ferndiagnosen stellen. Schon gar nicht werden automatische Notrufe ausgelöst und Rettungswagen angefordert. Es geht um eine bessere Überwachung von Daten. Bei dem Projekt konnten langfristig Werte beobachtet werden. Werte, die bei normalen Bedingungen vielleicht nur ein paar Mal im Jahr in der Arztpraxis überprüft werden. Muss der Patient dann überhaupt noch zum Arzt? Sicher. Ganz deutlich: Wir wollen keine Konkurrenz zu den Haus- und Fachärzten aufbauen, im Gegenteil. Wir wollen die Bindung zum Arzt nicht trennen, sondern dem Arzt mehr Infos bieten. In monatlichen Berichten erfährt er mehr über den Zustand des Patienten in seiner häuslichen Umgebung. Und: Die Telemedizin muss eng mit den Hausärzten zusammen arbeiten, denn er ist und bleibt erster Ansprechpartner und trifft alle Entscheidungen zur Therapie. Wie waren die Reaktionen der Patienten? Die waren durchweg positiv. Bei einer Befragung waren mehr als 90 Prozent der Teilnehmer „sehr zufrieden“ und „zufrieden“ mit dem Projekt. Einige Patienten sagten auch, dass sie sich bei dem Projekt sicherer fühlten, aufgrund der Tatsache, dass ihre Werte täglich überprüft wurden. In dem Projekt, das Ende 2014 ausgelaufen ist, wurden Patienten mit Herzschwäche betreut. Welche Patienten kommen noch für Telemedizin infrage? Geeignet sind alle Patienten, die an chronischen Krankheiten leiden. Diabetiker zum Beispiel, da müssen ja auch spezielle Werte ständig im Auge behalten werden. Dadurch, dass die Werte ständig überprüft werden, ist eine Dokumentation gut möglich, die dann dem Hausarzt erlaubt, eine gute Verlaufsdiagnose zu stellen, da plötzlich viele Werte täglich zu Verfügung stehen. Ebenfalls denkbar sind Einsatzmöglichkeiten bei psychischen Erkrankungen, beispielsweise Depressionen. Dann, wenn auch Kommunikation und Beratung eine Rolle spielen. Durch den täglichen Kontakt können so Veränderungen im Verhalten bei den Patienten schneller bemerkt werden. Wie geht es weiter? Die Studien im Westpfalzklinikum sind abgeschlossen. Aktuell erproben wir in einem vergleichbaren Projekt im Raum Bitburg gemeinsam mit dem Marienhaus Klinikum Eifel Bitburg, ob sich das Modell auf andere Regionen übertragen lässt. Wir würden uns freuen, wenn vergleichbare Projekte flächendeckend im Land eingeführt werden würden.