Donnersbergkreis „Wir lernen gegenseitig voneinander“

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Ein Morgen wie viele im Protestantischen Kindergarten in Bolanden. Gerade hat Benedict Lohr-Speck aus Worms, seit Ostern Praktikant, Teewasser gefiltert und das Frühstücksobst vorbereitet. Zuvor hat er dafür gesorgt, dass die Jacken und Schuhe der Kinder nach Namen geordnet an ihrem Platz sind und nicht durch den Gang fliegen. Männer sind in diesem Beruf leider rar, Benedict gehört einer besonderen Minderheit an: Er ist vom Down-Syndrom gezeichnet, einer Chromosomenanomalie. Schon seit letztem November kam er jeden Donnerstag nach Bolanden – als Vorleser.

„Tief unten auf dem Meeresgrund steht das Schloss des Meerkönigs“ – in einem kleineren Nebenraum lauschen Lea, Adrian und Caroline dem Märchen von der kleinen Meerjungfrau. Reihum dürfen sie die „Geheimnisklappen“ des bunten Bilderbuchs öffnen. Zwischendurch zählen sie die Seepferdchen, die die Königskutsche ziehen. „Das macht Spaß, den Kindern vorzulesen“, sagt der 23-Jährige, „das brauchen die!“ Gleich danach klinkt er sich in eine „Männerrunde“ in der Bauecke ein und hilft Leon, einen Turm aus knallbunten Plastiksteinen hochzuziehen. Bald muss der Vierjährige auf einen Stuhl steigen, so groß ist das Bauwerk schon. Benedict stabilisiert es und wühlt nach weiteren Steinen in der Kiste. Er strahlt: „Ich liebe das! Es macht Spaß, mit den Kindern zu spielen!“ Plötzlich werden alle Mal- und Basteltische zusammengerückt, im Nu hat sich aus der Sonnengruppe eine Kinderschlange gebildet und singt: „Husch, husch, husch, die Eisenbahn... “ Die fährt schnurstracks ab in den Waschraum zum Händewaschen, gleich wird zusammen gefrühstückt. Erzieherin Martina Sprengel erzählt, dass sich der neue Mann gut entwickelt hat. Anfangs war für ihn der Geräuschpegel von 21 Drei- bis Sechsjährigen gewöhnungsbedürftig, und er brauchte kleine Auszeiten – inzwischen stört ihn Kinderlärm kaum noch. „Die Kinder spielen gerne mit ihm, und sehr zuverlässig hilft er beim Frühstücksablauf.“ Oder bei der Bildungsbegleitung, aktuelles Thema: „Die vier Jahreszeiten“. Im Frühling suchte man die blühenden Sträucher ringsum auf und lernte ihre Namen, im Kindergarten wurden sie dann mit Wasserfarben gemalt. Benedict, musikalisch talentiert, möchte die Kleinen mit Vivaldis „Frühling“ und „Sommer“ bekannt machen, vielleicht wird er beim Sommerfest Keybord spielen. Kiga- Leiterin Stefanie Ulbrich beurteilt den Praktikanten rundum positiv. „Nicht nur die Kinder mögen ihn – von den Eltern wird er genauso geschätzt. Ich bin dankbar, dass er zu uns gekommen ist, denn wir lernen gegenseitig voneinander. Es ist wichtig, dass sich die Gesellschaft in dieser Hinsicht weiter entwickelt.“ 27 Monate dauert Benedicts Ausbildungszeit zum Schulhelfer beziehungsweise -Assistenten an der Grundschule Bolanden, die die Qualifizierungsmaßnahmen trägt – außerhalb und als Alternative zur Berufsschule in der Werkstatt für behinderte Menschen. Mit dieser Ausbildung soll sein Aufgabengebiet von der Unterstützung der Erzieher/ Lehrer im Unterricht und im sozialen Umfeld auf dem Schulhof, in der Verwaltung und Hauswirtschaft bis hin zu leichten Hausmeisteraufgaben reichen. Maßgabe sind weitere unterschiedliche Praktika nach den derzeitigen drei Monaten vor Ort. Angedacht sind hier ein Altenpflegeheim in Mainz und Inklusive Schulen in Gau-Odernheim, Mainz und im Wormser Raum. Danach kehrt Benedict wieder an seine Stammschule in Bolanden zurück, an der er bereits ein soziales Jahr ableistete. Ebenso ist ein Mobilitätstraining geplant, das dem jungen Mann die Fahrt per Bus oder Bahn zum Arbeitsplatz ermöglicht. Schon als Kleinkind wurde er von der Mainzer „Pep“ begleitet, der „Praxis für Entwicklungspädagogik“. Sie widmet sich Menschen mit geistigen Entwicklungsbesonderheiten, ausgehend von der jeweiligen Individualität. Erklärtes Ziel sind die Erlangung und der Erhalt größtmöglicher Alltagskompetenz und Selbstständigkeit. Als Sechsjähriger wurde Benedict einer Förderschule zugeteilt. Nach dem vehementen Einspruch der Eltern konnte er die integrative Goetheschule im hessischen Lampertheim besuchen, bis dort nach der vierten Klasse die integrative Beschulung in Hessen auslief. Vor dem rheinland-pfälzischen Verwaltungsgericht erstritten die Eltern schließlich die Aufnahme in die Integrierte Gesamtschule Ludwigshafen-Gartenstadt, wo ihr Sohn „in wohnortnaher Beschulung“ die 13. Klasse absolvierte. Jahrelang fuhr die Mutter täglich zur Schule hin und zurück, ab der sechsten Klasse wurde der Junge vom Schulträger in die Behindertenbeförderung aufgenommen. „Wir sind in gewisser Weise Vorreiter“, konstatiert der Vater, der lebenswertes Leben als Teilhabe an der Gesellschaft versteht. „Aufnahme geistig behinderter Kinder in eine weiterführende Schule ist noch immer nicht die Regel – im ländlichen Raum vielleicht doch eher.“ Vom Lernstoff überfordert sah er Benedict nicht: „Kinder haben einen guten Abwehrmechanismus gegen Überforderung.“ Als pädagogische Fachkraft steht dem Praktikanten Benedict Lohr-Speck die Erzieherin Christin Stepponat im Verlauf der gesamten Qualifizierungsmaßnahme zur Seite. Wenn man so will, ist er ihr Arbeitgeber, finanziert wird ihr Einsatz im Rahmen des persönlichen Budgets vom Arbeitsamt. Sie selber sieht sich als „Schatten Benedicts, immer bei ihm, aber im Hintergrund“ – nach dem Grundsatz Maria Montessoris: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Umzusetzende Ideen sollen von Benedict selber kommen. Gemeinsam überlegen beide, was man verbessern oder verändern, wie man Schwächen ausgleichen und Stärken vertiefen könnte. Es geht dabei auch um Teamfähigkeit mit den Kollegen. „Ich nehme ihn als Gleichaltrigen wahr“, sagt die Ansprechpartnerin. „Dabei ist er keinesfalls pauschal zu sehen: Jeder Mensch sollte seinen Weg nach Begabung und Interesse finden. Inklusion beginnt im Kopf – nicht in Institutionen.“

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