Donnersbergkreis
Winnweiler: Ein halbes Jahrhundert für Rosen, Tulpen, Nelken – Das Ehepaar Hess geht in den Ruhestand.
Einst tauschte er die Fußballschuhe gegen die Floristik – und der blieb er dann 52 Jahre treu: Doch nach über einem halben Jahrhundert ist für Robert Hess und seine Frau Margot vom Blumen Groß- und Einzelhandel Hess in der Winnweilerer Kirchstraße Schluss. Jetzt haben sie ihren Platz hinter der Ladentheke mit zahlreichen Erinnerungen im Gepäck verlassen und die Ladenschlüssel an ihre Nachfolger übergeben.
Dass er einmal Jahrzehnte lang erfolgreich ein eigenes Blumengeschäft samt Großhandel führen würde, hätte sich Robert Hess in jungen Jahren nie träumen lassen. Als er nach seiner abgeschlossenen Bergmannlehre 1961 aus Gelsenkirchen wieder nach Winnweiler übersiedelte, hatte er eigentlich andere Pläne im Sinn. „Damals spielte ich in der Jugend in Gelsenkirchen Fußball. Darüber habe ich einen späteren Trainer vom FC Kaiserslautern kennengelernt, der mich dort irgendwie unterbringen wollte“, erinnert sich der heute 76-Jährige an den Grund für seine Rückkehr.
Der Stollenschuh beendet den Traum
Doch zuhause platzte der Traum von der Fußballkarriere, noch bevor er beginnen konnte. „An den Wochenenden spielte ich viel Fußball in Winnweiler. Bei einer Begegnung auf dem Fußballplatz trat mir ein Spieler der gegnerischen Mannschaft mit den Stollen auf den Fuß. Da war's erst einmal vorbei mit Vorspielen beim FCK“, weiß Hess noch genau.
Die Idee, sich ein Standbein mit der Floristik aufzubauen, entstand jedoch erst einige Zeit später: Über seinen damaligen Arbeitgeber Sinalco in Mehlingen belieferte Robert Hess einen Blumengroßhändler mit Getränken, bei dem er später als Fahrer einstieg und Blumengeschäfte im Umkreis anfuhr. Diese Gelegenheit nutzte Hess, um sich langsam an die Selbstständigkeit heranzutasten: „Ab diesem Zeitpunkt habe ich angefangen, selbst ein Blumengeschäft in Form von einem Kleingewerbe aufzubauen, in dem wir Sträuße für den Friedhof gebunden und verkauft haben.“
Nach nur kurzer Zeit sei die Nachfrage unter den Menschen in Winnweiler so gewachsen, dass er sich ab 1970 nur noch auf sein eigenes Ladengeschäft samt Blumengroßhandel konzentrieren konnte. „Bis vor einigen Jahren habe ich viele Blumengeschäfte in der ganzen Pfalz beliefert“, blickt Hess stolz zurück. Vor allem in den 1970ern und 80ern Jahren habe der Blumenhandel seiner Erfahrung nach seine Hochzeiten erlebt: „Damals waren Rosen, Nelken und Chrysanthemen beliebt. Viele neuere Blumenarten habe ich in meinem Großhandel erst einmal eingeführt. Heute gehen Rosen und Gerbera aber auch wieder gut“.
Konkurrenz durch Supermärkte
Nach dieser Zeit habe sich das Geschäft wahrnehmbar verändert – zum Leidwesen vieler Blumenläden, weiß Hess: „Danach gab es Supermärkte, die die Blumen günstiger angeboten haben, als wir sie einkaufen konnten.“ Auch die Blumenfelder zum Selbstschneiden und die zurückgegangene Nachfrage hinsichtlich der Friedhofsbepflanzung seien gravierend gewesen. „Die Bestattungsformen haben sich geändert. Es gibt mittlerweile viele Urnenbestattungen und Wiesengräber. In den Friedwäldern darf beispielsweise gar nichts mehr an Gestecken abgelegt werden“, spricht Margot Reimer-Hess aus Erfahrung, „Ein Grund dafür ist sicherlich die Kostenfrage. Zum anderen stirbt die Friedhofgeneration aus. Die jungen Menschen gehen dort nicht mehr hin.“ Früher habe Hess 30 bis 40 Kränze pro Woche für Beerdigungen gewickelt und habe meist zwei Fahrten pro Beerdigung machen müssen. Heute könne er mit einer Fahrt vier bis fünf Beerdigungen abwickeln, ergänzt Hess zur Veranschaulichung.
Mit dem Gedanken, das Geschäft deswegen viele Jahre früher aufzugeben, spielte das Paar allerdings nicht. Erst nachdem eine angestellte Floristin in Erwägung zog, den Laden von den beiden zu übernehmen, fassten sie diese Idee näher ins Auge. Doch die Floristin sprang ab. Stattdessen zeigten Lisa Denowell und Hans-Peter Dech von Blütenzauber in Sippersfeld Interesse. Sie werden ab August das Ladengeschäft der Familie Hess unter dem bisherigen Namen in Winnweiler übernehmen.
„Mir war immer am wichtigsten, dass man zu den Kunden freundlich ist und mit ihnen Informationen zu den Pflanzen austauscht und auf ihre Wünsche eingeht“, berichtet die gelernte Floristin Margot Reimer-Hess. Beispielsweise sei vor Kurzem eine Kundin auf sie zugekommen, die im Auftrag eines älteren Mann ein Sargbouquet aus Gladiolen bestellen wollte. Der Mann hatte aber nicht viel Geld zur Verfügung. „Leider hatten wir keine Gladiolen im Laden. Also brachte mir die Frau Gladiolen vom Feld zum Selbstschneiden und ich habe daraus ein Gesteck gemacht. Die beiden waren glücklich über das schöne Gesteck, und ich war es auch“, war Reimer-Hess froh darüber, anderen eine Freude gemacht zu haben.
Zeit für Bücher und Gartenarbeit
Nach einem Unfall von Robert Hess endet die Arbeit im Großhandel vor acht Jahren. Dass jetzt auch die Ära des Ladengeschäfts vorbei ist, betrachten sie mit „einem weinenden und einem lachenden Auge“. Es gebe viele Ereignisse wie Hochzeiten, aber auch Beerdigungen – Freud und Leid – , an die man sich noch lange zurückerinnern werde. Jedoch nicht vermissen wird Robert Hess die morgendliche Schlepperei. „Während der Gladiolenzeit habe ich früher innerhalb von zwei Tagen 3000 bis 4000 Gladiolen verkauft. Die wurden immer in langen Kästen geliefert. Vollgesaut mit Wasser, und weil man die Blumen so eng packen kann, haben die meist anderthalb Zentner gewogen. Zehn bis 15 Kisten musste ich davon verladen – und das noch vorm Frühstück“, erinnert sich Hess lachend.
Die neugewonnene freie Zeit will der leidenschaftliche Fußballfan damit verbringen, dem ASV beim Spielen zu zusehen oder den eigenen Garten auf Vordermann zu bringen. Auch seine Frau hat Ideen: „Ich möchte morgens laufen gehen und mal wieder in Ruhe ein Buch lesen. Da geh ich auf Wanderschaft. Unlängst war ich so bei den Huskys in Kanada“. Dann soll nach und nach im Haus von Grund auf geräumt werden. Einen faulen Lenz wollen sich die beiden Blumenfreunde aber auch in Zukunft nicht machen: Es wird weiterhin zwischen 6 und halb 7 aufgestanden, gefrühstückt und dann geht’s los.“