KIRCHHEIMBOLANDEN
Wie trifft die Corona-Krise die Winzer im Donnersbergkreis?
„Innerlich haben wir uns schon von allen Weinfesten in diesem Jahr verabschiedet“, sagt Georg Schwedhelm, der gemeinsam mit seinem Bruder Stephan das Weingut Schwedhelm in Zell leitet. Das Residenzfest in Kirchheimbolanden und der Open Friday hier im Zellertal täten ihm dabei besonders weh, sagt er, „vor allem, weil der Open Friday in letzter Zeit so gut angenommen wurde“.
Der Absatz in der Gastronomie und im Fachhandel sei ihm fast komplett weggebrochen, auch die Exportmärkte reagierten sehr zurückhaltend. Dafür habe aber der Weinversand über den Onlinehandel deutlich zugelegt, der Ab-Hof-Verkauf sei fast gleichgeblieben.„Die Schwierigkeit ist, dass niemand abschätzen kann, wann es Lockerungen gibt, wann es wieder weitergehen kann. Aber immerhin habe ich noch Hoffnung, was unseren nächsten Open Friday im Oktober angeht.“ Georg Schwedhelm denkt für den Herbst auch schon über kleinere Veranstaltungsreihen im Weingut nach: „Das sind im Moment aber natürlich noch Hirngespinste, so lange es von ’oben’ noch keine Regelungen gibt. Die Frage ist, einfach, ab wann wir wieder dürfen.“ Das Gute sei, so sagt er, dass auf dem Weingut jetzt auch mal Projekte angegangen werden können, die im Stapel ganz unten liegen: „Die Welt vor Corona war eine schnelle, wir haben uns betrieblich in den letzten Jahren sehr rasch entwickelt und mussten im normalen Arbeitsalltag vielfach Feuerwehr spielen und reagieren. Jetzt kann ich proaktiv einige Dinge angehen, die mehr Zeit und Planung brauchen.“
Gerade freut er sich auf die nächste Ausgabe eines Online-Livetastings, das er seit ein paar Wochen gemeinsam mit einem Großhändler für dessen Kunden anbietet. Das Ganze funktioniert über eine Liveschaltung: Die Händler haben zuhause die Weine vor sich und probieren sie, während Georg Schwedhelm live am Wotanfels bei Zell vor der Kamera steht und den Händlern diese Weine vorstellt. „Damit erreichen wir Fachhändler von Norderney bis München, und ich kann direkt im Weinberg stehen und zeigen, wo die Weine wachsen, was hier vor Ort passiert. Das ist eine tolle Sache und eine ganz andere Art zu vermarkten, als wenn ich ’nur’ bei den Händlern am Tisch sitze.“ Eine solche Lösung wäre vor zwei Monaten noch undenkbar gewesen, da habe die Krise völlig neue Wege bereitet, so Schwedhelm. „Natürlich ist das alles aus der Not geboren, ich kann mir aber vorstellen, dass man solche Live-Tastings auch nach Corona noch macht, weil man einfach den Mehrwert darin sieht.“
Freude über treue Kunden
„Soweit alles im grünen Bereich“, vermeldet Jörg Bayer vom Wein- und Sektgut Martinspforte in Einselthum: „Natürlich läuft das Geschäft in der Gastronomie im Moment gar nicht, aber wir haben zum Glück rund 80 Prozent Privatkunden, zu denen wir in den letzten Jahren immer guten Kontakt gehalten haben – wir verzeichnen in diesem Bereich sogar eher eine Zunahme als einen Rückgang.“ Jörg Bayer ist froh um seine treue Kundschaft: „Wir sind sehr glücklich, dass wir so tolle Kunden haben, die uns in dieser unschönen und angespannten Zeit die Treue halten.“ Ein Teil der Kunden rufe an und bestelle vor, „ein Teil kommt auch einfach rein und kauft vor Ort, wir haben ja Platz in der Vinothek und können daher auch die Abstände gut einhalten“. Der Weinversand werde ebenfalls verstärkt angenommen. Die kommenden Weinfeste sieht Jörg Bayer aber noch als große Unbekannte: „Die Einselthumer Weinkerwe und unser Jazzfrühschoppen stehen an, natürlich auch das Residenzfest, aber das steht ja alles noch in den Sternen. Wir warten ab. Alles, was in drei Monaten ist, das würde ich erst mal auf mich zukommen lassen und schauen, wie dann die Lage ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt, wir sind mal verhalten optimistisch.“
„Die Lücke ist nicht zu füllen“
Dirk Himmel vom Weingut Schwan in Niefernheim bereitet der Wegfall des Gastronomiegeschäftes mehr Sorgen: „Wir machen ein gutes Drittel unseres Umsatzes mit der Gastronomie, aber bei uns ist ja alles immer ein bisschen zeitversetzt“, sagt er, „momentan merken wir noch nicht viel an Umsatzeinbußen, aber wir liefern auch nur alle fünf bis sechs Wochen Wein an die Gastronomie aus – bei der nächsten Auslieferung werden wir sicher merken, viel stark der Rückgang ist.“ Im Privatkundenbereich laufe dafür alles gut bis sehr gut. Das Weingut Schwan hat seine Kunden deutschlandweit; die Kundschaft von weiter weg, die „sonst auch mal zwei Stunden zum Weingut fährt“, wie Dirk Himmel sagt, komme zwar im Moment nicht, dafür sei der Versandhandel aber mehr geworden. Auch Abholungen auf dem Hof gibt es wie gehabt. „Das läuft relativ normal“, sagt Dirk Himmel, „natürlich hält man auf dem Hof dann Abstand und gibt den Kunden nicht die Hand, aber wir lassen uns natürlich schon noch blicken und wickeln die Abholungen nicht total anonym ab.“ Dirk Himmel macht sich keine Illusionen darüber, ob er den entstandenen Verlust wieder reinholen kann: „Ich mache mir da keine großen Hoffnungen, die Lücke wird kommen und die werden wir auch nicht mehr füllen können. Ich glaube nicht, dass nach dem Ende der Krise plötzlich ein Ansturm auf Wein kommt.“
Buchungen auf Monate storniert
Ähnlich sieht es Alexander Roos vom Weinschlösschen im Weingut Michel-Roos in Ilbesheim. Das Weingut vertreibt seine Weine fast komplett selbst, die Lieferungen an Privatkunden und auch der Ab-Hof-Verkauf laufe wie sonst. „Dafür nehmen viele Gastronomen gar nichts mehr ab“, sagt Alexander Roos, „das Geschäft ist einfach weggefallen. Da werden wir auch den ganzen Rest des Jahres merken, dass uns die Einnahmen fehlen. Auch die Weinfeste und die großen Märkte, wie zum Beispiel der Mannheimer Maimarkt, und das damit verbundene Nachfolgegeschäft sind wichtig für uns. Wir betreiben da viel Neukundenakquise und Bestandskundenpflege, das fällt alles weg – und das werden wir mit Sicherheit spüren.“
Zum Weinschlösschen gehören aber nicht nur das Weingut, sondern auch eine Pension und ein Restaurant. In der Pension seien Mitte März innerhalb von zwei Tagen fast alle Buchungen bis in den September hinein storniert worden. „Das war schon erschreckend“, sagt Alexander Roos. Auch das Restaurant haben sie schließen müssen, hier gibt es nun einen Abholservice mit einer kleinen Karte. „Da schwankt die Nachfrage, aber das ist normal. Das kennen wir sonst auch, an manchen Tagen ist es richtig toll, an anderen ist nichts los.“ Momentan liege die Arbeitsspitze eh im Weinberg, berichtet er: „Da haben wir alle Hände voll zu tun, gerade wird noch die Ernte des letzten Jahres abgefüllt. Wir schauen aber, dass wir hier hauptsächlich mit unseren Familienkräften arbeiten, auch weil einige unserer Aushilfen zur Risikogruppe gehören – und wir wollen nicht, dass denen was passiert.“
Versandhandel nimmt stark zu
Auch bei den Nahe-Winzern im westlichen Kreisteil laufen die Geschäfte nicht wie sonst üblich. „Die Privatkunden sind im Moment schneller wieder da als sonst“, sagt Martina Linxweiler vom Weingut Hahnmühle in Mannweiler-Cölln schmunzelnd. „Sonst ist der Wein eben draußen getrunken worden, aber die Leute können ja gerade nicht ausgehen – dann kochen sie halt zuhause und machen sich einen schönen Wein dazu auf.“ Grundsätzlich habe sich der Ab-Hof-Verkauf aber trotzdem deutlich verlangsamt, es kämen nicht mehr so viele Leute ins Weingut wie sonst. Auch das Gastronomie-Geschäft sei komplett weggebrochen, dafür habe der Versandhandel stark zugenommen. „Die Leute lassen sich ihren Wein dann eben schicken.“
Das Weingut Hahnmühle beliefert auch viele Einzelhändler, darunter Edeka Strese in Rockenhausen und die Dennree-Biomärkte in Nordrhein-Westfalen. „Das läuft zum Glück sehr gut, die Einzelhändler haben im Verkauf sogar ein bisschen zugelegt“ sagt Martina Linxheimer, „aber das macht lange nicht wett, was an Einnahmen aus der Gastronomie fehlt“. Auch sie hat verschiedene Veranstaltungen wie die Jahrgangspräsentation zu Pfingsten absagen müssen, hofft aber, dass sich bis Ende August die Lage wieder etwas normalisiert hat: „Dann ist die große Gewächsverkostung, bei der unsere Toplagen in den Verkauf gehen, die würden wir schon sehr gerne machen.“ Generell ist ihr manchmal schon ein bisschen mulmig, wenn sie sich die Gesamtsituation anschaut. Aber sie blickt trotzdem zuversichtlich in die Zukunft: „Ich denk’, das werde mer scho’ hinkriege.“