Donnersbergkreis
Wie kann dem Ärztemangel entgegengetreten werden?
Zehn Hausarztpraxen müssen im Donnersbergkreis in den nächsten Jahren nachbesetzt werden, weil die Ärzte in Ruhestand gehen. Das, vor dem die Kassenärztliche Vereinigung (KV) schon 2005 gewarnt hätte, trete nun ein, sagt Rainer Saurwein von der KV Rheinland-Pfalz. „Die Altersstruktur der Hausärzte im Donnersbergkreis ist durch einen hohen Anteil von praktizierenden Vertragsärzten im Alter von über 54 Jahren gekennzeichnet.
Es kann also damit gerechnet werden, dass ein großer Anteil der Hausärzte noch in diesem Jahrzehnt altersbedingt ausscheidet und somit ein hoher Nachbesetzungsbedarf entsteht“, mahnte die KV, die für die ambulante medizinische Versorgung zuständig ist, noch einmal 2013. Damals war schon über die Hälfte der praktizierenden Hausärzte im Kreis über 54 Jahre alt.
Nicht genug Ausbildungsplätze
Dass es soweit kommen konnte, sei Schuld der Politik, sagt Saurwein: „Wir haben schon vor 15 Jahren unsere Forderungen gestellt, vor allem nach mehr Medizinstudienplätzen.“ Denn deren Mangel ist einer der Hauptgründe für das Aussterben der Praxen. In den 90er Jahren befürchtete man eine Ärzteschwemme und reduzierte die Studienplätze für Medizin um ein Drittel.
In Rheinland-Pfalz ist die Situation besonders angespannt. Medizin kann man hier nur an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität studieren. Laut KV gibt es in Rheinland-Pfalz im Verhältnis zur Einwohnerzahl damit die viertniedrigste Zahl an Medizinstudienplätzen in ganz Deutschland. Das Land kann also nicht ausreichend eigene Ärzte ausbilden und muss deshalb darauf setzen, dass junge Mediziner zuwandern. Eine Herausforderung, vor der auch Michael Cullmann, Bürgermeister der VG Nordpfälzer Land, steht.
Medizinstudenten zum Bleiben bewegen
Die Konkurrenz um den Nachwuchs zwischen den Regionen ist groß. Auf der Plattform der KV „Ort-sucht-Arzt“ suchen alleine 72 rheinland-pfälzische Gemeinden nach einem Allgemeinmediziner. Für Cullmann heißt das: „Wir müssen alles in unserer Macht stehende tun und die Werbetrommel rühren, damit die Jungen zu uns kommen.“ Doch das ist schwierig, denn zuständig sind die Kommunen eigentlich nicht, so Cullmann: „Wir können nur unterstützend wirken, aber einen direkten Einfluss haben wir nicht.“
Trotzdem ist für September eine Veranstaltung geplant: Gemeinsam mit der KV will die Verbandsgemeinde junge Mediziner und Medizinerinnen in die Nordpfalz einladen und die Region vermarkten. „Da können wir erste Kontakte knüpfen“, so Cullmann. Außerdem sollen künftig Medizinstudenten aus der Region angesprochen und zum Bleiben bewegt werden. In Betracht zieht Cullmann auch, jungen Medizinern Praxen zur Verfügung zu stellen. „Wenn jemand gerne hierherkommen möchte, dann müssen wir schauen, ob und wie wir ihn eventuell finanziell unterstützen können.“
Weniger Versorgungszeit
Doch ob das den Nachwuchs in die hiesigen Hausarztpraxen locken kann, bleibt fraglich. Denn ist das Medizinstudium erst einmal geschafft, ist das Hausarztdasein finanziell das unattraktivste. Facharztpraxen sind schlichtweg lukrativer. Das ist nicht nur im Donnersbergkreis so, sondern in ganz Deutschland. Doch der gesellschaftliche Wandel verschärft den Mangel im ländlichen Raum. Denn die jungen Mediziner wollen nicht mehr selbstständig sein. Die klassische Einzelpraxis um die Ecke hat ausgedient, sagt Saurwein: „Eine eigene Praxis bedeutet viel Aufwand und Bürokratie.“ Lästige Faktoren, die wegfallen, wenn man in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) oder einer Gemeinschaftspraxis angestellt ist.
Außerdem ist die Gesellschaft mobiler geworden. Junge Ärztinnen und Ärzte wollen sich nicht mehr an eine Lebensinvestition wie eine eigene Praxis binden. Dazu kommt die „Work-Life-Balance“, auf die der Nachwuchs zunehmend wert legt. Selbstständige Mediziner haben laut KV eine Arbeitszeit von rund 52 Stunden pro Woche, müssen Bereitschaftsdienste nachts, am Wochenende und an Feiertagen leisten. Angestellte arbeiten hingegen nur die tariflich vorgeschriebenen 40 Stunden. „Da lassen sich Beruf und Familie natürlich viel besser vereinbaren“, sagt Saurwein – und das hat wiederum Folgen für die ärztliche Versorgung. Der Nachwuchs steht mit weniger Versorgungszeit zur Verfügung als noch die alten Mediziner.
Gemeinschaftspraxen und MVZ?
Zukunftsfähig sind also vor allem Gemeinschaftspraxen und MVZ, sagt Saurwein. „Wir müssen in den Regionen mit den Ärzten sprechen, ob sie nicht Teile einer solchen Struktur werden wollen. Wenn sie bereit sind, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass sie für ihre Praxis Nachfolger finden.“
Zumindest für MVZs haben Gesetze schon den Weg geebnet: Früher mussten Ärzte Träger der Einrichtung sein, mittlerweile dürfen das auch Kommunen. In Kirchheimbolanden entsteht ein solches MVZ bereits. In einem RHEINPFALZ-Gespräch im November 2020 kündigte Landrat Rainer Guth eine ähnliche Struktur in der VG Nordpfälzer Land an. Es habe bereits Gespräche gegeben, sagte der Landrat damals. Wie weit fortgeschritten die Pläne mittlerweile sind, ist nicht bekannt.
Kombi-Lösung vorstellbar
Doch solche großen Praxen siedeln sich eben nicht in den kleinen Dörfern an, denn hier gibt es weder Bedarf noch Strukturen für MVZs. Hier will die KV die Versorgung abseits des klassischen Mediziners sichern: Nichtärztliche Praxisassistenten (NäPas) sollen sich um Hausbesuche kümmern. Ein Teil der ärztlichen Versorgung auf dem Land soll mit Telemedizin aufgefangen werden.
Cullmann könnte sich eine Kombi-Lösung vorstellen: Ein MVZ, das einige Tage pro Woche auch Praxen in verschiedenen Orten der Verbandsgemeinde besetzt. Denn besonders in der ehemaligen Verbandsgemeinde Alsenz wird sich die ärztliche Versorgung verschlechtern: Gleich zwei Praxen schließen in dieser Gegend im kommenden Jahr; eine in Obermoschel, eine in Schiersfeld.