Donnersbergkreis Weichmeiers Armageddon

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Stecken die Amis hinter den Ufos? Beim Neujahrsempfang wird’s bildgewaltig.

„Armageddon“. Weichmeier rümpfte mit Blick auf die zerfetzten Überreste im Rinnstein die Nase. Das 16-teilige Raketen-Sortiment, so war auf der Verpackung zu lesen, hatte herrliche Blinksternbuketts in Multi-Colour, imposante Brokateffekte und Flimmer in Silber, teilweise mit fetzigem Knalleffekt geboten. „Knalleffekt, ja ganz großartig“, dachte Weichmeier und rieb sich die Beule an seinem Kopf. Wenige Sekunden vorm Jahreswechsel hatte ihn offensichtlich eine dieser Bombetten am Kopf getroffen und für einen kurzzeitigen Black-Out gesorgt. Dass dabei nichts Schlimmeres passiert war, hatte er wohl nur seiner „Canada Goose Arctic Tech Shearling Pilotenmütze“ aus Wildleder und Merinowolle zu verdanken. Neben der durchweichten Feuerwerks-Packung ergoss eine bemitleidenswerte Sektflasche ihren verbliebenen Inhalt auf den Asphalt. Offenbar war Weichmeier einer der einzigen, die am Neujahrsmorgen in der Kleinen Residenz unterwegs waren. Die Überbleibsel des feucht-fröhlichen Jahreswechsels waren auf der Straße gegenwärtig. Weichmeier genoss die klare Luft, die sein gebeuteltes Hirn wieder mit etwas Sauerstoff versorgte. Vom Römerplatz lief er durch den Torbogen am geschlossenen Café Kernel vorbei in Richtung Mozartbrunnen. Einmal mehr war der Hauptkommissar a. D. am Grübeln. Sicher, die Spur im Keltengarten war eine Sackgasse gewesen. Kelten und Außerirdische – vielleicht war das doch etwas weit hergeholt gewesen. Aber das änderte nichts an seinem Anfangsverdacht. Die Beobachtungen, die er – und ganz offensichtlich auch einige andere Bürger – am Nachthimmel gemacht hatten, ließen sich nicht so einfach abhaken. Und auch für das merkwürdige Überwachungs-Fahrzeug mit KIB-Kennzeichen hatte er noch keine plausible Erklärung gefunden. Während Weichmeier die Vorstadt entlang lief, vorbei am Dönerladen Falken, fiel sein Blick auf die unansehnliche Ecke gegenüber. Hier hatte sich vor Jahren der Drogeriemarkt „Ihr Ort“ befunden. Nach der Klecker-Pleite war auch dieser letzte verbliebene Markt in der Innenstadt verschwunden. Seit Monaten hingen vergilbte Plakate an den verdreckten Fensterscheiben. Auf dem Boden davor lag eine zerfledderte Ausgabe der Blind-Zeitung. Und plötzlich war Weichmeier wieder hellwach und wie elektrisiert. „Suche nach Außerirdischen – Heimliche Ufo-Forschung im Pentagon“, stand da in dicken Lettern. Ohne Umschweife hob Weichmeier das feuchte Papier auf und überflog den in einfachen Sätzen formulierten Text. Demnach sollte das US-Verteidigungsministerium Meldungen über mysteriöse Flugobjekte oder Ufos ohne Kenntnis der Öffentlichkeit nachgegangen sein. Die Kosten wurden im Verteidigungshaushalt versteckt. 22 Millionen Dollar pro Jahr sollte für das „Programm zur Identifizierung von Bedrohungen im Luft- und Weltraum“ ausgegeben worden sein. Weichmeier war sofort klar: Sowas gab es sicher nicht nur in Amerika. Das auffällige Überwachungsfahrzeug, die Häufung von ganz offensichtlich als Windräder getarnten Leucht-Markierungen rund um den Donnersberg, der Berg selbst als natürlicher Wegweiser, der wegen seiner Höhe bestimmt auch aus dem Weltraum sichtbar war ... Weichmeier blickte in den Himmel. Wenn es dort oben Leben gab, dann würden sich die Aliens Kirchheimbolanden als Landeplatz aussuchen. Da gab es keinen Zweifel. Und mal ehrlich: Wenn man an manchen Tagen durch die Discounter in der Kleinen Residenz schlenderte, war man sich nicht sicher, ob sich die Aliens nicht schon längst unter die normale Bevölkerung gemischt hatten. Seit dem Jahreswechsel waren schon wieder ein paar Tage vergangen. Weichmeier hatte die Zeit genutzt, um in seinem Hobby-Keller an einer Laubsäge-Arbeit zu werkeln. Nach dem Desaster mit dem Weihnachtsgeschenk für Dörthe, das wiedererwartend überhaupt nicht gut angekommen war (dabei hatte er sich beim Aussuchen der Infrarot-Wärmelampe so viel Mühe gegeben), wollte er schon jetzt für den im Frühjahr anstehenden Geburtstag seiner Gattin gerüstet sein. Für das Mobilé, an dem er nun arbeitete, hatte er sich von seinem Freund Heinz Torf einige leere Whisky-Flaschen besorgt. Mithilfe von Dörthes Dampfbügeleisen hatte er die Etiketten fein säuberlich abgelöst. Aufgeklebt auf hübsch ausgesägte Holzschildchen würde sich das Mobilé wunderbar über dem Couch-Tisch machen ... „Waaaaaaaaaaaalter!“ Dörthes elfengleiche Stimme ließ Weichmeier hochschrecken. Er fluchte. Um ein Haar hatte er sich vor Schreck in den Finger gesägt. „Was denn?“, brüllte er die Treppe hinauf. „Der Neujahrsempfang! Du musst langsam los“, rief Dörthe hinunter. Schon beim Wort „...empfang“ hatte Weichmeier die Säge fallen lassen und hechtete die Treppe hinauf. Nicht nur, dass er das jährliche Stelldichein der Stadtobersten und derer, die gerne dazu gehören würden, auf keinen Fall verpassen wollte, das war auch die Gelegenheit, um den Stadtbürgermeister unter den Augen hunderter Gäste mit seinen Vorwürfen in Sachen „Außerirdische in Kibo“ zu konfrontieren. Dann konnten weder die Schmierfinken vom „Donnersberger Rundblick“ noch der Polizeichef Schlosssieger länger wegschauen ... Die Stadthalle war gut gefüllt. Weichmeier hatte sich im hinteren Teil der Halle auf einen freien Platz gesetzt. Von hier konnte er in aller Ruhe die Szenerie beobachten. In den Sitzreihen vor ihm erkannte er die üblichen Verdächtigen: Stadtgärtner Tausendschön und Bademeister Karl Karl waren da. In einer Ecke stand sein Freund Heinz Torf, der sich offenbar schon im Foyer eine Brezel organisiert hatte, in die er herzhaft hinein biss. Auch Heiner Finkl, Harry Amsel und Dr. Thekan waren da. Fotograf Stefan Thomas schoss mit dem Teleobjektiv Fotos aus der letzten Reihe. Weichmeier fragte sich zwar, warum der Fotograf schon jetzt Bilder machte, obwohl die Veranstaltung noch gar nicht richtig begonnen hatte, mit einem Blick auf seine Smartwatch fand er die Antwort aber sogleich selbst: Man war fünf Minuten im Verzug, und Thomas fotografierte eben immer zu der Uhrzeit, für die er von der Rhoipalz bestellt war – aus Prinzip. Apropos. In der ersten Reihe entdeckte er auch Severin Ruppertseck, den mittlerweile gar nicht mehr so neuen Lokalchef des Donnersberger Rundblicks. Weichmeier beobachtete den eifrigen Jung-Journalisten misstrauisch. „Am Ende stellt sich heraus, dass der in Wirklichkeit auch ein Außerirdischer ist“, dachte er sich und musste ein bisschen grinsen. Das wäre zumindest eine Erklärung dafür, wie Ruppertseck das selbstauferlegte Arbeitspensum überhaupt schaffen konnte. Gefühlt war der ja ständig an mehreren Orten gleichzeitig. Wenn er nicht in Offenbach-Hundheim, Kottweiler-Schwanden oder Finkenbach-Gersweiler einen brutalen Halbmarathon absolvierte ... Das Mikrofon fiepste und zischte, als der Stadtbürgermeister ans Rednerpult trat. Eine Tatsache (also das Fiepen und Zischen), an die man sich in der Stadthalle allerdings mittlerweile gewöhnt hatte. Die Ton-Anlage war vermutlich vorher von der Deutschen Bahn ausgemustert worden, weil sie zur Beschallung von Bahnsteigen nicht mehr getaugt hatte. Vor der Bühne waren die guten Seelen der Stadthalle, Rainer Wunsch und Stefanie Katrin, damit beschäftigt, weitere Stühle herbeizuschaffen. Weichmeiers Blick fiel durchs Fenster. Hinter der Stadthalle stand ein roter Transporter. Der Ex-Polizist traute seinen Augen nicht. Deutlich erkannte er, dass es sich bei dem Wagen um ein ehemaliges Feuerwehr-Fahrzeug handelte. Aus der Ladeklappe liefen Kabel an der Außenwand entlang, um dann durch eine Tür ins Innere der Stadthalle zu gelangen. Ein Team von jungen Leuten war mit allerlei Technik bepackt – und mit Kameras. Auf ihren T-Shirts prangte die Aufschrift „Offener Kanal Kibo“. „Geile alte Kiste“, hörte er einen der Männer sagen. Offensichtlich handelte es sich dabei um Matthias Schwarz, den Inhaber des gleichnamigen Hotels, der sich mit einem anderen Herren unterhielt, den Weichmeier nicht kannte. „Die Feuerwehr hatte den LT 530 ausgemustert. Baujahr ’86. Wurde wohl Zeit. Aber für uns vom OK ist das der perfekte Transport- und Übertragungswagen“, sagte Schwarz. Weichmeier rutschte in seinem Sitz zusammen. Doch noch bevor er sich so richtig bewusst machen konnte, dass sich gerade eine seiner Hauptspuren in Wohlgefallen aufgelöst hatte, begrüßte der Stadtbürgermeister auf der Bühne den Historiker Dr. Klaus Hud und den Fotografen Jürgen Duduer. „Wir freuen uns, Ihnen zum diesjährigen 650. Geburtstag der Stadt einen wunderschönen Bildband zur Geschichte vorstellen zu können.“ Applaus brandete auf. Auf der Leinwand hinter dem Rednerpult erschienen beeindruckende Fotos, die Duduer von der Kleinen Residenz geschossen hatte. „Besonders stolz sind wir, dass wir Ihnen erstmals diese nagelneuen Luftaufnahmen zeigen können.“ Weichmeier blickte starr auf die Leinwand. Der Lichtstrahl des Beamers ließ dort spektakuläre Fotos erscheinen, die Kirchheimbolanden von oben zeigten. „Mit einer speziellen Kamera-Drohne konnte Jürgen Duduer die Aufnahmen fertigen“, erklärte Hud. „Entschuldigen möchten wir uns, falls die Drohne bei der Bevölkerung für Verwirrung gesorgt hat“, so Duduer. „Wir sind natürlich keine kleinen grünen Männchen.“ Das Lachen im Publikum hörte Weichmeier nur noch aus der Ferne. Er schloss die Augen. Es wurde stockfinster.

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