Donnersbergkreis RHEINPFALZ Plus Artikel Was junge Wähler bewegt: Soziale Medien statt Wahlprogramm

Erstwähler haben oft Schwierigkeiten mit ihrer Entscheidung.
Erstwähler haben oft Schwierigkeiten mit ihrer Entscheidung.

2,8 Millionen junge Menschen dürfen bei der Bundestagswahl am Sonntag erstmals mitbestimmen, wer in den kommenden vier Jahren im Land das Sagen hat. Gar nicht so einfach... Was bewegt die jungen Wähler im Kreis bei der diesjährigen Bundestagswahl?

Der Grund für den Gang zur Urne ist bei vielen der gleiche: Den meisten Jugendlichen gefällt der Gedanke, Einfluss darauf haben zu können, wie die Rahmenbedingungen für ihr späteres Leben aussehen. So auch Viktoria Krennerich aus der zwölften Klasse des Wilhelm-Erb-Gymnasium (WEG) in Winnweiler: „Wenn man die Möglichkeit hat, wählen zu gehen und etwas für die Gesellschaft zu tun, dann ist es auch wichtig, sie zu nutzen.“ Ähnlich sieht das Nils Döhrmann, er besucht derzeit die 13. Klasse am Nordpfalzgymnasium (NPG) in Kirchheimbolanden. „Man fühlt sich da viel mehr als Teil der Gesellschaft.“

Politische Bildung auch Aufgabe der Schule

Dennoch gibt es zahlreiche Jugendliche, die sich dafür entscheiden, ihre Stimme nicht abzugeben. Als Hauptursache für die häufige Politikverdrossenheit unter jungen Menschen benennt Luka Zäuner, ebenfalls Schüler am WEG, die Schwierigkeit, sich als Jugendlicher für eine Partei zu entscheiden. Die Wahlprogramme der Parteien seien häufig viel zu lang und kompliziert. Sein Mitschüler Luca Müller ergänzt: „Zum Beispiel beim Thema Klimaschutz sind sich viele Parteien ganz ähnlich, aber der Unterschied steckt in den Feinheiten.“ Auch das soziale Umfeld, vorrangig das Elternhaus, sei bei der politischen Meinungsbildung entscheidend.

Für Linus Stark aus der 13. Klasse des Weierhof-Gymnasiums beginnt politische Bildung in der Schule. „Eigentlich müsste die Schule sagen: Wir führen euch da ran, wir zeigen euch, was die einzelnen Parteien wollen und wie man wählt.“ Auch für Luisa Bauer (13. Klasse, NPG) spielt der Sozialkundeunterricht in der Schule eine wichtige Rolle, um sich in der Politik gut auszukennen.

Parteien müssen „über ihren Schatten springen“

Bei der Frage, was Politiker und Parteien tun können, um das Interesse bei mehr jungen Menschen zu wecken, haben die Schüler einige Vorschläge. Luka Zäuner bemängelt vor allem den zu hohen Altersdurchschnitt in den Parteien. Einigen Schülern fehle auch der Kontakt und die Nähe zur Politik. „Du sitzt da manchmal wirklich und denkst: Die machen doch Politik nur für sich selbst!“, sagt Lionel Sommer (Klasse 13, NPG). Zwar haben die Schüler festgestellt, dass sich der Umgang der Politik mit jungen Menschen bereits gewandelt hat, da mehr Politiker und Parteien in den sozialen Medien unterwegs sind – dennoch scheint dieser Versuch, an die Jugend heranzutreten, keine große Begeisterung auszulösen. „Die jungen Leute holt man nur ins Boot, wenn man sich selbst jung verkauft, und zwar gut jung verkauft, und das kriegt irgendwie momentan noch keine Partei so richtig hin“, sagt Sommer.

Nils Döhrmann findet, Politiker und Parteien sollten „über ihren Schatten springen“ und sich auch auf Formate und Angebote einlassen, die sie nicht gewohnt seien. So konnte er die Absage des Kanzlerkandidaten Armin Laschet auf eine Interviewanfrage des Youtubers Rezo, der unter jungen Menschen sehr bekannt ist und somit eine große Reichweite hat, nicht nachvollziehen. „Das wäre eine wirklich gute Möglichkeit gewesen, um viele junge Leute ein bisschen politikinteressierter zu machen.“

Informationsquelle Internet

Denn die „Generation Internet“ nutzt als Hauptinformationsquelle für ihr politisches Wissen eben vor allem soziale Netzwerke wie Instagram oder Twitter. Auch Lionel Sommer holt sich dort sein Wissen über Kandidaten und Parteien, wobei er gern auf öffentlich-rechtliche Kanäle (zum Beispiel die Tagesschau und die „Heute“-Sendung) zurückgreift. Nur wenige der jungen Wähler lesen noch das gesamte Wahlprogramm einer Partei.

TV-Debatten empfinden die Schüler weitgehend als unattraktiv. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass mich das in irgendeiner Art und Weise weitergebracht hat“, sagt Viktoria Krennerich. Lionel Sommer teilt diese Meinung. Für ihn sind TV-Debatten hauptsächlich aufgrund der fehlenden Repräsentation von jungen Menschen uninteressant. „Ich will gern andere Sachen wissen als Menschen im Alter von 50 Jahren.“

Die Schüler des Weierhofs haben hingegen die TV-Trielle gerne als Informationsquelle benutzt. „Gerade da erlebt man die Kandidaten am besten, wie sie spontan auf sehr schwierige Fragen reagieren“, sagt Marduk Lehnert (Klasse 11, Gymnasium Weierhof).

Klimaschutz, Bildung und Wirtschaft wichtig

Bei der Vorbereitung auf ihre Wahlentscheidung setzen alle befragten Schüler etwa dieselben Schwerpunkte: Insbesondere der Klimaschutz liegt ihnen sehr am Herzen. Aber auch die Themen Bildung und Digitalisierung sowie Corona, Flüchtlingspolitik und Wirtschaft sind von Bedeutung. Kurzum: Das Spektrum ist breit. „Man legt auf alles ein bisschen Wert, nicht nur auf eines“, sagt Chiara Heck vom Weierhof.

Grund genug also, für die Schüler ihr Stimme abzugeben, befindet auch Marduk Lehnert: „Mir ist es sehr wichtig, wählen zu gehen, damit ich auch meinen Beitrag dazu leisten kann, etwas zu verändern.“

Linus Stark, Chiara Heck und Marduk Lehnert (von links).
Linus Stark, Chiara Heck und Marduk Lehnert (von links).
Luca Müller, Luka Zäuner und Viktoria Krennerich (von links).
Luca Müller, Luka Zäuner und Viktoria Krennerich (von links).
v.l.: Nils Döhrmann, Lionel Sommer und Luisa Bauer (von links).
v.l.: Nils Döhrmann, Lionel Sommer und Luisa Bauer (von links).
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