Donnersberger Echo
Von fragwürdigen Vorschriften und fiesen Zeitgenossen – unsere Wochenendkolumne
Auflagen für Umzüge: Veranstalter werden alleine gelassen
Das Unglück bei der Loveparade 2010 in Berlin, als im Gedränge 21 Menschen ums Leben gekommen und hunderte zum Teil schwer verletzt worden sind. Der Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, als 2016 ein islamistischer Terrorist einen Sattelzug in eine Menschenmenge gesteuert und 13 Personen getötet hat: Natürlich ist es richtig, dass diese und etliche weitere Ereignisse zum Überdenken und Verschärfen der Auflagen bei Großereignissen geführt hat. Und klar ist auch, dass die weltpolitischen Entwicklung der vergangenen Jahre das Sicherheitsempfinden der Bevölkerung nicht gerade gestärkt hat. Dass aber die vor zwei Jahren erfolgte Änderung des Polizei- und Ordnungsbehördengesetzes (POG) in Rheinland-Pfalz bis in den kleinsten Fasnachts- und Kerweumzug hineinwirkt, erscheint des Guten dann doch deutlich zu viel und mit Kanonen auf Spatzen geschossen zu sein.
Sei es den – häufig nicht mehr vorhandenen – Nachweis einer Betriebserlaubnis für die als Motivwagen verwendeten Traktor-Anhänger, das von einem TÜV-Prüfer nach Kontrolle ausgestellte Brauchtumsgutachten oder die Vorschrift, dass pro Achse eine Person den Bereich um die Räder sichern muss: Der Winnweilerer VG-Bürgermeister Rudolf Jacob sowie Christopher Opp vom Jugend- und Kerweverein Steinbach haben diese Woche in der RHEINPFALZ anschaulich beschrieben, welche bürokratischen Hürden die Veranstalter der Kerweumzüge, beispielsweise aber auch des traditionsreichen Umzugs anlässlich der „Kerchemer Bierwoche“ in den nächsten Monaten erfüllen müssen.
Und bekanntlich steckt der Teufel oft im Detail: So werden die „Rollen“, die meist im Besitz von Landwirten sind, häufig über Sommer bei der Fruchternte benötigt und deshalb den Organisatoren – in der Regel der örtlichen Kerwejugend – erst wenige Tage vor dem bunten Lindwurm zur Verfügung gestellt. Das wiederum ist den „Machern“ des Gesetzes in Mainz wohl ebenso wenig bewusst wie der Umstand, dass diese Regelungen spontane Änderungen, wie sie bei solchen Umzügen auf dem Dorf gang und gäbe sind, praktisch unmöglich machen.
Immerhin gibt es in der Kommunalpolitik erste Bestrebungen, den ausrichtenden Vereinen und Gemeinden Hilfestellungen zu geben. So will die Winnweilerer Verwaltung einen einheitlichen Leitfaden für alle Veranstalter erstellen, sich um die Zusammenarbeit mit örtlichen (und damit billigeren) TÜV-Prüfern bemühen sowie die Stadt Kirchheimbolanden für die Teilnehmer des Bierwochen-Umzugs die Kosten des Brauchtumsgutachtens übernehmen. Das ist löblich, scheint aber gegenüber dem Gesamtpaket an Forderungen nur ein Tropfen auf den heißen Stein zu sein. Nein – hier werden die auch von der Landesregierung vielfach gepriesenen Ehrenamtlichen im Regen stehen und „von oben“ mit ihren Nöten weitgehend allein gelassen.
Im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten für den Weg aus diesem Dilemma: Entweder die Richtlinien werden so umgestaltet, dass es vernünftigerweise doch Unterschiede zwischen dem Mainzer Rosenmontagszug und dem „Schdoabacher“ Kerweumzug gibt – natürlich bleibt dann die Frage, wo die Grenze zu ziehen ist –, oder den Veranstaltern werden personelle und finanzielle Hilfen bei der Umsetzung der Regeln an die Hand gegeben. Andernfalls werden viele Umzüge in unserer Region bald sehr sicher sein – weil sie gar nicht mehr stattfinden.
Rainer Knoll
Betrugsmaschen: Wie peinlich – Sie kennen mich doch?
„Hallo, das ist aber schön, dass wir uns mal treffen!“ Freudestrahlend läuft die Frau in der Fußgängerzone auf die Freundin meiner Mutter zu. „Wie geht es Dir, lange nicht gesehen!“. Oh wie peinlich, ich habe keine Ahnung, woher ich sie kennen könnte, schießt es der 85-Jährigen durch den Kopf. Jetzt geht es also doch los, denkt sie. Ich hatte in letzter Zeit ja schon öfter mal den Eindruck, dass ich immer mehr Dinge vergesse. Gerade letzte Woche den Geburtstag meiner langjährigen Nachbarin. Einfach vergessen!
Und nun steht da diese Frau, die ihr nicht im Mindesten bekannt vorkommt. Etwa 70 Jahre alt, gut gekleidet, ordentlich frisiert, freundliche Erscheinung. Im Hinterkopf rattert es. Gymnastikgruppe, Gedächtnistraining, Freundinnentreffen... Es will einfach nicht Klick machen. Mein Gott, wie peinlich!!! „Also, im Moment weiß ich gar nicht...“, stammelt sie ein wenig verlegen. Und erntet einen vernichtenden Blick – eine Mischung aus Enttäuschung und Vorwurf: „Das gibt’s doch nicht, beim letzten Mal hast du mich auch zuerst nicht gekannt.“ Das wird ja immer peinlicher. Okay, dann halt ein wenig plaudern und so tun als ob, vielleicht dämmert es dann ja. Vielleicht würde es ja noch kommen – das erhoffte Stichwort, das Licht ins Dunkel bringt. „Die Kinder waren zusammen in der Schule – wir haben früher in der Nachbarschaft gewohnt – mein Ehemann war doch schon so lange krank“, spult die vermeintliche Bekannte ab. Nichts, weiterhin keine Erinnerung!
Apropos Ehemann, legt die „fremde Bekannte“ nach: Den wolle sie gerade im Krankenhaus besuchen, habe jedoch unglücklicherweise den Geldbeutel daheim vergessen. Nun habe sie kein Geld – und der Bus fahre doch gleich, jammert sie der Freundin meiner Mutter vor. Natürlich müsste sie jetzt Nein sagen, beim Geld hört der Spaß schließlich auf! Natürlich wäre es am besten, sich umzudrehen und wortlos wegzugehen. Doch dazu ist es zu spät. Zu viel Peinlichkeit, zu viel Aufregung sorgen im Kopf vorübergehend für die totale Verwirrung. Natürlich leiht sie ihr 30 Euro für den Bus, man kennt sich ja schließlich – woher doch gleich? Und schwupps ist die Frau, die in ihrem Leben so vielem die Stirn geboten hat und nie für Einfältigkeit bekannt war, auf eine Trickbetrügerin hereingefallen. Ihr Ehr- und ihr Schamgefühl sind zu den Stolpersteinen geworden, mit denen jene Betrüger knallhart kalkulieren, für die beides Fremdwörter sind.
Müßig zu erwähnen, dass die 30 Euro nicht wie versprochen an die Ich-weiß-ja-wo-du-wohnst-Adresse zurückgeschickt werden. Der Betrogenen bleiben ein bitterer Nachgeschmack von Fassungslosigkeit sowie die Gewissheit, dass man zum Narren gehalten wurde. Und der Vorsatz, bei peinlichen oder seltsamen Begegnungen auf das Bauchgefühl zu hören und den Rückzug anzutreten. Denn zu hoffen, dass solche skrupellosen Menschen aussterben, ist ein aussichtsloses Unterfangen.
Jutta Glaser-Heuser